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Steht im Koalitionsvertrag : Was ist denn jetzt mit der erweiterten DNA-Analyse?

Die erweiterte DNA-Analyse soll dabei helfen, den Ermittlungskreis enger zu ziehen. Bild: dpa

Die erweiterte DNA-Analyse könnte die Forensik voranbringen. Kritiker befürchten allerdings eine Stigmatisierung von Minderheiten – dabei geht es auch um Entlastung angeblich Verdächtiger.

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          Um die Ausweitung der DNA-Analyse in der Polizeiarbeit ist es still geworden – obwohl sie im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist. Weder ein Zeitpunkt noch Details werden im Bundesjustizministerium genannt. Wann die Polizei damit beginnen kann, bei ungeklärten Mordfällen aus DNA-Spuren äußerliche Merkmale wie Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe oder das Alter des Spurenlegers vom Tatort zu bestimmen, ist ungewiss.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für die Methode hatten sich vor zwei Jahren, nach dem Mord an der Studentin Maria L. in Freiburg, Ermittler, Politiker und forensische Genetiker ausgesprochen. Zum Teil wurde die Methode aber heftig kritisiert – und der Gesetzgebungsprozess dadurch verlangsamt. Das legt ein Aufsatz der Wissenschaftshistorikerin Veronika Lipphardt, Professorin am University College der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, in der aktuellen Ausgabe der „Berichte zur Wissenschaftsgeschichte“ nahe. Lipphardt hat zusammen mit ihrer Schwester, der ebenfalls in Freiburg lehrenden Kulturanthropologin Anna Lipphardt, nach dem Freiburger Mordfall eine Initiative ins Leben gerufen, um der generell „zu positiven“ Einschätzung der DNA-Phänotypisierung etwas entgegenzusetzen.

          Ihre Kritik an der Bestimmung äußerlicher Merkmale anhand von DNA-Spuren: Minderheiten würden diskriminiert, und die Bevölkerung werde falsch „über die Potenziale der Technologie“ informiert. „Politischer Druck“, so Veronika Lipphardt, habe sich zugunsten der DNA-Analyse erst aufgebaut, als im Dezember 2016 drei Faktoren zusammenkamen: die „hitzige Migrationsdebatte“, der Mord an der Studentin in Freiburg und der Tatverdächtige, ein Migrant. Für Lipphardt ist der Freiburger Fall eine „kriminalistische Fehleinschätzung“, schließlich sei der Mord „nach nur sieben Wochen“ durch klassische Ermittlungsarbeit gelöst worden. Ein gefärbtes Haar, das im Gestrüpp gefunden wurde, führte zum Tatverdächtigen. Die erweiterte DNA-Analyse hätte diese Art von „Kontext-Informationen“ nicht liefern können.

          Blond und blauäugig

          Das stimmt: Keine DNA-Spur verrät etwas über die künstliche Färbung des Haares. Doch der Vizepräsident des Landeskriminalamtes (LKA) von Baden-Württemberg, Andreas Stenger, der im Dezember 2016 Leiter des Kriminaltechnischen Instituts des LKA und in die Ermittlungen eingebunden war, ist überzeugt, dass die erweiterte DNA-Analyse den Fall vorangebracht hätte, wäre das Haar im Gebüsch nicht gefunden worden. „Wir haben vor dem Fund des Haares von Hunderten Studenten auf freiwilliger Basis Speichelproben genommen. Wir hätten es Hunderten Personen ersparen können, hätten wir damals mehr Angaben zum Spurenleger gehabt. Der Kreis hätte schon früh sehr eng gezogen werden können. Es ist nicht der Normalfall, dass am Tatort ein besonders gefärbtes Haar zurückbleibt und dann auch noch gefunden wird.“

          Dass Haare gefärbt werden können, im Alter nachdunkeln oder ausfallen, Augenfarben sich durch Kontaktlinsen und Hautfarben durch Sonnenlicht verändern, dass die Ergebnisse also sensibel interpretiert werden müssen, haben indes auch Forensiker immer hervorgehoben. Das ist auch der Grund, warum die Befürworter sich für eine kombinierte Analyse äußerlicher Merkmale aussprechen: Das Zusammenspiel von Haar-, Augen-, Hautfarbe, Alter und biogeographischer Herkunft ermögliche eine Annäherung an das Aussehen verlässlicher als die meisten Zeugenaussagen.

          Zudem: Ein Ermittlungserfolg nach „nur“ sieben Wochen mag schnell sein. Aber hätte man nicht auch schon nach vier Wochen ohne Tatverdächtigen nach weiteren Ermittlungsansätzen suchen müssen, wenn man mit den klassischen Methoden nicht weiterkommt auf der Suche nach einem besonders gefährlichen Mann?

          Forensische Genetiker und Ermittler sehen die DNA-Phänotypisierung als Ultima Ratio. Sie soll nur bei schwersten Verbrechen, also selten, zum Einsatz kommen. Und sie ist mit Bedacht anzuwenden, denn sie ist kein Instrument zur Identifizierung von Individuen wie die klassische DNA-Analyse, sondern dient der Eingrenzung: In den Fokus gerät eine Gruppe von Personen mit bestimmten äußerlichen Merkmalen oder biogeographischer Herkunft. Genau darin besteht für die Kritiker die Gefahr: Minderheiten könnten diskriminiert werden. Aber müssen die Spuren immer auf Minderheiten deuten? Ist immer der Migrant der Mörder? Können nicht vielmehr Minderheiten durch die neuen Methoden auch entlastet werden?

          Veronika Lipphardt schreibt, die „Entlastung von Minderheiten“ habe, als die Einführung gefordert wurde, „keine Rolle“ gespielt. Und: Käme ein „Mehrheitsangehöriger“ mit „heller Hautfarbe“ als Spurenleger in Frage, hätte es „in den allermeisten Fällen keinen Ermittlungsnutzen“.

          Blond und blauäugig war der Mörder der 16 Jahre alten Marianne V., die 1999 in den Niederlanden vergewaltigt und ermordet wurde. Er wurde letztlich durch die klassische DNA-Profilanalyse überführt, aber nur, weil er an einer großangelegten DNA-Reihenuntersuchung teilgenommen hatte. Zuvor hatte die biogeographische Herkunft, die aus der DNA-Spur bestimmt wurde, auf einen Spurenleger aus Nordwesteuropa verwiesen. Entlastet wurden all diejenigen, auf die sich zunächst die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gerichtet hatte: die Bewohner eines Asylbewerberheims in der Nähe des Tatorts.

          Ermittlungen werden durch des Ausschlussprinzip vorangebracht: je kleiner der Kreis, umso besser. Angehörige von Minderheiten müssten also, wenn die biogeographische Herkunft auf einen „Mehrheitsangehörigen“ verweist, nicht mit polizeilichen Maßnahmen wie einer DNA-Reihenuntersuchung behelligt werden, nur weil sie wegen der Nähe zum Tatort in Frage kämen. Für die Freiburger Initiative ist jedoch der Polizei ohnehin mit Misstrauen zu begegnen: „Ob eine Entlastung von Minderheiten erfolgt, ist zudem davon abhängig, ob Ermittlungsbeteiligte dies ernsthaft in Betracht ziehen.“ Lipphardt, die durchaus einen Einsatz der Methode in bestimmten Fällen für sinnvoll hält, lässt aber kaum Zweifel daran, wem mit Vorsicht zu begegnen ist: Eine „Chance“ für ein verantwortungsvolles Gesetz zur DNA-Phänotypisierung wird nur gesehen, wenn „die Befürworter/-innen keine versteckte Agenda haben, auf der andere Ziele stehen als nur die Einführung der Technologien in seltenen Ermittlungsfällen“.

          Die Forensik könnte es weiter bringen

          Ein „Diskriminierungsrisiko“ sieht auch Carsten Momsen, der an der Freien Universität Berlin Strafrecht lehrt. Dem „Focus“ sagte er, die Befürworter gingen bei der biogeographischen Herkunft von „Ethnizität“ aus, die äußerlich sichtbar sei, knüpften an „dunkle Zeiten“ an und bedienten „vorurteilsbelastete Wählerschichten“. Doch die Spurenkommission, der Zusammenschluss der rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Institute in Deutschland, hatte schon im Dezember 2016 erklärt, die biogeographische Herkunft einer Person beruhe „ausschließlich auf den genetischen Wurzeln seiner Vorfahren“. Soziale, kulturelle und religiöse Kriterien spielten dabei keine Rolle, Begriffe wie „Ethnizität“ oder „Ethnie“ sollten also nicht verwendet werden. Gemeint sind somit die Unterscheidungen nach Kontinentalregionen, nicht nach politisch definierten Ländern. Die Vorhersage der biogeographischen Herkunft, die sehr genau bestimmt werden kann, ist jedoch im Koalitionsvertrag nicht vorgesehen. Vermutlich aus Angst vor einer Diskriminierungsdiskussion wird auf ein Instrument verzichtet, das Peter Schneider, Leiter der Spurenkommission und Professor für Forensische Molekulargenetik am Universitätsklinikum Köln, als „sehr zuverlässiges und daher bestes Werkzeug der forensischen Genetik“ bezeichnet.

          Wie zuverlässig die Methode eingesetzt werden kann, zeigt ein weiterer Fall aus den Niederlanden: Im Dezember 2017 wurde nach einer DNA-Reihenuntersuchung der mutmaßliche Mörder der 19 Jahre alten Milica v. D. gefasst, die 1992 in Zaandam vergewaltigt und getötet worden war. Die freiwillige Untersuchung, zu der fast alle angeschriebenen Männer erschienen, begrenzte die Polizei von vornherein auf türkischstämmige Männer – die DNA-Spur vom Tatort war auf die biogeographische Herkunft des Spurenlegers hin analysiert worden. Auch ein Zeugenhinweis hatte zuvor in diese Richtung gewiesen. Gefunden wurde der Tatverdächtige, der selbst nicht erschien, über einen Verwandten, der eine Speichelprobe abgegeben hatte. Dass auch Verwandte in den Fokus rücken könnten, wussten die Teilnehmer. Doch die Hilfsbereitschaft der Minderheit war groß, niemand lief Sturm gegen eine Stigmatisierung. Die Eltern des ermordeten Mädchens bedankten sich danach für die Mithilfe der türkischen Gemeinschaft.

          Kritisiert wird in Deutschland auch die Aussagekraft der Analysen. Politiker warben mit „Maximalwerten“, obwohl diese Werte einer „kritischen Prüfung“ oft nicht standhielten, meint Lipphardt. Das wiederum weist Manfred Kayser, Professor für Molekularbiologie an der Erasmus-Universität in Rotterdam und Leiter der Abteilung für Genetische Identifizierung, zurück. Die Werte seien wissenschaftlich validiert, sagt Kayser, der die DNA-Phänotypisierung mit seinem Team maßgeblich entwickelt hat. Allerdings würden in der öffentlichen Diskussion „Testgenauigkeit“ und „Testergebnis“ oft miteinander vermengt. Laut Kayser wird die Testgenauigkeit (der AUC-Wert) über viele Probanden erhoben. AUC-Werte bewegen sich auf einer Skala zwischen 0,5 (zufällige Vorhersage) und 1,0 (absolut richtige Vorhersage) und können deshalb nicht in Prozent ausgedrückt werden. Das Testergebnis nach der Anwendung des Tests an einer einzelnen Person ist ein individueller Wahrscheinlichkeitswert in Prozent. Laut Kayser belaufen sich die AUC-Werte zum Beispiel für die Genauigkeit der Tests für die Augenfarbe Braun auf 0,95, für Blau auf 0,94. Für intermediär, also Grün oder Grau, beträgt der Wert 0,74. Für die Haarfarbe liegen die AUC-Werte für Rot bei 0,92, für Schwarz bei 0,85. Für blonde Haare wird eine Testgenauigkeit von 0,81, für braune Haare von 0,75 erzielt. Die Testgenauigkeit für die Hautfarbe ergibt einen Wert von 0,98 für eine „dunkel-schwarze“, 0,84 für eine „dunkle“, 0,75 für eine „intermediäre“, 0,73 für eine „helle“, 0,75 für eine „sehr helle“ Hautfarbe.

          Entscheidend für die Polizeiarbeit ist das individuelle Testergebnis im jeweiligen Fall: „Erhält man als Testergebnis einen individuellen Wahrscheinlichkeitswert von 70 Prozent für die Augenfarbe Blau, kann der Ermittler schlussfolgern, auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Liegt jedoch der individuelle Wahrscheinlichkeitswert für Blau in einem anderen Fall bei 97 Prozent, sollte der Ermittler länger an der Suche nach einer blauäugigen Person festhalten.“ Selbst 70 Prozent sind laut Andreas Stenger „besser als nichts“: „Ich würde mir doch wünschen, wenn ich bei einer Zeugenaussage zum Aussehen eines Tatverdächtigen mit einer Vorhersagewahrscheinlichkeit zu fast 70 Prozent davon ausgehen könnte, dass sie stimmt. Doch das ist bei weitem nicht der Fall.“

          Der Einsatz der Methode sollte genauen Regeln folgen

          Nach Ansicht Stengers liegen die Vorteile der DNA-Phänotypisierung auf der Hand. Daher spricht er sich dafür aus, die Methode nach bestimmten Regularien einzuführen: Dazu kann ein Richtervorbehalt ebenso gehören wie ein Straftatenkatalog, für welche Delikte der Einsatz in Frage kommt, verbunden mit einem intensiven Austausch der forensischen Genetiker mit Ermittlern darüber, wie die analysierten Werte zu interpretieren sind. Die Forensiker verwehren sich dagegen, dass „unberechtigte Ängste“ gegen die DNA-Analyse geschürt werden. Man könne, sagt ein Forscher, natürlich alle Vorteile mit der „Rassismus-Keule“ totschlagen.

          Viele Länder in Europa haben sich schon für die Methode entschieden. Für das von der EU finanzierte internationale Forschungsprojekt VISAGE zur forensischen DNA-Phänotypisierung verweist Barbara Prainsack, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien und am King’s College in London, auf die Niederlande, auf Frankreich, Schweden, Spanien, Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn, in denen einzelne Formen der erweiterten DNA-Analyse praktiziert werden. In den Niederlanden und der Slowakei seien spezifische Tests zur Phänotypisierung erlaubt. In den anderen Ländern betrachteten Experten sie als nicht verboten. In den restlichen EU-Ländern, auch in Österreich, sei die erweiterte DNA-Analyse verboten. Die Schweiz arbeite an einer Gesetzesänderung.

          Ermittler und Wissenschaftler erinnern daran, dass vor 25 Jahren auch der DNA-Analyse zur Identifizierung zunächst mit Vorbehalten begegnet wurde. Heute ziehe sie kaum noch jemand in Zweifel.

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