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Familiendrama in Russland : Es ging um ihr Leben oder seines

Traumatisiert von ihrem Vater: Angelina Chatschaturjan Bild: AP

In Russland stehen drei Schwestern vor Gericht, die nach jahrelangem Martyrium ihren Vater töteten. Bis heute haben Familienväter in dem Land „Züchtigungsrechte“.

          3 Min.

          Russland diskutiert über Gewalt in der Familie. Anlass ist der Fall dreier Schwestern, die ihren Vater töteten, der sie kontrolliert, geschlagen und vergewaltigt hatte. Marija, Angelina und Krestina Chatschaturjan, die zum Tatzeitpunkt 17, 18 und 19 Jahre alt waren, werden beschuldigt, vor bald einem Jahr ihren Vater Michail in der Moskauer Wohnung der Familie ermordet zu haben. Bei den ersten Hammerschlägen und Messerstichen schlief der Siebenundfünfzigjährige noch in einem Fernsehsessel. Er starb später im Treppenhaus; 36 Stiche zählten die Ermittler. Sie werfen den Schwestern vor, den Vater „nach einer vorgefassten Abmachung“ ermordet zu haben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Laut der Verteidigung geschah die Tat unter dem Eindruck einer Attacke am selben Tag. Chatschaturjan hatte seinen Töchtern Pfefferspray ins Gesicht gesprüht, weil sie zu viel Geld ausgegeben hätten und die Wohnung schmutzig sei. Die Anwälte erklären die Tat mit Selbstverteidigung und als Folge jahrelanger Gewalt, die die Ermittler bestätigen; sie geben als Motiv „widerrechtliche gewaltsame Handlungen seitens des Vaters“ an. Den Schwestern, die am Tag nach der Tat verhaftet wurden und gestanden, drohen acht bis 20 Jahre Haft. Sie sollen schwer traumatisiert sein, die jüngste war laut Gutachten bei der Tat unzurechnungsfähig.

          Der Vater, ein krimineller Waffennarr

          Die Vorgeschichte des Falls wurde durch die Arbeit unabhängiger Medien bekannt, allen voran der „Nowaja Gaseta“. Die Zeitung berichtete, wie der Vater, ein Waffennarr mit kriminellem Hintergrund, das älteste Kind der Familie, einen Sohn, früh der Wohnung verwies. 2015 warf der Mann auch seine Frau, die er ebenfalls misshandelt hatte, aus der Wohnung. Danach sollen die sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen begonnen haben, die eine der Schwestern in einen Suizidversuch trieben.

          Krestina Chatschaturjan

          Chatschaturjan bezeichnete sich als Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB. Belege dafür fand die „Nowaja Gaseta“ nicht, aber Verbindungen zu Sicherheitskräften. Unklar ist auch, wieso Chatschaturjan seine Töchter zuletzt nicht mehr in die Schule gehen ließ. Eine Freundin der drei gab an, bei alldem sei das Mitglied der armenischen Diaspora in Moskau regelmäßig in die Kirche gegangen: „Er hielt sich für einen Mann Gottes und sagte, Gott schütze ihn in allem. Die Töchter nannte er Sünder, Ausgeburten der Hölle und dreckige Nutten.“ Die Schwestern kamen zunächst in Untersuchungshaft, wurden aber im September unter Auflagen freigelassen: Sie dürfen Internet und Telefon nicht nutzen, nicht miteinander oder mit Medien sprechen und ihre Unterbringungen nachts nicht verlassen.

          Marija Chatschaturjan

          Der Fall hat zu einer Welle der Solidarität geführt. In Moskau, Sankt Petersburg und anderen Städten stellten sich immer wieder Unterstützer zu Einzelprotesten auf; nur diese sind ohne Erlaubnis der Behörden legal. Am Samstag sollte ein Marsch in Moskau stattfinden, der aber nicht erlaubt wurde. Stattdessen gab es wieder Einzelproteste, gestört von Aktivisten einer Gruppe namens „Männlicher Staat“, die „gegen Feminismus“ und „für traditionelle Werte“ auftreten und Chatschaturjan verteidigen: Der habe nur versucht, seine Töchter streng zu erziehen. So etwas ist auch in Talkshows im Staatsfernsehen zu hören.

          Andererseits setzen sich Journalisten, Sänger und Schauspieler für die Schwestern ein. Opferschutzverbände sowieso. Nach offiziellen Angaben (aus dem Jahr 2013) werden in Russland jedes Jahr 12.000 Frauen von Verwandten getötet, eine Frau alle 40 Minuten. Jedes Jahr nehmen sich 2000 Kinder und Heranwachsende, die unter häuslicher Gewalt leiden, das Leben, 97 Prozent der Ermittlungsverfahren, die mit häuslicher Gewalt zu tun haben, kommen nicht vor Gericht. Viele Fälle werden erst gar nicht erfasst, die Polizei bleibt untätig. 2017 wurde ein „Gesetz zur Entkriminalisierung von Prügeln in der Familie“ verabschiedet, das einen erst im Vorjahr eingeführten Straftatbestand zu „Prügel in der Familie“ strich. Begründet wurde das mit „traditionellen Werten“ wie Züchtigungsrechten des Familienvaters.

          Das begünstigt das Klima der Straflosigkeit auf Seiten der Männer und der Hilflosigkeit auf Seiten der Frauen. Gerade hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Russland in einem Fall häuslicher Gewalt zu Entschädigung von 20.000 Euro und Rechtskostenersatz verurteilt. Es ging um Angriffe und Drohungen durch einen früheren Partner der Beschwerdeführerin im Laufe von zwei Jahren, die sie nicht bei der Polizei anzeigen konnte. Die Richter rügten, die Mechanismen zum Schutz vor häuslicher Gewalt seien in Russland ungenügend, die Regierung erkenne die Ernsthaftigkeit des Problems nicht an. Wie das Nachrichtenportal „Mediazona“ berichtete, waren von 2500 Frauen, die zwischen 2016 und 2018 wegen Mordes oder Totschlags verurteilt wurden, fast 2000 zuvor Opfer von häuslicher Gewalt gewesen. Das ist der Hintergrund von Äußerungen wie der einer Aktivistin, die über den Fall Chatschaturjan sagte: „Es war ihr Leben oder seines – es gab keine andere Möglichkeit.“

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