https://www.faz.net/-gum-vxig

Gefahr für Europa : Die zwei Gesichter der Mafia

  • -Aktualisiert am

Auch wenn die deutsche Polizei mehrere Verdächtige verhaftet hat: Das Massaker von Duisburg hat gezeigt, dass sich die Mafia hierzulande ausbreitet. Die größte Gefahr besteht nun darin, dass Europa zur größten Waschanlage von Schwarzgeld wird. Von Leoluca Orlando, ehemaliger Bürgermeister von Palermo.

          3 Min.

          Es ist eine alte Unsitte der Sizilianer, ihre Insel für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Und das in jeder Hinsicht, auch was die Kriminalität betrifft. Aber dem ist, leider und zum Glück, natürlich nicht so! Neben der sizilianischen Mafia gibt es die chinesische und die japanische, die russische und die kolumbianische, aber auch, um in Italien zu bleiben, die Camorra und die ’ndrangheta, nicht zu vergessen die Sacra Corona Unita in Apulien und die Stidda in ein paar Landstrichen Siziliens.

          Das sind alles Mafia-Netze, Erscheinungen der organisierten Kriminalität, die darauf gegründet sind, dass sie die Werte der Gemeinschaft pervertieren. Für alle Mafia-Organisationen (und darüber hinaus für jede Form des Verbrechens an der Identität der Gemeinschaft) ist es nützlich, auf das Erklärungsmuster des doppelten Gesichts zurückzugreifen: auf das lokale und das globale, das alte und das neue, das Gesicht der Waffen und das der Börse, das Gesicht des Glaubens und der Politik.

          Unterschiedliche Strukturen

          Auf lokaler Ebene unterscheidet sich die sizilianische Cosa nostra von den anderen beiden Mafia-Organisationen, der Camorra und der ’ndrangheta. Die traditionelle Cosa nostra hat eine hierarchische, vertikale Struktur: Die sizilianische Mafia hat einen Boss der Bosse, einen Vertreter, der dem Boss der Bosse untersteht, und jedes Territorium hat seinerseits einen Boss. Die traditionelle Camorra dagegen hat keinen obersten Boss: Sie hat eine horizontale Struktur, ist ebenfalls in Territorien unterteilt, von denen jedes einzelne einen Boss hat.

          So ein Territorium besteht manchmal aus einer ganzen Stadt, in anderen Fällen aus einem Stadtviertel oder einem Dorf, mitunter auch nur aus einem Häuserblock oder einem Mietshaus. Es gibt, im Unterschied zur sizilianischen Mafia, keinen Boss der Bosse in der Camorra, und gerade erst sind Versuche – wie der von Raffaele Cutolo und seiner Nuova Camorra Organizzata – gescheitert, einen solchen zu etablieren.

          Erbitterter Kampf auf Leben und Tod

          Auch die traditionelle ’ndrangheta hat keinen obersten Boss, auch sie ist horizontal nach Territorien geordnet, und in jedem von ihnen herrscht eine Fehde: zwischen zwei Familienbünden, zwischen zwei Anwärtern auf die Position des Bosses, die über Jahrzehnte einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod führen.

          Das sind die drei lokalen Gesichter der traditionellen italienischen Mafia-Organisationen. Wenn diese Organisationen ihre angestammten Territorien, die geographischen wie die Geschäftsbereiche, verlassen, beginnen die für sie typischen lokalen Unterschiede zu verschwinden.

          So neigen diese drei Organisationen dazu, ihre Eigenarten zu verwässern und eine gemeinsame Sprache zu sprechen, sobald sie im internationalen Drogenhandel tätig werden, an der Börse Geld anlegen und in Immobilien in Deutschland oder Schweden investieren. Sie sind und bleiben Sizilianer, Neapolitaner und Kalabresen. Zugleich modernisieren sie sich, realphabetisieren sie sich und passen sie sich an, um Bürger und Kriminelle Europas, ja der Welt zu werden.

          Das Massaker von Duisburg

          Wie ist das Massaker von Duisburg zu erklären? Wie ist dieses schreckliche Verbrechen zu verstehen? Noch einmal muss man dafür das Erklärungsmuster des doppelten Gesichts bemühen. Am 15. August 2007, dem italienischen Ferragosto, wurde uns die Professionalität einer Gruppe von Kriminellen vor Augen geführt: ihr perfekt organisiertes Kommando, ihr Einsatz modernster Maschinengewehre, ihre Flucht ohne Hindernisse. Mir kam das vor, als sähe ich die perfekt organisierten Anschläge von Terroristenkommandos mit ganz anderer Wertematrix wieder, als sähe ich Terroristen einer Realität wieder, die weit entfernt ist von San Luca in Kalabrien, wie die der Roten Armee Fraktion von Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Oder wie die Attentate des 11. September.

          Dieses Gesicht des hochentwickelten Berufsverbrechertums scheint im unüberbrückbaren Gegensatz zur Mafia zu stehen. In Wirklichkeit aber zeigt es die andere Seite derselben Medaille, zu der auch die Ställe und ärmlichen Häuser von San Luca gehören, einem kleinen Ort in Kalabrien, aus dem die Opfer kommen und mit dem auch die Mörder verbunden sind. Nicht ihre Herkunft ist dabei entscheidend, sondern dass sie innerhalb des organisierten Rings von kalabresischen Wirtschaftskriminellen operieren.

          Öffentliches Erstaunen

          Die öffentliche Meinung in Deutschland reagierte mit Erstaunen. Mich aber verwundert das Erstaunen vieler Deutscher. Sizilianische, neapolitanische und kalabresische Kriminelle sind seit vielen Jahren in Deutschland aktiv, in Unternehmen, an der Börse, in den Banken. Sie sind so modern und professionell wie ihre Strohmänner und ihre deutschen Geschäftspartner in der Wirtschaft oder in der organisierten Kriminalität. Man musste nicht erst ein Massaker gewärtigen, um die beiden Gesichter der kalabresischen Mafia zu entdecken, und es wird auch nicht nötig sein, weitere Massaker abzuwarten, um die zwei Gesichter der russischen, sizilianischen, neapolitanischen oder chinesischen Mafia in Deutschland oder anderen Ländern zu entdecken.

          Was ist zu tun? Gibt es keine Hoffnung auf Legalität und Zivilität in Europa? Doch, aber nur unter der Bedingung, dass wir ohne Scheuklappen der Gefahr ins Auge sehen. Dafür ist es nötig, eine Allianz zwischen den Polizeiapparaten der verschiedenen Länder zu schaffen und zugleich eine Allianz zwischen Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft, zwischen Kirche, Politik und Medien.

          Die einheitliche europäische Währung ist eine positive Revolution gewesen. Doch wie viele weitreichende Veränderungen trägt sie große Risiken in sich. Die größte Gefahr besteht darin, dass Europa dank des Euro zur größten Waschanlage von Schwarzgeld wird. Man kann sich ausmalen, was es in krimineller Hinsicht bedeutet, wenn man mit schmutzigem sizilianischem Geld in Berlin oder mit schmutzigem deutschem Geld in Paris oder Sizilien ohne Kontrolle einkaufen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.