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Bluttat in Charleston : Wie wurde Dylann Roof zum Attentäter?

  • -Aktualisiert am

Der mutmaßliche Attentäter von Charleston, Dylann Roof, wurde am Freitag erstmals dem Haftrichter vorgeführt. Bild: dpa

Der 21 Jahre alte Täter von Charleston hat sein verqueres Weltbild an neun Schwarzen exekutiert. Offenkundig beruft er sich auf ein Widerstandsrecht.

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          Als Dylann Storm Roof am Donnerstag in Fußfesseln und schusssicherer Weste aus der Polizeiwache in Shelby im Bundesstaat North Carolina zu einem Streifenwagen geführt wurde, zog sich ein Lächeln über sein Gesicht. Immer wieder suchte der Einundzwanzigjährige Blickkontakt zu den Fernsehkameras - als sei er stolz darauf, am Abend zuvor bei dem Anschlag auf die Emanuel African Methodist Episcopal Church (AME) in Charleston neun Menschen getötet zu haben. Schon während des Verbrechens in der traditionell afroamerikanischen Kirche soll Roof versucht haben, sich ein Denkmal zu setzen. Wie eine Besucherin der Bibelstunde, bei der er das Feuer eröffnete, ihrer Familie berichtete, hat er sie verschont, damit sie der Welt berichte, was am 17. Juni gegen 21 Uhr im Keller einer der ältesten Kirchen des amerikanischen Südens geschah. Nach den bisherigen Ermittlungen betrat Roof eine Stunde vor der Tat die Kirche und setzte sich neben Pastor Clementa Pinckney.

          „Ich habe keine Wahl. Ihr vergewaltigt unsere Frauen und übernehmt die Herrschaft über unser Land“, ließ der Sohn einer weißen Südstaatenfamilie seine schwarzen Opfer wissen, bevor er mit einer halbautomatischen Pistole auf sie schoss. Wie die amerikanische Bundespolizei (FBI) mitteilte, lud Roof die Waffe des Typs Glock mindestens fünfmal nach. Innerhalb weniger Sekunden brachen Pastor Pinckney, Cynthia Hurd, Tywanza Sanders, Myra Thompson, Ethel Lance, Susie Jackson, DePayne Middleton Doctor, Sharonda Singleton und Daniel Simmons zusammen. Eine Fünfjährige überlebte nur, weil ihre sterbende Großmutter ihr aufgetragen hatte, sich tot zu stellen.

          Bei einer Gedenkstunde in der benachbarten Kirche Morris Brown AME gab der Bischof der afroamerikanischen Methodisten-Gemeinde, John Richard Bryant, am Donnerstag den Waffengesetzen der Vereinigten Staaten die Schuld am schlimmsten Verbrechen in Charlestons jüngerer Geschichte. „Wir verlieren zu Hause mehr Menschen als auf allen Kriegsschauplätzen an fernen Orten. Auf unseren Spielplätzen, an unseren Schulen und in unseren Wohnungen herrscht Gewalt. Jetzt macht sich auch in unseren Kirchen Gewalt breit. Schuld sind die Waffen“, sagte der Geistliche.

          Mitbewohner: „Er machte auch rassistische Witze“

          Roof, der unmittelbar nach den Schüssen in seinem Auto flüchtete, war wenige Stunden zuvor etwa 300 Kilometer entfernt im Nachbarstaat North Carolina verhaftet worden. Seine Schwester Amber hatte ihn auf den Bildern einer Überwachungskamera der Emanuel-Kirche identifiziert. Während in South Carolina Hunderte Polizisten den Flüchtigen suchten, erkannte die Floristin Debbie Dills den mutmaßlichen Täter etwa zehn Stunden nach den Schüssen in Kings Mountain in North Carolina. Sie rief die Polizei und verfolgte Roof fast 50 Kilometer, bis die Beamten in der Kleinstadt Shelby seinen Wagen umstellten. „Ich hatte die Nachrichten gesehen. Sie zeigten sein Auto mit einem Aufkleber der Konföderierten-Flagge an der Stoßstange“, sagte Dills dem „Shelby Star“. Die rote Flagge mit dem weiß-blauen Schragenkreuz - im 19. Jahrhundert während des amerikanischen Bürgerkriegs ein Zeichen südstaatlicher Selbstbestimmung, heute das umstrittene Symbol des oft als Rassismus interpretierten „Southern Pride“ - war ihr an einer Ampel sofort ins Auge gefallen. Roof habe sich widerstandslos festnehmen lassen, sagte Charlestons Polizeichef Greg Mullen. Die Glock-Pistole sei in seinem Wagen entdeckt worden.

          Carson Cowles, ein Onkel des Einundzwanzigjährigen, beschrieb den mutmaßlichen Schützen als schüchternen, zurückgezogen lebenden jungen Mann. „Er war viel allein“, sagte Cowles der „Washington Post“. Roof wuchs in der Kleinstadt Gaston bei Columbia auf, wo er als Kind kaum auffiel. In der Pubertät sackte er jedoch in der Schule ab und schaffte die 9. Klasse nicht. Als Roof ein zweites Mal als „Freshman“ an der High School antreten sollte, verließ er die Schule. Die Zeit vertrieb er sich fortan scheinbar ziellos mit Computer und Skateboard oder in Einkaufszentren. Als Roof sich bei den Geschäftsinhabern immer wieder nach deren Öffnungszeiten erkundigte, gaben sie der Polizei vorsichtige Hinweise. Bei einem Gespräch auf der Wache fanden Polizisten im Februar in seiner Jackentasche Suboxone, ein Medikament zur Behandlung der Abhängigkeit von Opioiden. Roof wurde verhaftet und wegen Drogenbesitzes angeklagt. Für das Einkaufszentrum Columbiana Centre erhielt er Hausverbot. Als das Sicherheitspersonal der Mall Roof im April dennoch auf dem Parkplatz fand, folgte eine Anzeige. Ende Mai verurteilte ein Gericht den Einundzwanzigjährigen daraufhin zu einer Geldstrafe in Höhe von 260 Dollar.

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