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Deutscher in Amerika in Haft : Neue Hoffnung für Jens Söring nach 30 Jahren Haft

Jens Söring während eines Interviews im Jahr 2011 Bild: Picture-Alliance

Seit 30 Jahren sitzt der Deutsche Jens Söring wegen Mordes in einem Gefängnis in Virginia. Nun sollen neue Spuren seine Unschuld beweisen.

          „Jens Söring – im Gefängnis seit 30 Jahren, 3 Monaten und 27 Tagen“. Das verkündet ein fortlaufender Ticker auf der Webseite des „Freundeskreises Jens Söring“, der sich seit Jahren für den in Amerika inhaftierten Deutschen einsetzt. Hintergrund der tragischen Geschichte ist, dass der Autor von insgesamt neun Büchern 1985 wegen Mordes an den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom zu zwei Mal 45 Jahren Haft verurteilt wurde – obwohl erhebliche Zweifel an seiner Schuld bestehen. Nachdem Söring die Morde zunächst gestanden hatte, nahm er später das Geständnis zurück und erklärte, er habe lediglich seine Freundin vor der Todesstrafe bewahren wollen.

          Christoph Strauch

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit seiner Inhaftierung hat Söring zahlreiche Bewährungsgesuche an die Bewährungskommission in Virginia gerichtet, die aber allesamt abgelehnt wurden. Auch die Unterstützung, die der heute Fünfzigjährige von Seiten zahlreicher Bundestagsabgeordneter erfuhr, konnte daran nichts ändern: Über viele Jahre hinweg haben die Parlamentarier Initiativen gestartet, um Sörings Entlassung auf Bewährung oder eine Haftüberstellung nach Deutschland zu unterstützen – angeführt von dem SPD-Abgeordneten Christoph Strässer, der sich mit dem Fall lange vor seiner Ernennung zum Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung beschäftigte.

          Neue DNA-Beweise

          Nun aber scheint neue Hoffnung für den inhaftierten Deutschen aufzukeimen: Wie Bernadette Faber, Koordinatorin des „Freundeskreises Jens Söring“, am Mittwoch erklärte, hat Sörings Anwalt Steven D. Rosenfield am 22. August eine Petition eingereicht, um die Entlassung seines Mandanten aus der Haft in Virginia zu erreichen. In dem Schreiben an Virginias Gouverneur Terry McAuliffe wird erstmals ein „Absolute Pardon“ gefordert – die bedingungslose Anerkennung von Sörings Unschuld. Laut Bernadette Faber stützt sich die Forderung unter anderem auf neue DNA-Beweise, die „völlig überraschend“ vor etwa drei Wochen auftauchten und „Jens Söring stark entlasten“ sollen.

          Demnach habe die Wissenschaftlerin Shelley S. Edler vom gerichtsmedizinischen Institut von Virginia bestätigt, dass zwei der elf Blutproben, die im Jahr 2009 erfolgreich auf DNA getestet wurden, der Blutgruppe 0 entsprachen. Da die beiden Opfer die Blutgruppen A und AB hatten, müsse das am Tatort gefundene Blut vom Täter stammen. Edler zufolge sei aber Jens Söring definitiv als möglicher Urheber der zwei Blutspuren durch DNA-Analyse ausgeschlossen. Weitere Beweise, auf die sich Rosenfields Petition neben den neuen DNA-Beweisen stützen, sind ein Experte für falsche Geständnisse sowie eine Stellungnahme des ursprünglich leitenden Ermittlers.

          Bernadette Faber kennt Jens Söring seit neun Jahren. Sie hat 2007 in der ZDF-Reportage 37 Grad von dessen Schicksal gehört und unterstützt ihn seitdem, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung mitteilte. Auf die Frage, wie es Söring zur Zeit geht, antwortete Faber: „Es geht ihm momentan recht gut, er ist zuversichtlich, aber er hat auch Angst, dass er ein weiteres Mal zum politischen Spielball im Wahlkampf in Virginia gemacht wird.“

          Politische Dimension

          Faber spielt dabei auf die politische Dimension des Falles an, die im Zusammenhang steht mit den Namen zweier früherer Gouverneure und dem jetzigen Amtsinhaber McAuliffe. Der demokratische Senator Tim Kaine, vor kurzem von Hillary Clinton zum Vizepräsidentschaftskandidaten für die Wahl im November ernannt, sprach sich 2010 kurz vor dem Ende seiner Amtszeit für die Haftüberstellung von Jens Söring nach Deutschland aus. Sein Nachfolger, der Republikaner Robert „Bob“ McDonnell, widerrief sofort in den ersten Tagen seiner Amtszeit.

          Professor Andreas Frieser, der Söring seit Jahren als Anwalt zur Seite steht, erklärte gegenüber der F.A.Z. den ideologischen Hintergrund dieser Gegensätze: „Obwohl eine Haftüberstellung keine Begnadigung ist, kann man hier trotzdem von einem Entgegenkommen sprechen, da klar war, dass Söring danach nicht in Haft bleiben würde. An diesem Punkt prallt die liberale Position der Demokraten auf die harte Haltung der Republikaner, die ihren Gegnern gern vorwerfen, ‚windelweich‘ zu sein.“ Als Kaine 2012 für den Senatsposten kandidierte, sei er im Wahlkampf mit dem Thema konfrontiert worden. Tatsächlich ist Kaine auch unter dem Spitznamen „Mr. Nice Guy“ bekannt, was ihm im laufenden Präsidentschaftswahlkampf nicht nur Lob einträgt. Kritiker werfen ihm vor, „zu nett“ für den Kandidaten der republikanischen Partei, Donald Trump zu sein.

          Weniger nett gegenüber Söring zeigte sich bislang Virginias jetziger Gouverneur McAuliffe: 2014 sprach sich der Nachfolger McDonnells nach einer entsprechenden Petition dagegen aus, die Haftüberstellung nach Deutschland wieder aufzugreifen. Es bleibt nun abzuwarten, wie er auf die neuen Erkenntnisse reagieren wird, auf die Sörings Anwalt in seinem Gesuch eingeht.

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