https://www.faz.net/-gum-9p7hm

Besondere Schwere der Schuld : Höchststrafen in Prozess um Dreifachmord von Hille

  • Aktualisiert am

Der Angeklagte Kevin R. betritt einen Sitzungssaal im Landgericht in Begleitung eines Justizbeamten. Bild: dpa

Lebenslange Haftstrafen gegen beide Angeklagte: Im Prozess um den Dreifachmord von Hille hat das Landgericht Bielefeld sein Urteil verkündet. Der Fall hatte bundesweit schockiert.

          Im Dreifachmord von Hille sind beide Angeklagte zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Landgericht Bielefeld verurteilte den 53 Jahre alten Angeklagten am Freitag wegen Mordes in drei Fällen, den 25-Jährigen wegen zweifachen Mordes. „Die Schuld wiegt besonders schwer“, sagte der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann zu beiden Angeklagten. Für den Älteren wurde Sicherungsverwahrung angeordnet. Eine Haftentlassung nach 15 Jahren wäre für ihn damit so gut wie ausgeschlossen.

          Auf zwei Höfen im ostwestfälischen Hille nahe der Grenze zu Niedersachsen waren im Frühjahr 2018 die übel zugerichteten Leichen von drei Männern ausgegraben worden. Der Fall hatte bundesweit schockiert. Der Hofbetreiber Jörg W. (53) und sein Ziehsohn, der frühere Zeitsoldat Kevin R. (25), hatten sich gegenseitig der Taten bezichtigt. Die Staatsanwaltschaft hatte Lebenslang für beide Angeklagte gefordert, außerdem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

          Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, alle Prozessbeteiligten können innerhalb von einer Woche Revision durch den Bundesgerichtshof beantragen.

          Spuren brutaler Gewalt

          In dem Strafverfahren waren grausame Details ans Licht gekommen. Die Leichen zeigten Spuren brutaler Gewalt, Experten berichteten nach ihren Untersuchungen von zertrümmerten Knochen, von Brüchen und Hirnverletzungen. Die Taten verübte das Duo demnach mit Hammer, Ziegelsteinen und einem Messer.

          Der drastische Fall kam ans Licht, weil die Familie eines Opfers – einem 30-Jährigen aus dem niedersächsischen Stadthagen - ihren Angehörigen als vermisst gemeldet hatte. Seine Leiche wurde auf einem Hof in Hille ausgegraben. Später stießen die Ermittler auf zwei weitere Leichname – eines Nachbarn (72) und eines Hilfsarbeiters (64).

          Laut Staatsanwaltschaft hatten die beiden Deutschen zuerst den Nachbarn und den Hilfsarbeiter getötet, um sich zu bereichern. Später brachten sie demzufolge den 30-Jährigen um, weil dieser 5000 Euro für eine angeblich geplante gemeinsame Baufirma zurückforderte. Laut psychiatrischen Gutachten sind beide Angeklagte voll schuldfähig und psychisch gesund.

          Jörg W. und Kevin R. hatten zwar behauptet, der jeweils andere habe die Gewalttaten verübt, an mehreren Tatwerkzeugen waren aber DNA-Spuren von beiden gefunden worden. Sie hatten in dem zehnmonatigen Strafverfahren keine Schuld eingestanden, auch keine Reue oder Bedauern gegenüber den Angehörigen bekundet. Erst ganz am Ende äußerten beide einmal, die Opfer täten ihnen leid.

          Lebenslange Haft heißt nicht Wegsperren für immer

          Lebenslange Haft für immer sieht das deutsche Strafrecht nicht vor. Selbst bei einer sogenannten besonderen Schwere der Schuld oder der Anordnung von Sicherungsverwahrung ist die Anordnung unbegrenzter Strafen wegen
          Verletzung der Menschenwürde verboten. Laut Gesetz kann die Vollstreckung einer lebenslangen Haftstrafe nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn das "Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit" nicht dagegen spricht und wenn keine besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde. Durchschnittlich läuft eine lebenslange Strafe auf etwa 20 Jahre Haft hinaus. Die Spanne ist allerdings groß: In seltenen Fällen kommen Verurteilte noch vor Ablauf von 15 Jahren frei, dies aber nur im Fall von Begnadigungen. In anderen Fällen reicht die Haft bis ans Lebensende, wie etwa beim Serienmörder Heinrich Pommerenke, der bis zu seinem Tod im Jahr 2008 rund 49 Jahre hinter Gittern verbrachte. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung wurde ihm wegen des hohen Sicherheitsrisikos, das von ihm ausging, verwehrt. Stellt das Strafgericht bei einem Täter die besondere Schwere der Schuld fest, etwa weil ein Mord besonders grausam war oder sexuelle Neigungen eine Rolle spielten, ist eine Strafaussetzung zur Bewährung in der Regel frühestens nach 17 Jahren möglich. Das Gericht legt dann nach Ablauf der 15-Jahresfrist fest, wie viele Jahre seiner Strafe der Verurteilte noch wegen seiner Schuld verbüßen muss. Eine feste Obergrenze gibt es dabei nicht.Sicherungsverwahrung wird im Urteil verhängt oder ihre Anordnung vorbehalten, wenn die Gesellschaft etwa vor hochgefährlichen Sexualstraftätern auch nach deren Haftverbüßung geschützt werden soll. Diese Täter müssen in Einrichtungen untergebracht werden, die sich deutlich von regulären Gefängnissen unterscheiden. Auch Sicherungsverwahrte müssen zudem Hoffnung auf Freiheit haben können. Die Fortdauer der Verwahrung muss deshalb jährlich überprüft werden. Nach zehn Jahren ist die Sicherungsverwahrung zu beenden, sofern nicht weitere erhebliche Straftaten drohen. (AFP)

           

          Weitere Themen

          Golf-Profi Olesen kommt vor Gericht

          Belästigung im Flugzeug : Golf-Profi Olesen kommt vor Gericht

          Weil er während eines Fluges eine schlafende Frau belästigt und anschließend in den Flugzeug-Gang uriniert haben soll, muss sich der Profi-Golfer Olesen nun vor Gericht verantworten. Auch sportlich hat sein mutmaßliches Verhalten Folgen.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.
          Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.