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Söring in Frankfurt gelandet : „Ich freue mich so, so sehr, endlich in Deutschland zu sein“

Jens Söring mit Petra Hermanns (rechts) auf dem Frankfurter Flughafen Bild: Wolfgang Eilmes

Nach mehr als 30 Jahren Haft in den Vereinigten Staaten ist der verurteilte Doppelmörder Jens Söring am Dienstag am Frankfurter Flughafen angekommen. Dort erwarteten ihn bereits zahlreiche Unterstützer.

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          Um 13.06 Uhr geht im Konferenzzentrum am Frankfurter Flughafen die Aufzugstür auf. Jens Söring muss nur ein paar Meter über den Flur, dann links abbiegen und durch einen Gang in einen Raum gehen, in dem er ein kurzes Statement abgeben will. Aber in dem engen Flur geht es kaum noch voran, zu viele Kamerateams wollen Bilder von dem Mann aufnehmen, der nach mehr als 30 Jahren in amerikanischen Gefängnissen an Dienstag als freier Mann in Deutschland angekommen ist. 

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
          Stefanie Sippel
          Sportredakteurin.

          In dem Konferenzraum hört man Sörings Stimme schon, bevor er angekommen ist: „Mein Gott, das hört nicht auf“, sagt er. Er meint die Kameras. Als er es an ihnen vorbei geschafft hat, fangen seine Unterstützer an zu applaudieren und zu jubeln. Söring umarmt Menschen, die ihm seit Jahren geholfen haben, ihm aber zum Teil in diesem Moment zum ersten Mal begegnen. Über seinen grauen Trainingsanzug hat er eine dunkelblaue Steppjacke geworfen. Die hellen Schuhe sehen neu aus. Mit ihnen ist er die ersten Schritte auf deutschem Boden gegangen. Mit seinen Freunden lächelt er für die Kameras.

          Eine Stunde vorher wartet Petra Hermanns schon am Flughafen. Blaues Baumwollshirt, dunkles mittellanges Haar, Jeans. Unruhig tritt sie von einem Bein aufs andere. Sie kennt Söring und kennt ihn doch nicht. Als Literaturagentin hat sie seit 2005 beruflich Kontakt mit ihm. Für sein damaliges Buchprojekt schrieben sie sich Briefe hin und her. Immer vier Seiten des Manuskripts. Mehr Seiten durfte ein Brief nicht enthalten. „Dadurch ist eine Freundschaft entstanden“, sagt sie. Doch gesehen haben sie sich nie. „Jens hat Angst, dass er mich nicht erkennen wird, aber er hat ein Bild gesehen.“

          Wirklich geglaubt, dass er komme, habe sie erst am Montag um 12 Uhr, als er nicht mehr im Gefängnis gewesen sei. Schon 2010 sollte Söring nach Deutschland überstellt werden – die Entscheidung wurde aber zurückgenommen. „Das hat uns aus dem Unterstützerkeis traumatisiert.“ Etwa zwanzig Personen gehören zu diesem Kreis. Drei von ihnen wollen mit Söring, nachdem er gelandet ist und gesprochen hat, Frankfurt verlassen und zu seinem zukünftigen Wohnort fahren, sagt Hermanns. „Ich gehöre zu diesem kleinen Kreis.“

          Sie hat eine freundschaftliche Beziehung zu Söring aufgebaut. „Während des Projekts habe ich zweimal in der Woche mit ihm telefoniert. Mehr als mit meiner besten Freundin.“ Dadurch habe sie herausgefunden: „Wir haben den gleichen Humor, mögen die gleichen Filme.“ Im Gefängnis war Söring alles in deutscher Sprache verboten. Filme schaute er auf Englisch. Auch deutsche Bücher durfte er nicht lesen. „Bohemian Rhapsody“ und der Kletterfilm „Free Solo“ habe ihm gut gefallen. „Ich freue mich, ihn zu sehen. Es werden Bäche von Freudentränen laufen.“

          „Der fordert einen intellektuell“

          Auch Peter Beyer wartet am Flughafen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete ist Koordinator für die transatlantische Zusammenarbeit der Bundesregierung im Auswärtigen Amt. Er hat Jens Söring schon mehrfach im Gefängnis besucht, zuletzt Anfang Juli. „Er ist schon eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, geistig hoch fit und bestens darüber informiert, was auf der Welt los ist“, sagt Beyer. „Der fordert einen intellektuell.“ Von der Freilassung Sörings habe er nicht früher als die Öffentlichkeit erfahren. „Und ich glaube es erst, wenn er aus dem Flugzeug ausgestiegen ist.“

          Söring und seine Unterstützer fallen sich am Flughafen in die Arme.
          Söring und seine Unterstützer fallen sich am Flughafen in die Arme. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Die Schuldfrage spielt für Beyer keine Rolle mehr. „Wir werden nie sicher wissen können, was passiert ist. Ich habe eher Zweifel an seiner Schuld. Aber darum geht es jetzt nicht mehr. Er saß 33 Jahre im Gefängnis in Amerika. In Deutschland gibt es keinen juristischen Fall Söring. Deswegen ist hier auch niemand von der Staatsanwaltschaft.“ Für ihn sei das Leben von Söring in Freiheit nun wichtiger. In Amerika habe Söring einen vorläufigen Reisepass von der deutschen Botschaft bekommen. Ob er darüber hinaus vom Staat unterstützt werden wird? „Erst mal kümmert sich jetzt sein Unterstützerkreis um ihn“, sagt Beyer. „Aber wenn ich gefragt werde, schaue ich, wo ich helfen kann.“

          Söring: „Ich freue mich so, so sehr“

          Als Söring dann tatsächlich angekommen ist und sich die Kamerateams ein Stück zurückgezogen haben, tritt zuerst Beyer ans Mikrofon: „Herzlich willkommen Jens, schön dass du da bist.“ Dann überlässt er Söring das Mikrofon. „Ich freue mich so, so sehr, endlich in Deutschland zu sein. Das hätte ich nie geschafft ohne diese Menschen, die mich unterstützt haben. Ich bin ihnen so dankbar.“ Söring atmet aus. „Ach Gott, ja.“ Nun müsse er psychisch und emotional ankommen, in einem Land, das er jahrzehntelang nicht gesehen habe. Er freue sich darüber, dass so großes Interesse an seiner Situation und seinem Leben bestehe. Er werde auch zu einem späterem Zeitpunkt ausführlicher darüber sprechen. „Nachdem ich Zeit mit meinen Freunden verbracht habe.“ Er wolle nun mit ihnen zusammen sein und ankommen. „Ich freue mich so sehr, ohne sie hätte ich es nie geschafft.“ Dann begleitet ihn die Traube von Kameraleuten wieder nach draußen, zehn Minuten nach seiner Ankunft ist Söring wieder verschwunden. Jetzt beginnt sein neues Leben. Wie die erste persönliche Begegnung für Petra Hermanns aus dem Unterstützerkreis war? „Dafür gibt es keine Worte, einfach überwältigend.“

          Der heute 53 Jahre alte Söring war im Sommer 1990 von einer Jury wegen des Mordes an Nancy und Derek Haysom, den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth, zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt worden. Fünf Jahre zuvor waren die mit Messerstichen übersäten Leichen der Eheleute Haysom in ihrem Haus in Boonsboro im Bundesstaat Virginia gefunden worden. Der damals 18 Jahre alte Söring flüchtete mit Elizabeth Haysom vor der Befragung durch die Polizei nach England. Er wurde später in London verhaftet und gestand zunächst, die Eltern seiner Freundin ermordet zu haben. Sie sollen die Beziehung abgelehnt haben. Später widerrief er die Geständnisse: Er habe nur seine Freundin vor einer Strafe schützen wollen. Als Sohn eines Diplomaten habe er sich in Immunität gewähnt. Der Fall sorgte in Amerika und in Deutschland für Schlagzeilen. 

          In den folgenden Jahren machte Söring durch Gefängnisinterviews, Bücher und zahlreiche Anträge auf eine vorzeitige Entlassung fortwährend auf sich aufmerksam. Letztere war im Januar noch mit Verweis auf die Schwere der Tat abgelehnt worden. Ende November kam es nun zu seiner abrupten wie unerwarteten Freilassung: Nach fast 34 Jahren Haft begründete die Bewährungskommission diese mit seinem Alter zur Tatzeit und Einsparungen für die Steuerzahler. Selbst Sörings Anwalt soll nichts von den Beratungen der Kommission gewusst haben. Begnadigt wurde der 53-Jährige laut dem Gouverneur von Virginia jedoch nicht, er gilt weiterhin als schuldig. Söring wurde anschließend in ein Abschiebungszentrum in Farmville verlegt. Am Montagabend wurde er zu einem Flughafen an die Ostküste gebracht und in den Flieger nach Deutschland gesetzt. In die Vereinigten Staaten darf er nicht wieder einreisen. 

          Seine Komplizin, die Kanadierin Haysom, wurde ebenfalls freigelassen. Sie war wegen Anstiftung zum Mord zu insgesamt 90 Jahren Haft verurteilt worden. Auch sie muss die Vereinigten Staaten verlassen und soll nach Kanada abgeschoben werden.

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