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Er hat nett gegrüßt, das war’s : Die versteckten Kinder von Ruinerwold

Der Bauernhof in Ruinerwold: Die 18 bis 25 Jahre alten „Kinder“ sollen das Gelände seit 2010 nie verlassen und keine Schule besucht haben. Bild: dpa

Am Montag tauchte ein verwirrter junger Mann im niederländischen Ruinerwold auf. Seitdem stehen die Ermittler vor einem Rätsel. Die Geschichte einer unglaublichen Woche.

          5 Min.

          Das lange, rote Haus in der kurzen Sackgasse hat zwei Stockwerke und vier Hausnummern; die Haustüren liegen eng beieinander. Hinter einer dieser Türen im niederländischen Hasselt lebt bis heute Sandra S., und sie hat in dieser Woche in vielen Interviews immer dasselbe erzählt über diese Familie, die da jahrelang direkt neben ihr gelebt hat – und die in diesen Tagen für Aufregung in ganz Holland und weit darüber hinaus sorgt.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Kinder, so die Nachbarin, hätten nie auf der Straße gespielt, nur hinter dem Haus; dort habe es ausgesehen „wie im Dschungel“. Ihre Tochter sei manchmal zum Spielen drüben gewesen; im Haus sei alles aus Holz gewesen. Ein sehr enges Verhältnis habe die Familie zu einem Mann namens Josef gehabt, der eine Wohnung weiter lebte. „Es gab sogar eine Tür zwischen ihren Häusern, so dass sie nicht durch die Front gehen mussten“, sagte S. dem österreichischen „Kurier“. Ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter im Jahr 2004 sei die Familie weggezogen.

          Josef, so heißt auch ein aus Österreich stammender, 58 Jahre alter Mann, der mittlerweile in Haft sitzt; er ist der Mieter eines Bauernhofs im 25 Kilometer entfernten Ruinerwold – auf dem der Vater sowie seine sechs Kinder, vier Töchter und zwei Söhne, seit 2010 völlig isoliert gelebt haben sollen. Ebenfalls in Haft sitzt der Familienvater; die beiden Männer werden der Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche verdächtigt.

          1,80 Meter groß, lange Haare und einen Bart

          Ans Tageslicht war die Geschichte gekommen, als am vergangenen Sonntag ein 25 Jahre alter Mann plötzlich in einer Kneipe in Ruinerwold auftauchte und um Hilfe bat: Wie sich herausstellen sollte, war er das älteste der Kinder, die neun Jahre lang versteckt gehalten wurden. Der 27 Jahre alte Barkeeper Chris Westerbeek erinnerte sich: „Gegen zehn Uhr abends kam ein verwirrter Mann herein.“ Er sei etwa 1,80 Meter groß gewesen, habe lange Haare und einen Bart gehabt. „Man hat in seinem Gesicht gesehen, dass etwas nicht stimmt. Irgendwann hat er gesagt, dass er nicht mehr nach Hause kann und Hilfe braucht. Da habe ich die Polizei gerufen.“ Die fand in dem verlassen wirkenden Bauernhof hinter einem Schrank eine Treppe, die in einen abgeschotteten Raum führte. Dort lebten der Mann und seine Kinder.

          Von der Kneipe aus dauert es im Auto etwa zehn Minuten bis zu dem Hof. Über eine schmale Straße fährt man vorbei an Kühen, Schweinen und Schafen, die Häuser werden weniger, irgendwann versperrt ein Sicherheitsmann den Weg. Hinter ihm haben sich am Donnerstag Journalisten aus halb Europa versammelt, Kameras sind auf das Grundstück gerichtet, das hinter einem kleinen Fluss und vielen Bäumen liegt und gerade wieder von der Polizei durchsucht wird.

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          „Viele Leute ziehen her, weil sie ihre Ruhe haben wollen“

          Einer der Nachbarn läuft wenig später durch seinen Garten, er hat den Mieter Josef B. in den vergangenen Jahren oft gegrüßt, wenn der mit seinem Auto zu dem Hof fuhr. „Er kam fast täglich. Ich dachte, er renoviert und zieht irgendwann ein“, sagt der Nachbar. „Er wollte offensichtlich seine Ruhe haben.“ Gewundert habe ihn das nicht. „Viele Leute ziehen her, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Aber eigentlich kennen wir uns alle gut, insofern war das schon ungewöhnlich. Wenn ich einen Hammer brauche, gehe ich zu meinen Nachbarn.“

          Einen Hammer hätte ihm wahrscheinlich auch Josef B. geben können, wenn er den Kontakt zu den Nachbarn nicht gemieden hätte. Bis zuletzt soll der Österreicher als Tischler im wenige Kilometer entfernten Meppel gearbeitet haben. In seiner Werkstatt hatte er sich laut der „Bild“-Zeitung eine „Mini-Wohnung samt Kochnische“ gezimmert. Einer seiner Auftraggeber sagte demnach, dass Josef B. sich immer um 15 Uhr verabschiedet habe, um „im Garten zu arbeiten“. Vier Stunden später sei er wiedergekommen und habe bis in die Nacht an seinen Holzkonstruktionen gearbeitet. Wenn er mal geredet habe, soll er über die Regierung geschimpft oder gesagt haben, dass man „zurück zur Natur“ müsse. Unangenehm sei er nur durch sein ungepflegtes Äußeres aufgefallen.

          Gearbeitet hat Josef B. früher wohl auch in einem Geschäft in Zwartsluis, das von der Polizei am Mittwoch durchsucht wurde. Die Kleinstadt liegt etwa 17 Kilometer von dem Bauernhof entfernt, bis vor etwa zehn Jahren wurde in dem Laden Holzspielzeug verkauft. Die Firma, die dahinterstand, hatte laut dem „Spiegel“ der verdächtige Vater 2004 angemeldet, 2005 habe Josef B. im Nachbarort Meppel eine Firma mit fast demselben Namen gegründet. Auch der Unternehmenszweck sei ähnlich gewesen; unter anderem gab Josef B. an, Möbel und Holzspielzeug herzustellen.

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