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Drogenbericht der EU : Die „Uberisierung“ des Kokainhandels

Spitze des Eisberges: Polizisten präsentieren beschlagnahmtes Kokain in Hamburg. Bild: dpa

Die Menge an beschlagnahmtem Kokain in Europa hat sich binnen eines Jahres fast verdoppelt. Selbst Rekordbeschlagnahmungen haben aber kaum Auswirkungen auf den Kokainmarkt. Die Vertriebsstrukturen scheinen sich zu ändern.

          Angebot und Nachfrage nach Rauschgiften in Europa erweisen sich nach Einschätzung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) weiterhin als „widerstandsfähig“. Alle repressiven Maßnahmen haben nicht verhindern können, dass das Angebot an „klassischen“ Rauschgiften wie Heroin, Kokain und Cannabis quantitativ wie qualitativ besser ist denn je. Auch die Nachfrage ist bei allen regionalen Eigentümlichkeiten unvermindert hoch. Für synthetischen Rauschgifte wie Methamphetamin und das damit verwandte Ecstasy (MDMA) ist die EU indes weniger Bestimmungsgebiet als Produktionsstätte von Weltrang. Die Zahl der Produktionslabore, die Menge an Abfall, der Wirkstoffgehalt und die Vielfalt der synthetischen Drogen – alles „besorgniserregend“, heißt es im Jahresbericht der Behörde, der am Donnerstag vorgestellt wurde.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Besonders im Fokus der Beobachtungen steht die Entwicklung des Kokainmarktes. Die Zahl der Sicherstellungen wie die sichergestellten Mengen befinden sich auf einem Allzeithoch. 2017 stellten Fahnder in der EU 140,4 Tonnen Kokain sicher, im Vergleich zu 70,9 Tonnen ein Jahr zuvor. Gleichzeitig ist der Reinheitsgrad so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr, was „auf eine größere Verfügbarkeit der Droge auf Ebene der Endkonsumenten“ hindeute. Hinter diesem Trend steht nicht nur die Ausdehnungen der Koka-Anbauflächen in Südamerika, vor allem in Kolumbien. Auch die Vertriebsstrukturen scheinen sich zu ändern. Kleinere Gruppen, so die Behörde, konnten in den Markt eintreten, indem sie eine Reihe von Informationstechnologien wie Verschlüsselung, Darknet- Märkte, soziale Medien und Kryptowährungen für den Handel nutzen. Damit nicht genug: Innovative Verkaufsstrategien wie Kokain- Callcenter deuten auf eine „Uberisierung“ des Kokainhandels hin.

          Für die Gesundheitspolitik bleiben Entwicklungen wie diese nicht folgenlos. Steigende Verfügbarkeit von Kokain führt zu steigenden, von der Allgemeinheit zu tragenden Gesundheitskosten. So ist die Zahl der Klienten, die sich wegen Problemen im Zusammenhang mit dem Kokainkonsum in Behandlung begaben, seit 2014 um mehr als 35 Prozent gestiegen. Zudem ist Kokain immer häufiger bei drogenbedingten Todesfällen im Spiel. Nach wie vor selten erkannt wird die Rolle von Kokain bei Todesfällen in Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen. Keine Entwarnung gibt die Behörde auch für Crack, eine rauchbare Form von Kokain.

          Die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Europa ist nach wie vor Cannabis. Fast 20 Prozent der Personen im Alter von 15 bis 24 geben an, in jüngerer Zeit Cannabis gebraucht zu haben. Welche Auswirkungen die Debatten über den therapeutischen Nutzen von Cannabis-Wirkstoffen und die Legalisierung von Cannabis etwa in einigen amerikanischen Bundesstaaten für den europäischen Markt und die Politik der EU-Staaten haben, ist noch nicht abzusehen.

          Fest steht nur, dass mit der Zahl der regelmäßigen und vor allem der intensiven Cannabis-Gebraucher auch die Zahl der Personen zunimmt, die körperliche und möglicherweise dauerhafte psychische Schäden davontragen. Dieser Trend könnte sich insofern noch verstärken, als Wirkstoffgehalt von Cannabisharz und Cannabiskraut im Laufe der vergangenen zehn Jahre gestiegen ist.

          Über synthetischer Drogen heißt es, ihre Herstellung in Europa nehme zu, werde vielfältiger und innovativer. Erhebliche Sicherstellungen verschiedener Substanzen an den EU-Grenzen, die Tatsache, dass nun mehr MDMA in der Türkei als in der Europäischen Union insgesamt sichergestellt wird, sowie die Entdeckung von Produktionsstätten für Methamphetamin und andere synthetische Drogen in Europa, die für den Export bestimmt waren, ließen auf einen weltumspannenden Markt für die Art von Rauschgiften schließen. Gleichzeitig verbreite sich der Gebrauch synthetischer Rauschgifte in Europa selbst, und das nicht zuletzt dort, wo sie bisher noch nicht in Mode waren.

          Ein gemischtes Bild zeichnet der jüngste Jahresbericht vom Heroinmarkt. Die Nachfrage nach neuen Heroinbehandlungen sei niedrig, der injizierende Gebrauch gehe zurück, und damit auch die entsprechende Zahl neuer HI-Infektionen. „Die europäischen Länder können sich für die Einführung der pragmatischen Schadensminimierung und die Behandlungsmaßnahmen, die zu diesen Erfolgen beigetragen haben, beglückwünschen“, schreibt die in Lissabon ansässige Behörde. Ob diese Erfolge von Dauer sein werden, muss sich indes noch weisen. Denn: „Die Menge des sichergestellten Heroins hat zugenommen, die Reinheit der Droge ist weiterhin relativ hoch und der Preis relativ niedrig, was auf eine hohe Verfügbarkeit in vielen Teilen Europas hindeutet.

          Die Opioid-Epidemie in den Vereinigten Staaten, die durch die ärztliche Verschreibungspraxis von synthetischen Opioiden, insbesondere Fentanylderivaten, angetrieben wurde, hat nach wie vor nicht auf Europa übergegriffen. Aber zu Beruhigung besteht kein Anlass. Eine von fünf Personen, die sich wegen eines opioidbedingten Problems in Behandlung begibt, gibt inzwischen ein synthetisches Opioid und nicht Heroin als Primärdroge an; außerdem werden diese Drogen immer häufiger in Fällen von Drogenüberdosierungen entdeckt.

          Eine ausführliche Recherche, wie das internationale Milliardengeschäft mit dem Kokain funktioniert, lesen Sie hier mit F+.

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