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Dossenheim : Tatmotiv Nebenkosten

Es ging um die Nebenkosten: Eigentumswohnung des Täters in Dossenheim, aufgenommen am Dienstagnachmittag Bild: Daniel Pilar

Weil ein 71 Jahre alter Sportschütze sich bei der Zahlung von Wohnungs-Nebenkosten betrogen fühlte, erschoss er zwei Menschen. Auch die eigene Frau verschonte der Sportschütze nicht.

          Drei Frauen haben sich am Mittwochmorgen auf dem Dossenheimer Tennisplatz verabredet. Doch sie kommen gar nicht dazu, ihre Tennisschläger auszupacken. „Wir wissen nichts und fahren jetzt wieder nach Hause“, sagt eine Dame im Tennisrock. Zehn Meter entfernt ist das Vereinsheim der „Turn- und Sportgemeinde Germania 1889“ mit rot-weißen Plastikbändern abgesperrt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Gut 15 Stunden vorher hat sich in der Gaststätte „Ambiente“ in dem Vereinsheim der 12.000-Einwohner-Stadt nördlich von Heidelberg ein schreckliches Drama abgespielt: Die Eigentümerversammlung des Wohnhauses Friedrich-Ebert-Straße 1 hatte sich in der Gaststätte eingefunden. Die sieben Eigentümer und ein Hausverwalter wollten bei Pils Nebenkostenrechnungen überprüfen, der Kassenprüfer sollte seinen Bericht vorlegen. Die Genehmigung des Jahresabschlusses stand an. Doch dann ereignete sich etwas, was Marcus Winter, Inspektionsleiter der Heidelberger Polizei, später „eine amokähnliche Tat“ nennen wird: Der 71 Jahre alte Miteigentümer und Täter Filip N., ein Arbeiter in Rente und pokalverwöhnter Sportschütze, schrie die Miteigentümer an: „Ich bringe euch alle um!“ Dann ballerte er in dem kleinen Vereinszimmer auf alle Anwesenden. Einmal wechselte er sogar das Magazin. Er feuerte 17 Mal - auch auf seine eigene Frau, die ebenfalls Eigentümerin war. Ob er sie töten wollte oder ob er sie zufällig traf, muss noch ermittelt werden. Im Kugelhagel kamen zwei Miteigentümer um, einer 54, einer 82 Jahre alt. „Mit solchen Waffen töten Sie auch, wenn Sie nicht genau zielen“, sagt der Leitende Staatsanwalt Alexander Schwarz. „Das jüngere Todesopfer stand im besonderen Fokus des Täters, denn er hatte als Beirat die Rechnungen geprüft“, sagt Staatsanwalt Florian Pistor.

          Selbstmord per Kopfschuss

          Jahrelang stritt Filip N. mit der Dossenheimer Hausverwaltungsgesellschaft „Palatin“ über die Korrektheit von Abrechnungen für das Hausgeld und die Nebenkosten. Ende 2012 stellte er wegen Betrugs sogar Strafanzeige. In einem „sehr sachlichen Ton“ sei die Anzeige geschrieben gewesen. Die Staatsanwaltschaft sah keine Anhaltspunkte für einen Betrug. Strafrechtlich liegt ein Betrug dann vor, wenn auch eine Betrugsabsicht nachweisbar ist. Die Staatsanwälte forderten Filip N. auf, die Angelegenheit auf zivilrechtlichem Weg zu klären, was nicht geschah.

          Es sollte noch ein gutes halbes Jahr dauern, bis aus dem zuweilen cholerischen und aufbrausenden Miteigentümer ein Amokschütze wurde. Am Dienstagabend entwickelte sich in dem Vereinsheim ein ziemlich heftiger Disput zwischen Filip N. und einer anderen Miteigentümerin. Als der Streit eskalierte, schmiss der Hausverwalter Filip N. aus dem Vereinsheim. Der fuhr in seine Wohnung, die er sich 1979 gekauft haben soll. Im Tresor hatte er sieben Waffen. Er nahm die „Ceska 75“, Kaliber neun Millimeter, und fuhr sogleich zurück ins Vereinsheim. Um 18.51 Uhr ging der Notruf bei der Heidelberger Polizei ein, um 18.57 Uhr waren die ersten Polizisten auf dem Vereinsgelände. Sie fanden den Amokschützen sterbend auf der Terrasse, er hatte sich per Kopfschuss selbst gerichtet. Ob finanzielle Schwierigkeiten von Filip N. eine Rolle gespielt haben, konnten die Ermittler noch nicht klären.

          Mieses Klima in der Nachbarschaft

          Die Tat von Dossenheim steht in einer Reihe von Amokläufen im Südwesten: Am spektakulärsten war der Amoklauf des 17 Jahre alten Schülers Tim K. in Winnenden und Wendlingen, durch den 15 Menschen ums Leben kamen. In Lörrach tötete eine Frau im September 2010 in einem Krankenhaus drei Menschen. Im Juli 2012 erschoss ein Mieter bei einer Wohnungsräumung in Karlsruhe vier Menschen. SPD und Grüne fordern nun abermals, großkalibrige Waffen für Sportschützen zu verbieten. Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte, Sportschützen müssten intensiver kontrolliert werden.

          Kurz vor der Tat hatten der Bundestagsabgeordnete Karl A. Lamers und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (beide CDU), in der Vereinsgaststätte noch eine Wahlkampfveranstaltung abgehalten. Hätten sie das Vereinsheim eine Stunde später verlassen, wären sie möglicherweise Zeugen oder gar Opfer des Amoklaufs geworden.

          „Man kann davon ausgehen, dass sich das über Jahre aufgeschaukelt hat“, sagt Staatsanwalt Florian Pistor. In dem zweigeschossigen Mehrfamilienhaus an der Straßenbahn-Haltestelle Dossenheim-Süd herrschte unter Mietern und Eigentümern seit Jahren ein mieses Klima. Filip N. holte schon mal die Polizei, wenn ihm ein Nachbar zu laut Musik hörte. Er regte sich auf, wenn die Hecke schlecht geschnitten war oder ein Mieter vergessen hatte, die Haustür abzuschließen. „Haben Sie Verständnis, dass wir nichts sagen können“, sagt ein Miteigentümer über die Sprechanlage. „Meiner Frau geht es psychisch sehr schlecht.“ Nur ein studentischer Mitbewohner will etwas sagen: „Der Täter war manchmal freundlich - und oft cholerisch.“

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