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Die Frau, die Weinstein verteidigt : Straftat oder Sünde?

  • -Aktualisiert am

Donna Rotunno mit Harvey Weinstein auf dem Weg zum Gerichtssaal Bild: EPA

Harvey Weinstein wird von Donna Rotunno verteidigt. Die Frau, die auch schon als „Bulldogge des Gerichtssaals“ bezeichnet wurde, ist Spezialistin für vermeintlich aussichtslose Fälle – und ist von seiner Unschuld überzeugt.

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          Donna Rotunnos Verteidigungsstrategie stand schon fest, bevor ihr Partner Damon Cheronis während des Eröffnungsplädoyers vor New Yorks Supreme Court überhaupt „Harvey Weinstein“ sagen konnte. „Er wurde vorschnell verurteilt“, hatte die Anwältin des gestürzten Hollywood-Moguls im vergangenen Sommer verkündet und auf angebliche Schattenseiten der #MeToo-Bewegung verwiesen. „In dem aktuellen gesellschaftlichen Klima wird bereits vor dem Prozess verurteilt und bestraft.“

          Bei den Eröffnungsplädoyers am Mittwoch hielten Rotunno und Cheronis der gesellschaftspolitischen Debatte daher Statements der beiden mutmaßlichen Opfer entgegen. Sie präsentierten den Geschworenen Emails und Textnachrichten von Mimi Haleyi und Jessica Mann, die der Staatsanwaltschaft die Arbeit in den kommenden Prozesswochen nicht erleichtern dürften. „Ich vermisse Dich, großer Kerl“, schrieb die frühere Schauspielerin und Friseurin Mann dem Hollywood-Produzenten Weinstein im September 2013. Wie sie nach Losbrechen der #MeToo-Bewegung im Herbst 2017 aber angab, hatte der Produzent sie knapp sechs Monate zuvor in einem Hotel in Manhattans Midtown vergewaltigt. „Mitglieder der Jury, so redet man nicht mit seinem Missbrauchstäter“, spielte die Verteidigung schon am ersten Verhandlungstag auf mögliche Widersprüche in Manns Erinnerungen an.

          Rotunno gilt nicht erst seit der Causa Weinstein als Spezialistin für vermeintlich aussichtslose Fälle. In den vergangenen 15 Jahren verhalf die Vierundvierzigjährige aus Chicago Prominenten wie Modemacher Elhadji Gueye, Wirtschaftsanwalt Stanley Stallworth und Footballspieler Shaun Gayle zu Freisprüchen. Ihr Geschlecht sieht die Fachfrau für Sexualstraftaten dabei als Vorteil. „Wenn ich im Gerichtssaal eine Frau befrage, kann ich mir mehr erlauben als männliche Kollegen. Wenn ein Mann eine Frau mit derselben Schärfe angeht wie ich, gilt er als Grobian. Wenn ich sie ins Kreuzverhör nehme, zuckt niemand mit der Wimper“, sagte Rotunno der Zeitschrift „Chicago“.

          Bis ins kleinste Detail vorbereitet

          Der Anwältin mit Faible für Stilettos eilt der Ruf voraus, Prozesse bis in das kleinste Detail vorzubereiten. Wie Rotunno sagte, habe sie seit der Übernahme des Mandats für Weinstein im vergangenen Sommer Tausende Briefe, Emails und Textnachrichten mutmaßlicher Opfer zusammengetragen. „Ich sage nicht, dass Harvey keine Sünden begangen hat. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Sünden und Straftaten. Ich glaube nicht, dass er ein Vergewaltiger ist“, fasste die ehemalige Staatsanwältin die Verfehlungen des Siebenundsechzigjährigen für den Sender CBS zusammen.

          „Ich kann mir im Kreuzverhör mehr erlauben als meine männlichen Kollegen“, sagt Weinstein-Verteidigerin Donna Rotunno.

          Wie erwartet hatte Staatsanwältin Meghan Hast zuvor ein ganz anderes Bild des Angeklagten gezeichnet. Weinstein sei ein Serientäter und Vergewaltiger. „Nach all diesen Jahren werden die Frauen endlich gehört“, versprach Hast in ihrem fast zwei Stunden langen, oft emotionalen Eröffnungsplädoyer. Neben Mann und Hayeli, die angeblich 2006 von dem Gründer der Filmgesellschaften Miramax und The Weinstein Company (TWC) zu Oralsex gezwungen wurde, benannte die Anklage auch die Schauspielerin Annabella Sciorra als Zeugin. Ihre mutmaßliche Vergewaltigung durch Weinstein im Jahr 1993 ist zwar verjährt. Die „Sopranos“-Darstellerin soll aber helfen, Weinstein als mutmaßlichen Serientäter einer lebenslangen Haftstrafe näher zu bringen.

          „Sciorra brauchte fast 25 Jahre, um sich ihrem Albtraum zu stellen und ihre Geschichte zu erzählen“, ließ Staatsanwältin Hast die Jury aus sieben Männern und fünf Frauen wissen. Einen eventuell tränenreichen Auftritt der Schauspielerin vor Gericht hatte ihre Gegenspielerin Rotunno schon einige Wochen vor Prozessbeginn eingeordnet. „Annabella Sciorra ist eine Schauspielerin. Sie hat ein ganzes Leben damit verbracht, ihr Geld durch Schauspielerei zu verdienen. Sie wird auch im Zeugenstand eine gute Figur abgeben“, säte die Juristin Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Fünfundfünfzigjährigen.

          Für die „Bulldogge des Gerichtssaals“, wie Rotunno von ihrem früheren Mandanten Stallworth voller Bewunderung genannt wird, geht es vor New Yorks Supreme Court nicht nur um Weinstein. Die Juristin begreift den Fall auch als persönliche Herausforderung. „Anwälte wie ich leben für solche Fälle“, sagte Rotunno dem Sender Fox. „Alles scheint sich gegen einen verschworen zu haben. Aber es ist wohl unmöglich, einen zweiten Fall wie diesen zu finden.“

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