https://www.faz.net/-gum-8o44h

DNA-Analyse : Hat der Täter blaue oder braune Augen?

Im Labor: DNA-Analyse beim Bayerischen Landeskriminalamt Bild: Picture-Alliance

Nach dem Mordfall von Freiburg ist die Diskussion hochgekocht: Sollte man DNA-Analyse nicht nutzen dürfen, um auch äußere Merkmale zu bestimmen? Bisher ist die Auswertung in Deutschland verboten – das könnte sich jetzt ändern.

          Im Mai 1999 wurde in einem kleinen Dorf in den Niederlanden ein sechzehnjähriges Mädchen auf dem Heimweg vergewaltigt und mit durchschnittener Kehle auf einem Feld aufgefunden. Wie konnte hier in der Beschaulichkeit, wo sich die Menschen untereinander kannten, so ein Mord geschehen?

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit auf ein nahe gelegenes Asylbewerberheim, in dem irakische und afghanische Migranten untergebracht waren. Es kam zu Übergriffen, die Unterkunft der Flüchtlinge musste eigens gesichert werden. Jahrelang tappte die Polizei jedoch im Dunkeln.

          Dann wurden die DNA-Spuren des Täters auf die geographische Herkunft hin untersucht – das Ergebnis wies auf einen Mann mit wahrscheinlich westeuropäischer Abstammung. Im Jahr 2012 schließlich bat die Polizei in einer DNA-Reihenuntersuchung Tausende Freiwillige aus der Region zu einer Speichelprobe. Unter ihnen war auch der Täter: ein 45 Jahre alter niederländischer Landwirt und Familienvater, der 2,5 Kilometer vom Tatort entfernt wohnte. Er gestand die Tat und wurde zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren verurteilt.

          DNA-Analyse könnte über Täter-Aussehen aufklären

          Der Fall zeigt einmal mehr, was die forensische DNA-Analyse inzwischen alles leisten kann: Tatverdächtige zu entlasten und zugleich Tatverdächtige zu erkennen. Wenn man sie nur ließe, muss man hinzufügen, denn in Deutschland sind Auswertungen von DNA-Spuren nur zum Zwecke der Identitätsfeststellung erlaubt. In den Niederlanden hingegen darf die Polizei laut Gesetz seit rund 14 Jahren auch in DNA-Spuren danach suchen, aus welcher Weltregion (Asien, Europa, Afrika, Amerika, Ozeanien) die Vorfahren des unbekannten Spurenverursachers wahrscheinlich stammen.

          Zudem kann, soweit wissenschaftlich möglich, ermittelt werden, welche äußerlich sichtbaren Körpermerkmale sie besitzen. Dass DNA-Spuren bei Ermittlungen umfangreicher ausgewertet werden sollten, hat nun auch der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger gefordert. Bei der Tätersuche im Fall der ermordeten Maria L. hätte dies der Polizei „massiv“ geholfen, sagte Rotzinger der „Badischen Zeitung“.

          Zwar hat die Polizei durch eine herausragende Tatortarbeit auch so den mutmaßlichen Täter ermittelt. Doch Kriminalisten und forensische Molekularbiologen fordern seit längerem schon, auch in Deutschland die Möglichkeiten auszuschöpfen, um der DNA-Spur auch Informationen über den Phänotyp, das Aussehen des Tatverdächtigen, zu entlocken. Der Kreis der Tatverdächtigen kann so schneller eingegrenzt, ein mutmaßlicher Täter schneller ermittelt, weitere Taten können möglicherweise verhindert werden.

          Angaben zu Alter, Herkunft, Haar- und Augenfarbe möglich

          Um diese äußeren Merkmale eines Menschen herauszulesen, muss man sich den codierenden Bereich des Genoms und bestimmte Anteile des nicht codierenden Bereichs genauer ansehen. Für die Feststellung der Identität, also ob die Spur einer bestimmten Person zuzuordnen ist, wird nur der nicht-codierende Bereich analysiert. Das „Forensic DNA Phenotyping“ ermöglicht es jedoch inzwischen, anhand der DNA-Spuren auch aussagekräftige Angaben zu Alter, Herkunft, zu Haar- und Augenfarbe zu machen.

          Gerade auch das Alter ist für die polizeiliche Ermittlungen besonders relevant: Es ist ein großer Unterschied, ob die Polizei in den entsprechenden Milieus nach einem zwanzigjährigen oder nach einem vierzigjährigen Tatverdächtigen suchen soll.

          Über das Alter eines Menschen geben bestimmte Abschnitte innerhalb der DNA Aufschluss, die die Aktivitäten der Gene steuern. „Man kann inzwischen das Alter ziemlich genau bestimmen, bis auf vier Jahre mehr oder weniger“, sagt Peter Schneider, Leiter der Forensischen Molekulargenetik am Universitätsklinikum in Köln.

          Schneider: Nur Privatsachen sollen tabu bleiben

          Der Molekularbiologe hat zusammen mit einer Forschungsgruppe am Helmholtz-Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen ein Testverfahren entwickelt, um anhand von Blutproben eine differenzierte Altersbestimmung vornehmen zu können. Schneider spricht sich dafür aus, auch äußerlich sichtbare Merkmale bei der DNA-Analyse bestimmen zu dürfen. „Das unterscheidet sich doch nicht von den Beobachtungen eines Augenzeugen. Die würde die Polizei ja auch verwerten.“ Aussehen sei eben keine Privatsache.

          Was man nicht sehen kann, solle jedoch nach wie vor tabu bleiben. Dazu gehören erblich veranlagte Krankheiten. So hatten es auch die Niederländer nach einer breit angelegten öffentlichen Diskussion vor Jahren gesetzlich geregelt. Eine ähnlich offene und vor allem sachliche Diskussion wünscht er sich – wie viele Rechtsmediziner – auch in Deutschland. „Doch hier wird vieles oft ideologisch aufgeladen.“

          Augenfarbe lässt sich recht genau voraussagen

          In den Niederlanden sieht man das pragmatischer. So kann die Polizei dort anhand des Testverfahrens „Irisplex“ mit einer Wahrscheinlichkeit von durchschnittlich 94 Prozent herausfinden, ob ein Tatverdächtiger blaue oder braune Augen hat. Entwickelt hat dieses Testverfahren der deutsche Genetiker Manfred Kayser mit seinem Team, er leitet das Institut für Genetische Identifizierung am Medizinischen Zentrum der Erasmus-Universität Rotterdam.

          Mischformen der Augenfarbe wie Grün oder Grau sind jedoch schwieriger zu bestimmen. Rote Haare lassen sich am verlässlichsten (93 Prozent) vorhersagen, schwarzer Haare auch relativ genau (85 Prozent), bei blonden oder braunen Haaren beträgt die Genauigkeit der Vorhersage immerhin 80 Prozent.

          Ergebnisse sind mit Vorsicht zu benutzen

          Natürlich weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass die Ergebnisse nicht ohne weiteres für die polizeilichen Ermittlungen verwertbar sind. Lebensgewohnheiten, Krankheiten und Tablettenkonsum haben ebenso wie die Umwelt einen Einfluss auf das Aussehen. Haarfarben können sich mit dem Alter und der Mode verändern, Kontaktlinsen aus blauen Augen braune machen.

          Auch ist man noch weit davon entfernt, anhand der DNA-Analyse halbwegs brauchbare Phantombilder des Tatverdächtigen zu entwickeln. Und die DNA-Analyse ist immer nur ein Baustein in polizeilichen Ermittlungen. Doch auch dem hochkomplexen genetischen Zusammenspiel, das für Gesichtszüge oder Körpergröße verantwortlich ist, nähert sich die Forschung Schritt für Schritt an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine einfache Gesetzesänderung hätte auch gereicht - das Grundgesetz hätte nicht angetastet werden müssen.

          Digitalpakt-Kommentar : Armes Grundgesetz

          Die Änderung des Grundgesetzes für den Digitalpakt widerspricht dem Geist unserer Verfassung – denn sie schadet dem Föderalismus, der einen Wettbewerb um die beste Politik vorsieht.

          Champions League im Liveticker : Wie lange hält Schalke stand?

          Mit Manchester City haben die Königsblauen einen starken Gegner vor der Brust. Doch der frühere Schalker Sané ist zunächst nur auf der Bank. Was kann das Team von Trainer Tedesco dagegen halten? Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Viktor Orbán und die EU : Eine weitere Zerreißprobe

          Orbán provoziert Brüssel mit einer neuen Plakatkampagne. Doch diesmal geht er so weit, dass sich EVP darüber entzweien könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.