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Drogenkriminalität in Mexiko : Eine Stadt an der Grenze

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Kein Tag vergeht an dem nicht mindestens ein Mensch in der Drogenhochburg Juárez ermordet wird Bild: REUTERS

In Ciudad Juárez im Norden Mexikos werden die Menschen krank, weil sie die alltäglichen Schrecken des Drogenkriegs nicht mehr ertragen. Seit dem Herbst 2007 breitet sich die Gewalt immer weiter aus und hält die Stadt in Atem.

          In den Straßen der Stadt sind Morde so alltäglich wie Verkehrsunfälle. An dem einen Tatort ist ein zerschossener weißer Pontiac zu sehen, am nächsten der leblose Körper eines Polizisten. Er liegt auf dem Rücken, der Kopf wurde mit einer blauen Plane bedeckt. Es ist Mittagszeit, der Verkehr beginnt sich zu stauen. Vermummte Polizisten stehen mit dem Gewehr im Anschlag auf ihren Geländewagen. Spurensicherer tummeln sich in der mit gelben Bändern abgesperrten Zone, Anwohner und Fußgänger schauen aus sicherer Distanz zu. Es ist ganze Arbeit geleistet worden, Verletzte gibt es nicht. Das scheint alle zu beruhigen. Denn erfahren die Killer, dass ein Opfer den Anschlag überlebt hat, verfolgen sie es notfalls bis in den Operationsraum, um den Auftrag zu Ende zu bringen.

          Das Leben in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez ist aus den Fugen. Seit dem Herbst 2007 breitet sich die Gewalt unaufhaltsam aus. Damals rückten die Männer des Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán an, um Ciudad Juárez dem Platzhirsch Vicente Carrillo zu entreißen. Die Stadt am Grenzfluss Río Bravo ist das Zentrum des Rauschgiftschmuggels Richtung Vereinigte Staaten, und sie ist selbst ein Absatzmarkt. Seit die Amerikaner die Grenze Mitte der neunziger Jahre undurchlässiger machten, herrscht ein Drogenstau. Die Ware, die nicht nach drüben geschafft werden kann - hier wird sie verschleudert. Etwa 50 000 von etwas mehr als einer Million Einwohnern sind drogenabhängig. Nirgendwo in Mexiko ist der Anteil so groß.

          „Wir wissen nicht mehr, warum gemordet wird.“

          Der Konflikt zwischen Guzmáns Sinaloa-Kartell und Carrillos Juárez-Kartell sowie den mit den Kartellen verbündeten Straßenbanden fordert jeden Tag Tote. 2007 waren es 320, im Jahr darauf 1623, und 2009 stieg die Zahl auf 2754. In diesem Jahr sind bisher schon mehr als 2000 Personen getötet worden. Die meisten Opfer sind in den Rauschgiftkrieg verstrickt, entweder auf Seiten der Kriminellen oder des Staates. Doch immer öfter scheint für das Töten nicht einmal mehr diese Logik zu gelten. „Wir wissen nicht mehr, warum gemordet wird. Oft reicht ein Impuls“, sagt Manuel Camacho (Name geändert), der die Lage als Leiter einer Drogenentzugsanstalt kennt. Viele Rauschgifthändler sind selbst süchtig.

          Die Menschen in der Stadt wirken gelassen, doch das trügt. „Die meisten Leute sind mittlerweile paranoid“, sagt die Psychologin Martha Margarita Pérez. „Für den normalen Bürger ist das größte Problem, dass er keine Gewissheit mehr hat, wo und wann er sich sicher fühlen kann. Man kann reale und fiktive Bedrohungen nicht mehr auseinanderhalten und wähnt sich dauernd in Gefahr.“ Unterschätzt man die Risiken, kann es lebensgefährlich sein. Überschätzt man sie, verfällt man Wahnvorstellungen.

          Jeder ist schon mal ein Opfer von Gewalt geworden

          Auch körperlich werden die Bewohner krank. Laut dem Arzt Arturo Valenzuela leiden sie zunehmend an Magen-Darm-Erkrankungen, hohem Blutdruck oder Erschöpfung durch Albträume und Schlaflosigkeit. Opfer von Gewalt sei jeder schon geworden, entweder selbst oder dadurch, dass Verwandte und Freunde betroffen waren. Je massenhafter das Töten, desto rücksichtsloser werden die Täter. Die Reporterin Luz del Carmen Sosa vom „Diario de Juárez“ erzählt, Mitte August habe ein Killerkommando einen Dealer und dessen vier Monate alten Sohn ermordet. Zwei Wochen später sei eine Frau vor einem Kindergarten erschossen worden, als sie ihren fünfjährigen Sohn aus dem Auto aussteigen ließ. Der Kleine habe seine Mutter minutenlang stumm beobachtet, bevor die Polizei eintraf.

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