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Er hat nett gegrüßt, das war’s : Die versteckten Kinder von Ruinerwold

Wieder baute Josef B. Möbel

Bis 2008 arbeiteten die Männer wohl zusammen, dann wurden kurz hintereinander beide Firmen geschlossen. Das Geschäft in Zwartsluis steht seitdem leer. Anwohner dort haben den Vater ebenfalls als einen Mann in Erinnerung, der viele Kinder gehabt und kaum mit den Nachbarn gesprochen habe. Josef B. gründete 2009 in Meppel noch mal eine neue Firma, wieder baute er seinen Angaben zufolge Möbel.

Was in den Jahren danach auf dem Hof genau passierte, ist weiterhin ein Rätsel. Als die Polizei am späten Donnerstagabend Journalisten in ihr Hochhaus in der niederländischen Gemeinde Assen lädt, kann eine Sprecherin immerhin ein paar Fragen beantworten: „Der zweite Verdächtige ist 67 Jahre alt und wurde auf dem Hof gefunden. Die anderen sechs Personen sollen seine Kinder sein, sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt.“ Bei den Behörden waren sie nie gemeldet. „Wir haben Grund zu der Annahme, dass sie nicht freiwillig in dem Haus geblieben sind.“ Der Vater werde der Freiheitsberaubung und der Misshandlung verdächtigt, weil er ihnen möglicherweise ärztliche Versorgung vorenthalten habe. Die Kinder sollen das Gelände seit 2010 nie verlassen und auch keine Schule besucht haben. Sie könnten aber niederländisch sprechen und schreiben. Jetzt würden sie von Psychologen und Sozialpädagogen betreut, sagt die Sprecherin. „Viele Dinge sind neu für diese Menschen.“ Auch dass ihr Vater verhaftet wurde, sei für sie nicht einfach gewesen.

Auf dem Hof fanden die Ermittler eine große Summe Bargeld. Da die Herkunft nicht bekannt ist, werden der Vater und Josef B. der Geldwäsche verdächtigt. Bei der weiteren Durchsuchung des Bauernhofes wurde am Samstag ein „Geldhund“ eingesetzt, der versteckte Geldscheine finden kann. Es wurde aber kein weiteres Geld gefunden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Außerdem teilte er noch mit, dass der Vater bei den Behörden vor zehn Jahren seine Auswanderung gemeldet und sich aus der niederländischen Einwohnermeldeliste habe streichen lassen.

Moon-Sekte bestätigt frühere Mitgliedschaft

Die Ermittler untersuchen weiter, ob eine Sektenzugehörigkeit Ursache für die Lebenssituation auf dem Hof ist. Die sogenannte Moon-Sekte bestätigte, dass der Vater Mitte der achtziger Jahre kurz Mitglied der Bewegung war. Der niederländischen Zeitung „AD“ sagte ein Sprecher der „Vereinigungskirche“: „Ich habe von älteren Mitgliedern gehört, dass der Vater eine sehr rituelle Person war und eine Gruppe mit seiner Familie gegründet hat. Aber unsere Vision ist nicht, auf einem Bauernhof zu leben und sich vor der Außenwelt zu verstecken.“

Zu Wort meldeten sich auch andere Verwandte des Vaters: In einer Erklärung, die von „Brüdern, Schwestern und einem Sohn“ unterschrieben wurde, hieß es, dass der Mann in den Achtzigern den Kontakt zur restlichen Familie abgebrochen habe. Die drei ältesten seiner insgesamt eigentlich neun Kinder – an die sich auch Sandra S., die Nachbarin aus Hasselt erinnert – seien kurz vor dem Verschwinden zu anderen Familienmitgliedern geflohen und wüssten nicht, was danach mit der Familie passiert sei.

Ein Rätsel geben auch die Social-Media-Beiträge auf, die der 25 Jahre alte Sohn veröffentlicht haben soll, bevor er am Sonntag in der Kneipe auftauchte. In Beiträgen präsentierte sich der Mann im vergangenen Sommer mal meditierend auf einer Wiese, ein anderes Mal vor einem Laptop. Nach einem Leben in Gefangenschaft hört sich das nicht an. Es ist bisher aber auch nicht bestätigt, dass der Account wirklich von dem Sohn betrieben wurde.

In Ruinerwold kehrt am Freitag langsam wieder Ruhe ein. Henrik Boverhof ist 75 Jahre alt, er lebt mitten in dem Ort und bittet zum Gespräch in seine gemütliche Wohnung an der Hauptstraße. Ja, auch er habe Josef B. manchmal gesehen, wenn er zum Fischen rausgefahren sei. „Er hat nett gegrüßt, das war’s“, sagt er. „Niemand hier im Dorf hat etwas davon mitbekommen. Es ist schon Wahnsinn.“ Ob er „geschockt und ohnmächtig“ ist, wie der Bürgermeister die Stimmung im Ort beschrieben hat? „Nein, das nicht“, sagt Boverhof. „Aber es tut mir leid für die Kinder. Und ich will wissen, was da wirklich passiert ist.“

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