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Afrikas Rohstoffe : Öldiebe in Nigeria

Auf frischer Tat: Ein Mann in Nigeria steuert sein Boot gefüllt mit abgezapftem Rohöl. (Archivbild) Bild: AP

Das bevölkerungsreiche Land Afrikas verfügt über riesige Vorkommen an Erdöl. Doch dem Staat entgehen durch Diebstahl hohe Einnahmen – jeden Tag werden rund 400.000 Fass Rohöl gestohlen.

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          Nirgendwo auf der Welt wird so viel Öl gestohlen wie in Nigeria: Jeden Tag verliert das westafrikanische Land rund 400.000 Fass Rohöl durch Diebe. Dies geht aus einem Bericht des Nigeria Natural Resource Charter (NNRC) hervor – der Nigeria-Zweigstelle einer Initiative von Rohstoffexperten, die auf der ganzen Welt Regierungen in Ländern mit großen Vorkommen an Bodenschätzen berät. Den Recherchen zufolge liegt Mexiko weit abgeschlagen auf Rang zwei – dort werden pro Tag nur rund 5000 bis 10.000 Fass gestohlen, also vierzig- bis achtzigmal weniger als in Nigeria.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Im Nigerdelta, durch das mittlerweile rund 13.000 Kilometer Ölpipelines gelegt wurden, haben sich längst gewalttätige Milizen gebildet, deren Haupteinnahmequelle der Öldiebstahl ist – und die sich bizarre Namen wie „Die Rächer des Nigerdeltas“ geben. Diese Banden zapfen Pipelines an, entführen Öllaster und kapern vor der Küste Tanker mit bis zu 60.000 Fass Rohöl an Bord. Oft entführen sie ganze Schiffsbesatzungen. So berichtete erst kürzlich das „International Maritime Bureau“, das sich mit der Piraterie auf allen Weltmeeren beschäftigt, dass im Jahr 2018 vor den Gewässern Nigerias 48 Piratenangriffe stattgefunden hätten, 15 mehr als noch ein Jahr zuvor. Nirgendwo sonst auf der Welt würden die Freibeuter so schlimm wie im Golf von Guinea wüten: 73 Prozent aller Entführungen auf See fänden hier statt. Bisweilen werden Pipelines professionell gesprengt und das Öl über neugelegte Rohre umgeleitet, gelegentlich wird das Rohöl in illegalen Raffinieren veredelt.

          Oft machen sich aber auch einfach nur Dorfbewohner über undichte Leitungen her, zapfen das Öl in mitgebrachten Kanistern ab und tragen es nach Hause. Erst im März kam es dabei zu einem tragischen Unglück, als in der Region Nembe im Mündungsgebiet des Niger eine Ölpipeline explodierte und vermutlich mehr als 50 Personen ums Leben kamen. 2018 starben in Nigeria einige hundert Menschen, als sie versuchten, aus Pipelines oder Tanklastern auslaufendes Öl aufzufangen.

          Bevölkerung profitiert kaum vom Öl

          Nach Angaben des NNRC-Rechercheurs Niyi Awodeyin, der die Studie in der Wirtschaftsmetropole Lagos vorstellte, verliert Nigeria rund zehn Prozent des jährlichen Staatshaushalts durch die Öldiebe. Er gehe davon aus, dass Nigeria jährlich rund eine Billion Naira, umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro, verliere. Damit werde in Nigeria mehr Öl gestohlen, als in einigen anderen Öl fördernden Ländern insgesamt produziert werde. Rund 75 Prozent der gestohlenen Ware werde später ins Ausland geschmuggelt und dort verkauft. Seit mindestens zehn Jahren steigt der Öldiebstahl in Nigeria kontinuierlich an, wie die NNRC berichtet.

          Das Land hätte die Einnahmen bitter nötig. Zwei Drittel der Staatseinnahmen beruhen auf dem Verkauf des Öls, rund 90 Prozent der Deviseneinnahmen stammen aus diesem Geschäft. Mit fast 200 Millionen Menschen ist Nigeria Afrikas bevölkerungsreichster Staat. Die meisten Menschen leben in bitterer Armut. Das Durchschnittseinkommen eines Nigerianers beträgt rund 150 Euro im Monat. Mit 2,6 Prozent liegt das Bevölkerungswachstum höher als das Wirtschaftswachstum, das für dieses Jahr auf zwei Prozent geschätzt wird.

          Dabei könnte Nigeria steinreich sein. Mit schätzungsweise 37 Milliarden Fass Ölreserven ist es nach Libyen Afrikas ölreichster Staat. Im Jahr 1958 wurde zum ersten Mal Öl aus Nigeria exportiert. Derzeit fördern unter anderem Exxon Mobil, Chevron, Statoil, Shell und Agip im Land. Doch nach einem Bericht der Weltbank landen 80 Prozent der durch Steuern eingenommen Öleinnahmen bei nur einem Prozent der Nigerianer. Korruption ist allgegenwärtig. Auf dem Index der Korruptionswächter von Transparency International, der 180 Staaten umfasst, rangiert der Ölstaat auf dem 144. Platz. Viele ranghohe Militärs und Politiker mischen in dem lukrativen Geschäft mit.

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