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Lebenslange Haft für Marcel H : Ohne jeden Grund zwei völlig unschuldige, junge Menschen ermordet

Der Angeklagte Marcel H. im Landgericht in Bochum Bild: dpa

Für seinen letzten Auftritt vor Gericht hatte sich der Doppelmörder Marcel H. herausgeputzt. Die Angehörigen der Opfer sind zufrieden, nachdem die Höchststrafe verhängt wurde: Jetzt wollen sie ihr Leben neu sortieren.

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          Als Marcel H. am Mittwochnachmittag in den Gerichtssaal geführt wird, schauen die Besucher auf den vollbesetzten Rängen erstaunt auf. „Der hat sich ja richtig rausgeputzt“, zischt eine Frau. Tatsächlich trägt der bisher immer auffallend schlampig gekleidete H. erstmals in diesem Verfahren ein Jackett. An diesem Tag soll das Urteil über den geständigen Doppelmörder gesprochen werden. Deshalb sind noch einmal besonders viele Journalisten ins Bochumer Landgericht gekommen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Fotografen und Fernsehteams ringen vor der Anklagebank um die besten Bilder. Aber der 20 Jahre alte H. ändert seine Position ohnehin nicht. Zwar hat er sich seinem Strafverteidiger zugewandt, so als suche er noch einen letzten Rat. Aber die beiden schweigen sich nur noch an. Ohne Regung nimmt H. dann wenig später auf, wie die Schwurgerichtskammer begründet, warum sie ihn nicht nach Jugend-, sondern nach Erwachsenenstrafrecht und zudem wegen besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Damit ist ausgeschlossen, dass H. nach 15 Jahren freikommt. Und als das Gericht sich auch noch die Anordnung der Sicherungsverwahrung vorbehält, geht zufriedenes Raunen durch die Zuschauerreihen.

          Marcel H. hat Anfang März innerhalb weniger Stunden seinen neun Jahre alten Nachbarsjungen Jaden und dann seinen ehemaligen Klassenkameraden Christopher in dessen Wohnung mit zahlreichen Messerstichen getötet. Tagelang suchte die Polizei nach H. Der Fall hatte auch deshalb besonders viel Bestürzung hervorgerufen, weil H. bis zur Festnahme in Chats und Sprachnachrichten immer wieder selbst im Internet über seine Taten berichtete. Zunächst hatte H. seine eiskalten Tatbeschreibungen an einen Whatsapp-Chatpartner geschickt. Doch schon kurz nach dem Mord an Jaden waren sie dann auch auf der Internetplattform „4Chan“ veröffentlicht worden. Von da an verfolgten zahlreiche Nutzer das Geschehen beinahe in Echtzeit im Netz.

          Nach seinem ersten Mord suchte H. Unterschlupf bei Christopher. Der Schulfreund hatte keine Ahnung, dass nach H. gefahndet wurde. Erst am nächsten Morgen las Christopher auf Facebook den Fahndungsaufruf der Polizei und forderte H. auf, sich zu stellen. Doch statt nach seinem Handy zu greifen, griff H. nach dem Klappmesser und tötete auch Christopher, in dessen Wohnung er noch drei Tage blieb. Am Abend des 9.März schließlich legte H. dort einen Brand und stellte sich der Polizei. Die Vernehmungsbeamten berichteten im Verfahren, sie seien schockiert gewesen, wie sachlich und nüchtern H. seine grausamen Taten geschildert habe.

          Geständnis über den Anwalt abgelegt

          Im Strafprozess schwieg H. dagegen. Auch sein Geständnis legte er über seinen Anwalt ab. Der Verteidiger forderte vergangene Woche in seinem Plädoyer, H. nach Jugendstrafrecht zu verurteilen. Eine mildere Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht wäre möglich gewesen, weil Marcel H. zur Tatzeit noch nicht 21Jahre alt war. Dagegen forderte die Staatsanwaltschaft ein Urteil nach Erwachsenenstrafrecht. Der Angeklagte habe „schreckliche Taten“ begangen, er habe ohne jeden Grund „zwei völlig unschuldige, junge Menschen“ ermordet. Auch habe Marcel H. nach seinen Taten selbst die Öffentlichkeit gesucht und sich durch die Veröffentlichung von Bildern der Toten in „menschenverachtender Weise“ über die Opfer ausgelassen.

          Zwei Gutachterinnen bescheinigten Marcel H. im Prozess, unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung zu leiden, aber dennoch voll schuldfähig zu sein. Sie empfahlen ausdrücklich, H. nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen, denn er habe zur Tatzeit „nicht mehr einem Jugendlichen gleichgestanden“. H. sehe zwar eher jugendlich aus, seine Persönlichkeit sei aber bereits ausgereift gewesen. Die feste Persönlichkeitsreife sei im Fall von H. allerdings von mehreren problematischen Aspekten geprägt gewesen. Dazu zählten psychopathische, narzisstische und sadistische Elemente. Im pädagogisch geprägten Jugendstrafvollzug könnten diese kaum korrigiert werden, so die Gutachterin.

          Mit wenigen Abstrichen macht sich die Kammer am Mittwoch die Position der Anklage und der Gutachterinnen zu eigen. H. sei in einer regulären Haftanstalt, dort aber in einer sozialtherapeutischen Abteilung unterzubringen. Eine Sicherungsverwahrung nach Verbüßung der Haft hält das Gericht für unbedingt angebracht. Allein die „völlig anlasslose Tötung Jadens“ und der Umstand, dass Marcel H. auch in der Untersuchungshaft Mordphantasien geäußert habe, seinen dafür Gründe genug, sagt der Vorsitzende Richter.

          Nach dem Urteil steht Jadens Mutter vor dem Gerichtssaal und gibt gefasst Interviews. „Ja, ich bin zufrieden. Es ist ja die Höchststrafe“, sagt sie. Jetzt, wo alles vorbei sei, könne sie ihr Leben neu sortieren. Wenige Meter daneben sagt der Anwalt von Marcel H., er habe seinem Mandanten geraten, Revision einzulegen. Doch H. habe ihm gesagt, dass er „nach Lage der Dinge“ das Urteil so akzeptieren wolle.

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