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Dutroux-Prozeß : „Warum hat er mich nicht umgebracht?“

  • Aktualisiert am

Selbstbewußt: Sabine Dardenne Bild: dpa/dpaweb

Im aufsehenerregenden Prozeß gegen den mutmaßlichen Mädchenmörder Marc Dutroux hat erstmals eines der überlebenden Opfer über die Qualen während der fast dreimonatigen Gefangenschaft ausgesagt.

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          "Danke und auf Wiedersehen." Mit diesen Worten und einem Küßchen hatte sich Mitte August 1996 die damals zwölf Jahre alte Sabine Dardenne von ihrem Peiniger verabschiedet. Am Montag schaut sie Marc Dutroux wieder in die Augen, dieses Mal als Zeugin der Anklage. Zunächst zögernd, dann aber mit immer fester klingender Stimme sagt sie aus. Minutiös beantwortet sie Fragen zu den qualvollen Stunden von ihrer damaligen Entführung auf dem Weg zur Schule bis zu ihrer Befreiung aus den Fängen des Kinderschänders und mutmaßlichen Mörders nach 81 Tagen. Schließlich entfährt es dem Vorsitzenden Richter Stephane Goux in der väterlichen Art, die für ihn kennzeichnend ist: "Hut ab, Sie sind brillant gewesen!"

          Sabine Dardenne ist jetzt zwanzig Jahre alt. Mit ihren schulterlangen mittelblonden Haaren, einfach gekleidet mit schwarzer Hose und beigefarbenem Pullover, unterscheidet sie sich nicht von ihren Altersgenossinnen. Wäre da nicht jener Blick, der zwischen Ostende und Arlon so viele Erinnerungen an das Jahr 1996 wachruft: an eine kleine wallonische Schülerin, nach der wochenlang vergeblich gefahndet wird, die bei ihrer Befreiung im August vor Freude hemmungslos weint und schließlich beim großen Brüsseler "weißen Marsch" im Herbst 1996 schüchtern Zehntausenden von Demonstranten zuwinkt.

          Weder vergessen noch vergeben

          Siebeneinhalb Jahre später ruhen im Prozeß viele Hoffnungen auf den Aussagen von Sabine Dardenne sowie der zwei Jahre älteren Laetita Delhez. Sie wird an diesem Dienstag in Arlon ihre Erfahrungen als Entführungsopfer schildern. Bei den Verbrechen, die Dutroux und den drei Mitangeklagten in Arlon zur Last gelegt werden, waren vier Mädchen im Alter von acht bis 19 Jahren sowie ein Komplize Dutroux' ums Leben gekommen. Sabine Dardenne ahnte davon nichts, als sie in dem Verlies ausharren mußte.

          Die heute 20jährige Sabine Dardenne war 1996 fast drei Monate lang in der Gewalt von Dutroux
          Die heute 20jährige Sabine Dardenne war 1996 fast drei Monate lang in der Gewalt von Dutroux : Bild: dpa/dpaweb

          Am Montag will Sabine Dardenne Dutroux, den Zuschauern, dem Gerichtspräsident, den zwölf Juroren, wohl aber auch sich selbst beweisen, daß sie die durchlittenen Höllenqualen weder vergessen noch vergeben will. Vor allem aber, daß sie mit ihrem schweren Schicksal so gut es geht zurechtgekommen ist. Einmal wendet sie sich im Gerichtssaal unmittelbar an Dutroux und fragt: "Ich würde gerne von ihm wissen, der sich über meinen schweinischen Charakter beklagt hat, warum er mich nicht umgebracht hat." Im Glaskäfig, der die Angeklagten von der Zeugin trennt, antwortet Dutroux, dies sei nie seine Absicht gewesen. Er bestreitet jedoch nicht, das Mädchen vergewaltigt zu haben. "Dafür trage ich die vollständige Verantwortung. Punkt." Überzeugend klinge das alles nicht, reagiert Sabine Dardenne abschätzig.

          Mit dem Tod bedroht

          Und als Michelle Martin, die mitangeklagte Frau von Marc Dutroux, die junge Frau um Verzeihung bitten will, reagiert Sabine Dardenne geradezu unwirsch: "Sie wußten, wo ich war, mit wem, was er getan hat." Richter Goux erspart der Zeugin und dem Publikum Fragen zu Einzelheiten der Vergewaltigung. Auch in einem einstündigen Gespräch, das die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender RTBF und VRT am Montag abend ausstrahlen, umschreibt Sabine ihre Mißhandlung als "Dinge, die mit Kindern nicht normal sind". Dennoch sind die Details schockierend genug. Die Mutter von Laetitia Delhez sowie der Vater der nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden lebendig begrabenen An Marchal erleiden am Montag im Gerichtssaal Schwächeanfälle und müssen in ein Krankenhaus gebracht werden.

          Vieles, was Sabine Dardenne am Montag vor Gericht unter Eid sagt, hatten Belgiens Zeitungsleser und Fernsehzuschauer schon in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren detailliert erfahren. Am Montag wirkt es jedoch unmittelbarer, authentischer. Wie sich Dutroux als "Freund" ausgegeben habe, der sie habe glauben machen wollen, ein "böser Chef" wolle sich an ihrem Vater rächen und sie töten, er aber, Dutroux, habe ihr das Leben gerettet und sie versteckt, obwohl ihre Eltern nicht das geforderte Lösegeld in Höhe von ein oder zwei Millionen belgischen Franc für sie zahlen wollten. Wie er im Gegenzug verlangte, daß die Zwölfjährige sich vergewaltigen ließ. Wie sie unter erbärmlichen Bedingungen in einem Kellerverlies festgehalten und wie eine Dienstmagd behandelt worden sei. Wie sie Briefe an ihre Eltern in der naiven Annahme verfaßt habe, Dutroux werde sie abschicken - und die fehlenden Antworten als Beleg dafür verstanden habe, daß sich ihre Familie nicht mehr um sie schere. Wie sie es der Anfang August entführten und mit ihr gemeinsam gefangengehaltenen Laetitia nicht habe abnehmen wollen, daß durchaus fieberhaft nach ihr gefahndet worden sei.

          „Ich dachte, daß er uns gerettet hat“

          Bis sie schließlich bei der Befreiung durch die Polizei wenige Tage später, am 15. August 1996, Dutroux auch noch gedankt habe. "Ich dachte, daß er uns gerettet hat. Ich war verrückt genug, es zu glauben", sagt Sabine Dardenne am Montag in Arlon. Und daß sich während ihre Gefangenschaft niemand anders an ihr vergriffen habe als Dutroux. So sehr der Hauptangeklagte am Montag durch die Zeugin belastet worden ist, so wenig deutet an diesem Tag auf die in Belgien weitverbreitete Annahme hin, daß die Verbrechen an den Mädchen auf das Konto eines weitverzweigten Pädophilen-Netzes gehen könnten.

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