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Drogenhandel im Görlitzer Park : Ein Spalier aus Dealern

  • -Aktualisiert am

Kritik wird als „Rassismus“ gewertet

Er verhandelt mit seiner Hausverwaltung über einen Bewegungsmelder. Die Polizei findet er zu lax. In seinem Heimatland in Nordostafrika würden Drogenhändler an den Bäumen aufgehängt. Das kommt in Kreuzberg nicht in Frage. Dort wird im Gegenteil Kritik an den Verhältnissen im Park gelegentlich als „Rassismus“ zurückgewiesen. So wie vor einigen Jahren am Weinbergspark in Mitte. Eine Bürgerinitiative, die erfolgreich gegen aggressives Dealen vorging, musste sich als rassistisch beschimpfen lassen. „Dass andere die afrikanischen Dealer als aggressiv empfinden“, meint eine Anwohnerin, „hat vielleicht eher mit deren Herkunft zu tun.“

Meldungen der Polizei, über einen Überfall auf einen 45 Jahre alten Fahrradfahrer, der nachts im Görlitzer Park geschlagen und beraubt wurde, spielen in der politischen Debatte keine Rolle. Drogendealer oder Menschen ohne gültige Papiere haben natürlich kein Interesse an Aufmerksamkeit, Gewalt und Polizeipräsenz. Die einen sehen den Drogenhandel, mögen aber nichts über die Lage der Flüchtlinge sagen, die als kleine Helfer der Drogendistribution ihren kleinen Gewinn machen. Die anderen sprechen nur über die Lage der Flüchtlinge und leugnen die Gefahren des Drogenhandels. In einem Klima der Verdächtigung und der linken Bürgerwehr haben es auch Bürgerinitiativen schwer, zumal dann, wenn sie mit Unterstützung des Bezirksamts aktiv sind.

„Unser Görli“ heißt ein Projekt, das mit Bürgerbeteiligung den Park verändern soll. Das Ziel: „Die ,Kreuzberger Mischung‘ im Görli erhalten, verhindern, dass der Park ,kippt‘.“ Ein Container bietet sich als Anlaufstelle an. „Wir sehen den in Deutschland nun mal illegalen Verkauf von Cannabis nicht als die ideale Beschäftigungs- und Überlebensstrategie für Flüchtlinge an“: Im politischen Klima von Kreuzberg ist das ein mutiger Satz. Mitarbeiter des Drogenhilfevereins „Fixpunkt“ und des Vereins Joliba, „Afrika in Berlin“, sprechen seit einiger Zeit Dealer im Park an und fordern sie auf, Kinder und Jugendliche in Ruhe zu lassen und möglichst nicht mehr an den Eingängen zum Park Spalier zu stehen.

Auch Käufer, zumeist jugendliche Gelegenheitskonsumenten zu Besuch in Berlin, sollen angesprochen werden. In den nächsten Tagen, sagt die Bürgermeisterin, werde eine erste Auswertung zeigen, ob das vergebene Liebesmüh oder ein vielversprechender Ansatz sei. Mehr Besuch von Ordnungsamt und Polizei fände Herrmann hilfreich, auch wenn sie sich davon kein Ende des Drogenhandels verspricht. Sie will mit den Nutzern des Parks „Regeln aufstellen und diese dann auch durchsetzen“. Gegen Gesetze zu Rauschgift und zur Aufenthaltserlaubnis verstoßen viele der jungen Afrikaner, die im Park eine Art Lebensunterhalt verdienen.

Dass man im Görlitzer Park nicht nur rumhängen und Leute treffen, sondern auch ein bisschen Geld verdienen kann, hat sich unter Flüchtlingen herumgesprochen, die am benachbarten Oranienplatz ein „Refugee Camp“ unterhalten oder seit geraumer Zeit die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzen. Ob es bis zum Einbruch des Winters gelingt, das Camp als Zeltlager aufzulösen, ist ungewiss. Ein Haus wird gesucht. Die Flüchtlinge sind nicht mehr dieselben, die vor einem Jahr von Würzburg nach Berlin marschierten, um die Politik auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Es sind inzwischen „Lampedusa-Flüchtlinge“, Menschen aus Afrika, die sich bis Italien durchschlagen konnten.

Zur Zeit können sie sich sicher fühlen, nicht dorthin zurückgeschickt zu werden, wie es das europäische Recht eigentlich vorsieht. Wer sie auf Französisch oder Italienisch anspricht, bekommt manchmal Kontakt zu den schüchternen jungen Männern im Park. Der eine sagt, er sei aus Guinea-Bissau. Der andere erzählt, er habe in der Nähe von Mailand gelebt, doch sei es dort schwierig gewesen, Arbeit zu finden. Das sei hier viel leichter. Hier, in Deutschland, wo Asylbewerber erst einmal gar nicht arbeiten dürfen? Ein anderer, er war vorher in Bologna, nickt bestätigend.

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