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„El Chapo“-Prozess : Um alle Morde aufzulisten, reicht die Zeit nicht

  • -Aktualisiert am

Vor Gericht: Juan Carlos Ramírez Abadía (zweiter von links) sagt gegen „El Chapo“ aus (rechts). Bild: Reuters

Im Prozess gegen „El Chapo“ Guzmán geht es um Schmuggel. Doch auch unzählige Morde gehörten zum Geschäft des mexikanischen Drogenbosses – teilweise sind sie zu blutig für den Gerichtssaal.

          Es gleicht einer einstudierten Choreographie, wenn Joaquín „El Chapo“ Guzmán jeden Morgen pünktlich und im feinen Anzug den kleinen Saal im siebten Stockwerk des Brooklyn Federal Court betritt, flankiert von Gerichtsdienern und Anwälten, um auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Ein Raunen geht inzwischen, nach mehr als 40 Prozesstagen, nicht mehr durch den Saal – die Presse und anwesenden Familienmitglieder des mexikanischen Drogenbosses sind inzwischen an das Prozedere gewöhnt.

          Doch die Blicke zieht Guzmán immer noch auf sich. Mit seiner Frau, Emma Coronel Aispuro, dezent geschminkt, die Nägel frisch lackiert, tauscht Guzmán ein zartes Lächeln aus, auch das ist Teil der Routine. Fast schon unscheinbar wirkt das Ganze: Da ist der kleine, rundliche Mann, seine Haare werden am Hinterkopf sichtbar dünner, und seine drei Jahrzehnte jüngere Frau, die mit den siebenjährigen Zwillingen alleine ist und ihren Mann „in diesen schwierigen Zeiten“, wie sie sagt, unterstützt, wo es nur geht. Sie träume nicht von „großen Dingen“, sagte Aispuro vor einigen Tagen dem spanischsprachigen Fernsehsender Telemundo mit Sitz in Florida. Sie hoffe für ihre Familie lediglich auf „Ruhe, Glück – nichts Besonderes.“

          Man würde der Guzmán-Familie die ersehnte Ruhe fast gönnen, wären da nicht die Metalldetektoren vor dem Prozesssaal, die Drogenspürhunde vor der Tür, die Polizeiwagen vor dem Gebäude, die bereits in den frühen Morgenstunden die angrenzende Straße sperren, und die Aussagen der Zeugen, die ein ganz anderes Bild des kleinen Mannes zeichnen. Sie erzählen Stück für Stück die Geschichte eines brutalen und gewieften Kriminellen, der in seinem Aufstieg zum mächtigsten Drogenboss des 21. Jahrhunderts vor nichts und niemandem zurückschreckte – und der sich dafür nach nun mehr als drei Jahrzehnten verantworten muss.

          El Chapo im Januar 2017 bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten.

          Deshalb versammelt sich auf dem Zeugenstuhl derzeit alles, was im süd- und mittelamerikanischen Drogengeschäft einmal Rang und Namen hatte und inzwischen in amerikanischen Gefängnissen sitzt. Da wäre zum einen Miguel Ángel Martínez, der für Guzmán jahrelang die Angelegenheiten des Sinaloa-Kartells in Mexiko-Stadt leitete, benannt nach Guzmáns mexikanischem Heimatstaat. Oder Juan Carlos Ramírez Abadía, der Guzmán über die Jahre mit Tonnen von Kokain versorgt hat. Ausgesagt hat auch Tirso Martínez Sánchez, der Anfang der nuller Jahre im Auftrag von „El Chapo“ für den Zugtransport von Kokain von Mexiko-Stadt nach Los Angeles, Chicago und New York verantwortlich war.

          Die Aussagen sind oft zu brutal für den Gerichtssaal

          Die Geschichten der Zeugen sind so brutal, dass Richter Brian M. Cogan, der den Vorsitz über den Prozess hat, immer wieder dazu auffordert, die blutigsten Details herauszulassen und nicht alle Morde im Detail aufzulisten. Als Abadía, der Kokainlieferant aus Kolumbien, von der Verteidigung zu einigen der mindestens 150 von ihm organisierten Morde befragt wurde, unterbrach Cogan das Verhör und bat darum, den Zweck nicht aus den Augen zu verlieren. Es handle sich schließlich um einen Schmuggel-, nicht um einen Mordprozess, obwohl Morde unweigerlicher Teil der Machenschaften „El Chapos“ waren.

          Aber auch ohne die brutalen Einzelheiten aus dem Arbeitsalltag des Kartells ist der Einblick in diese Welt einer, der kaum zu fassen ist. Etwa, wenn es um die Methoden geht, die sich Guzmán für den Drogenschmuggel ausgedacht hat. Mit dem Zug etwa, der unter seinen Anweisungen und unter der Aufsicht von Sánchez über die mexikanisch-amerikanische Grenze geführt wurde, schmuggelte das Kartell kurz nach der Jahrtausendwende binnen drei Jahren knapp 20 Lieferungen mit im Schnitt jeweils 2000 Kilo Kokain ungestört in die Vereinigten Staaten.

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