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Gutachten der Psychiaterin : „Angeklagte im Höxter-Fall völlig gefühllos“

Die Angeklagte Angelika W. (2. v. r.) sitzt neben ihren Verteidigern Peter Wüller (r) und Alexander Strato (2. v. l.) im Landgericht. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh (l., vorne) präsentiert ihr Gutachten. Bild: dpa

Warum quält ein Paar zwei Frauen zu Tode? Es sei die perfekte Basis für ihre Beziehung gewesen, sagt die psychiatrische Sachverständige im Höxter-Prozess.

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          Die beiden Frauen, die in Höxter zu Tode gequält worden sind, würden heute noch leben, wenn die beiden wegen Mordes angeklagten Täter, Wilfried W. und seine frühere Frau Angelika W., nicht hochgradig beziehungsunfähig wären. Das wurde am Mittwoch im Paderborner Landgericht offenkundig, als die psychiatrische Sachverständige Nahlah Saimeh ihr Gutachten vorstellte. „Herr und Frau W. wollten beide eine Bindung zueinander haben, konnten aber keine aufbauen, weil Wilfried W. mit 59 einen viel zu niedrigen Intelligenzquotienten (IQ) und Angelika W. auffällige autistische Züge hat“, sagte Saimeh.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So hätten sie eine kranke Beziehung geführt, in der sie psychische und physische Gewalt gegen die Frauen ausübten, die sie durch Kontaktanzeigen in ihr Haus lockten. Durch diese gemeinsame Täterschaft sei eine tragfähige Verbindung zwischen ihnen entstanden, die immerhin 17 Jahre gehalten habe.

          Weiter schilderte Saimeh, dass Herr und Frau W. unbewusst die Technik des sogenannten Gaslightings angewendet hätten. „Was die beiden da gemacht haben, war absolut lehrbuchartig.“ Beim Gaslighting wird das Opfer gezielt desorientiert, verunsichert und manipuliert, um sein Selbstbewusstsein und seinen Realitätssinn zu zerstören und so Macht über es auszuüben. Dabei muss das Opfer einem der beiden Täter vertrauen, damit es nicht sofort wegläuft. Diesen Part übernahm der Angeklagte Wilfried W., indem er mit den Frauen schlief und auch ansonsten häufig die Rolle des „Good Guy“ übernahm. Gemeinsam mit Angelika W. stellte er aber auch viele absurde Regeln auf, die die Frauen zu befolgen hatten, und wenn sie dies nicht taten, wurden sie bestraft und gedemütigt – so lange, bis sie starben oder flohen. Diesen Aspekt der Bestrafung habe Angelika W. perfektioniert und ausgebaut. 

          Beide konnten so ihre Bedürfnisse ausleben

          Von diesem Vorgehen hätten beide Täter profitiert, somit sei es die perfekte Basis für das Funktionieren ihrer Beziehung gewesen: Frau W. habe ihr Bedürfnis nach Macht, Dominanz und Kontrolle ausleben können, außerdem habe sie das Gefühl gehabt, all den anderen Frauen überlegen zu sein, weil sie länger an Wilfrieds Seite war. Herr W. indessen habe von Frau W. dominiert und gleichzeitig auch von den Opfern respektiert werden wollen. Diesen Respekt habe er sich aufgrund seines niedrigen IQs nicht anders verschaffen können als durch Manipulation und die Erzeugung von Angst und Schrecken.

          Während bei Wilfried W. sein niedriger IQ dazu führe, dass er nur eingeschränkt schuldfähig sei, so sei Angelika W. voll schuldfähig, sagte Saimeh. Mit einem IQ von 119 habe sie eine überdurchschnittliche Intelligenz, gepaart sei diese mit einer völligen Moral- und Gefühllosigkeit. Ihrer Meinung nach hatten sich die gequälten Frauen die Bestrafungen selbst zuzuschreiben, wie W. im Zuge ihrer 25 Stunden dauernden Exploration sagte, weil sie sich nicht an die Regeln hielten. Dabei sei es nicht möglich gewesen, ihr begreiflich zu machen, dass die Regeln absurd waren. Frau W. weise autistische Züge auf, sie sei „strikt rational und völlig gefühllos, sie kann sich nicht in andere hineinversetzen und deren Leid einordnen, sie empfindet keine Reue und fühlt keine Moral, das ist an der Grenze zur Psychopathie“. Angelika W.  mache aber den Eindruck, dass sie nun bereit sei, moralisches Handeln zu erlernen.

          Bis dahin könnte es aber noch ein weiter Weg sein. Denn im Zuge der Begutachtung hatte Angelika W. auch gesagt, dass es ihr nicht leid tue, was geschehen sei. Daher werde sie sich in ihrem Schlusswort vor Gericht auch nicht entschuldigen. Bestraft werden müsse sie aber trotzdem, das sehe sie ein. Sie rechne mit einer Haftstrafe von 13 bis 14 Jahren. Das Urteil soll voraussichtlich im September fallen.

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