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„Upskirting“ in Deutschland : Unter den Rock fotografiert

Zwei Frauen, die in Edinburgh in Röcken unterwegs sind. In Großbritannien ist das sogenannte Upskirting mittlerweile verboten (Archivbild). Bild: dpa

Wer Frauen heimlich unter den Rock fotografiert, macht sich nicht strafbar. Zwei Frauen wollen erreichen, dass sich das ändert – und machen sich stark gegen das „Upskirting“.

          Hanna Seidel war gerade einmal 16 Jahre alt, als sie erlebte, wie hilflos man sich als Opfer eines Übergriffs fühlen kann. Es passierte auf einem Musikfestival im Sommer. Seidel stand mit ihren Freunden hinten, wo die Menge nicht so dicht ist. Plötzlich machte eine Freundin sie auf einen Mann aufmerksam, der hinter ihr stand. Sie drehte sich um und merkte noch, wie er seinen Arm unter ihrem Rock hervorzog, das Handy in der Hand.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mann hatte Fotos von ihrem Intimbereich gemacht. „Er hat es abgestritten“, sagt Seidel, „aber er hat dabei so dreckig gelacht, dass mir klar war, dass das nicht stimmt.“ Die Sechzehnjährige ging zu Polizisten in der Nähe und berichtete, was passiert war. Doch die sagten ihr, man könne ihr leider nicht helfen. Zurück bei ihren Freunden, ging Seidel auf den Mann zu und forderte ihn auf, die Bilder zu löschen. „Da wurde er aggressiv, ging auf mich los und wollte mich schlagen.“ Gerade noch rechtzeitig schritten Umstehende ein. „Er schrie mich an, wenn ich so einen kurzen Rock trage, dann würde ich so was ja auch wollen. Er beschimpfte mich als Flittchen.“

          Dank der Umstehenden zeigte der Mann einen leeren Ordner auf seinem Handy vor, als Beweis, dass er die Fotos gelöscht hatte. Sie glaubt nicht, dass er das wirklich gemacht hat. Zu triumphierend war sein Lachen auch da noch. „In den Tagen danach habe ich mich gefragt, ob die Fotos jetzt irgendwo im Internet sind“, sagt Seidel. Der Gedanke machte sie wütend. „Als Frau fühlt man sich in dem Moment dreckig. Man fühlt sich schuldig. Das ist das Schlimmste daran.“

          Wie viele Frauen Ähnliches erleben, lässt sich nicht sagen. Es gibt jedoch immer wieder Meldungen: Im Juni 2018 fotografierte ein Mann in einem ICE in den Schritt einer schlafenden Frau; in einer Düsseldorfer S-Bahn legte sich ein Mann 2016 sogar auf den Boden, um die Kamera unter den Rock einer Frau zu halten; häufig passieren die Übergriffe auch auf Rolltreppen, wie in einem Mainzer Kaufhaus im Sommer 2015. Das Internet ist voll von Seiten, auf denen solche Fotos und Videos geteilt werden. In Foren geben Männer Tipps, wie man die Bilder am unauffälligsten macht.

          Das sogenannte Upskirting (von Englisch „up“ wie „nach oben“ und „skirt“ für „Rock“) ist in Deutschland keine Straftat. „Das Phänomen Upskirting ist uns natürlich bekannt“, sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I. „Aber uns erreichen dazu selten Ermittlungsverfahren der Polizei oder Strafanzeigen von Geschädigten, da die Strafbarkeit in diesen Fällen leider meist ausgeschlossen ist.“

          Es gibt einige Straftatbestände, die infrage kommen. Allerdings sind die Erfolgschancen gering. Eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs etwa ist das nur dann, wenn die Fotos im privaten Bereich oder einem intimen Raum wie einer Toilette oder Umkleidekabine gemacht wurden. Auch mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung kommen Opfer nicht durch: „Sie läge nach geltendem Recht nur dann vor, wenn die Frau körperlich berührt worden wäre“, sagt Matthias Jahn, Professor für Strafrecht an der Frankfurter Goethe-Universität und Richter am Oberlandesgericht. Der Tatbestand der Beleidigung könne nur dann in Betracht gezogen werden, wenn die Frau bemerkbar missachtet wurde, also etwa verbal. Die dritte Chance für Opfer ist eine Ordnungswidrigkeit: Sie kann nach Angaben Jahns nur dann festgestellt werden, wenn sich durch die Tat die Öffentlichkeit belästigt gefühlt hat. Es braucht also mindestens eine dritte Person, die sich gestört gefühlt hat. Dieser Nachweis sei aber schwer zu führen und hat nur äußerst selten eine Verurteilung zur Folge.

          Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich aber noch aus einem anderen Grund schwer einschätzen: „Das Problem ist in der Regel, dass die Frauen die Aufnahmen nicht mitbekommen“, sagt Anne-Katrin Wolf, Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Strafrecht, die in der Strafrechtskommission des Deutschen Juristinnenbunds sitzt. Tatsächlich finden Ermittler manchmal sogar entsprechende Fotos auf Handys, die sie aus anderen Gründen durchsuchen. Aber eine Strafverfolgung scheitert daran, dass die geschädigte Frau nicht ermittelt werden kann. Wolf findet es wichtig, dass über die Strafbarkeit von Upskirting diskutiert wird.

          „Wir machen so lange weiter, bis wir die Aufmerksamkeit der Politik haben.“ Aktivistin Hanna Seidel hat eine Petition gegen Upskirting gestartet.

          Die Chancen schätzt sie als gar nicht schlecht ein, weil die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen gerade stark im Fokus der Öffentlichkeit steht. „Aber wir müssen aufpassen, dass nicht hektisch ein neues Gesetz gestrickt wird, bei dem wir dann in einem Jahr merken, dass Lücken übersehen wurden.“ So, wie es bei der Reform des Sexualstrafrechts von 2016 geschah. Hätte man etwa den damals neu geschaffenen Paragraphen 184i im Strafgesetzbuch, der die sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, breiter aufgestellt, wäre die Upskirting-Lücke damals schon geschlossen worden.

          Sie fühlte sich hilflos

          Rechtsanwältin Wolf fordert, dass bei einer möglichen Gesetzesänderung vorher genau überlegt wird, wie ein Paragraph aussehen muss – damit er sinnvoll sowie praktisch anwendbar ist und sich inhaltlich nicht nur explizit auf Upskirting bezieht, sondern das Problem von Übergriffen im öffentlichen Raum und digitaler Gewalt gegen Frauen grundsätzlich thematisiert.

          Hanna Seidel, die heute 28 Jahre alt ist, fühlte sich bei dem Übergriff damals hilflos. Als sie vor ein paar Monaten feststellte, dass es juristisch gesehen tatsächlich keine sexuelle Belästigung war, ergab ihr damaliges Gefühl für sie plötzlich Sinn. Sie beschloss: So kann es nicht bleiben. Mit ihrer Studienfreundin Ida Sassenberg startete sie eine Initiative. Mehr als 45.000 Personen haben innerhalb von wenigen Wochen die Petition der beiden auf Change.org unterschrieben, 50.000 sind ihr Ziel. „Wir machen so lange weiter, bis wir die Aufmerksamkeit der Politik haben“, sagt Seidel.

          Großbritannien als Vorbild

          Vorbild für die beiden ist die Engländerin Gina Martin. Der Siebenundzwanzigjährigen ist es zu verdanken, dass Upskirting in England seit Mitte April offiziell eine Straftat ist, wie schon in Schottland, Neuseeland und Australien. Täter können dort jetzt mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden. 18 Monate lang hatte Gina Martin für ihre Sache gekämpft, nachdem sie bei einem Festival einen ähnlichen Übergriff wie Hanna Seidel erlebt hatte. Sogar Premierministerin Theresa May gab per Twitter ihre Unterstützung für Martins Anliegen bekannt und setzte einen seltenen gesetzgeberischen Prozess in Gang. „Upskirting ist ein Eindringen in die Privatsphäre, es würdigt die Opfer herab und verursacht Leid“, schrieb sie.

          In Deutschland hat sich auf die Initiative von Seidel und Sassenberg noch kein politischer Mandatsträger gerührt. Dafür umso mehr Menschen im Netz. Viele können nicht glauben, dass das heimliche Fotografieren in den Intimbereich an sich keine Straftat ist. Andere reagieren so wie der Mann, der Seidel damals mit 16anging. „Dann zieht euch halt lange Unterhosen an“, sagen sie. „Euch will man doch gar nicht zwischen die Beine fotografieren.“ Hanna Seidel erzählt von einer Vierzehnjährigen, die ihnen schrieb, dass bei ihr in der Schule solche Übergriffe ständig passieren. Damit ist in ihren Augen alles gesagt.

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