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„Upskirting“ in Deutschland : Unter den Rock fotografiert

Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich aber noch aus einem anderen Grund schwer einschätzen: „Das Problem ist in der Regel, dass die Frauen die Aufnahmen nicht mitbekommen“, sagt Anne-Katrin Wolf, Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Strafrecht, die in der Strafrechtskommission des Deutschen Juristinnenbunds sitzt. Tatsächlich finden Ermittler manchmal sogar entsprechende Fotos auf Handys, die sie aus anderen Gründen durchsuchen. Aber eine Strafverfolgung scheitert daran, dass die geschädigte Frau nicht ermittelt werden kann. Wolf findet es wichtig, dass über die Strafbarkeit von Upskirting diskutiert wird.

„Wir machen so lange weiter, bis wir die Aufmerksamkeit der Politik haben.“ Aktivistin Hanna Seidel hat eine Petition gegen Upskirting gestartet.
„Wir machen so lange weiter, bis wir die Aufmerksamkeit der Politik haben.“ Aktivistin Hanna Seidel hat eine Petition gegen Upskirting gestartet. : Bild: privat

Die Chancen schätzt sie als gar nicht schlecht ein, weil die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen gerade stark im Fokus der Öffentlichkeit steht. „Aber wir müssen aufpassen, dass nicht hektisch ein neues Gesetz gestrickt wird, bei dem wir dann in einem Jahr merken, dass Lücken übersehen wurden.“ So, wie es bei der Reform des Sexualstrafrechts von 2016 geschah. Hätte man etwa den damals neu geschaffenen Paragraphen 184i im Strafgesetzbuch, der die sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, breiter aufgestellt, wäre die Upskirting-Lücke damals schon geschlossen worden.

Sie fühlte sich hilflos

Rechtsanwältin Wolf fordert, dass bei einer möglichen Gesetzesänderung vorher genau überlegt wird, wie ein Paragraph aussehen muss – damit er sinnvoll sowie praktisch anwendbar ist und sich inhaltlich nicht nur explizit auf Upskirting bezieht, sondern das Problem von Übergriffen im öffentlichen Raum und digitaler Gewalt gegen Frauen grundsätzlich thematisiert.

Hanna Seidel, die heute 28 Jahre alt ist, fühlte sich bei dem Übergriff damals hilflos. Als sie vor ein paar Monaten feststellte, dass es juristisch gesehen tatsächlich keine sexuelle Belästigung war, ergab ihr damaliges Gefühl für sie plötzlich Sinn. Sie beschloss: So kann es nicht bleiben. Mit ihrer Studienfreundin Ida Sassenberg startete sie eine Initiative. Mehr als 45.000 Personen haben innerhalb von wenigen Wochen die Petition der beiden auf Change.org unterschrieben, 50.000 sind ihr Ziel. „Wir machen so lange weiter, bis wir die Aufmerksamkeit der Politik haben“, sagt Seidel.

Großbritannien als Vorbild

Vorbild für die beiden ist die Engländerin Gina Martin. Der Siebenundzwanzigjährigen ist es zu verdanken, dass Upskirting in England seit Mitte April offiziell eine Straftat ist, wie schon in Schottland, Neuseeland und Australien. Täter können dort jetzt mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden. 18 Monate lang hatte Gina Martin für ihre Sache gekämpft, nachdem sie bei einem Festival einen ähnlichen Übergriff wie Hanna Seidel erlebt hatte. Sogar Premierministerin Theresa May gab per Twitter ihre Unterstützung für Martins Anliegen bekannt und setzte einen seltenen gesetzgeberischen Prozess in Gang. „Upskirting ist ein Eindringen in die Privatsphäre, es würdigt die Opfer herab und verursacht Leid“, schrieb sie.

In Deutschland hat sich auf die Initiative von Seidel und Sassenberg noch kein politischer Mandatsträger gerührt. Dafür umso mehr Menschen im Netz. Viele können nicht glauben, dass das heimliche Fotografieren in den Intimbereich an sich keine Straftat ist. Andere reagieren so wie der Mann, der Seidel damals mit 16anging. „Dann zieht euch halt lange Unterhosen an“, sagen sie. „Euch will man doch gar nicht zwischen die Beine fotografieren.“ Hanna Seidel erzählt von einer Vierzehnjährigen, die ihnen schrieb, dass bei ihr in der Schule solche Übergriffe ständig passieren. Damit ist in ihren Augen alles gesagt.

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