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Deutscher Herbst : Die Legenden der RAF

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„Auschwitzphantasien”: Ulrike Meinhof nach ihrer Festnahme (Juni 1972) Bild: AP

Von Anfang an hat der deutsche Linksterrorismus Mythenbildung in eigener Sache betrieben. Die aktuelle Diskussion um Begnadigungen und die „wahren Täter“ im Mordfall Buback zeigen: Sie hat bis heute damit Erfolg.

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          Es ist eine herzergreifende Geschichte, die Christoph Hein in seinem 2005 erschienenen Bestsellerroman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ erzählt: Ein Gymnasialdirektor im Ruhestand sieht rot und verzweifelt am Staat Bundesrepublik. Sein Sohn ist bei einem Schusswechsel mit Polizeibeamten auf einem Provinzbahnhof in Mecklenburg-Vorpommern ums Leben gekommen - nach fast einem Jahrzehnt im Untergrund. Der Vater will wissen, wie sein Sohn starb, fordert „Gerechtigkeit“. Er meint, dass die offiziellen Mitteilungen - es ist von Selbstmord die Rede - nicht mit Zeugenaussagen übereinstimmen. Der Vater gewinnt die Überzeugung, sein Sohn sei bei dem Einsatz von einem Polizeibeamten „ermordet“ worden, als er „verletzt und wehrlos auf dem Boden lag“. Der Pensionär sieht eine riesengroße „Verschleierung“ von Seiten des Staates, auch gebe es „keinen Beweis“, behauptet der Vater in dem Roman, dass sein Sohn „irgendwie und irgendwo dran beteiligt war“. Für ihn steht fest: Wenn er „wirklich ein Terrorist geworden ist, so hat ihn der Staatsschutz dazu gemacht“. Der Beamte im Ruhestand verzweifelt an den, wie er meint, Vertuschungen und Verdrehungen jenes Staates, für den er sich zeit seines Berufslebens eingesetzt hat.

          So lautet der Heinsche Romanplot zur Schießerei am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, bei dem das RAF-Mitglied Wolfgang Grams und ein GSG-9-Beamter ums Leben kamen.

          Fiktion und Realität

          Die Realität aber war völlig anders: Grams beging Selbstmord, nachdem er das Feuer auf die GSG-9-Beamten eröffnet und einen von ihnen tödlich erwischt hatte. Getroffen von mehreren Polizeikugeln, richtete er sich selbst - Sekunden, bevor ihn die Polizisten festnehmen konnten. Das ergaben sechs juristische Untersuchungen: zwei von Staatsanwaltschaften und vier durch Gerichte - bis hin zum Bundesverfassungsgericht und zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Kaum ein anderer Fall in der deutschen Rechtsgeschichte stand auf so vielen juristischen Prüfständen wie die Causa Grams.

          RAF-Terrorist Wolfgang Grams: Selbstmord in auswegloser Situation
          RAF-Terrorist Wolfgang Grams: Selbstmord in auswegloser Situation : Bild: picture-alliance / dpa

          Auch gibt es in der Wirklichkeit - anders als bei Hein - etliche Beweise dafür, dass der „Junge“ an RAF-Morden beteiligt war. So fand sich ein Haar von Wolfgang Grams an der Stelle, von der aus ein RAF-Mitglied am 1. April 1991 Treuhandchef Rohwedder mit einem Zielfernrohr-Gewehr aus 63 Meter Entfernung in seinem Haus in Düsseldorf erschoss. Auch die Behauptung des Roman-Vaters, der Staatsschutz habe seinen Sohn zum Terroristen gemacht, ist haltlos; er selbst machte sich zum Terroristen. Seine „reale“ Freundin Birgit Hogefeld, die in Bad Kleinen verhaftet wurde, berichtete, dass sie neun Jahre zuvor mit Grams in den Untergrund gegangen sei - im Sommer 1984. „Ohne ihn und seine Zähigkeit“, sagte die damalige RAF-Frau Eva Haule, „wäre das nicht gegangen.“ Nämlich 1984 die dritte RAF-Generation aufzubauen, nachdem Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar im November 1982 verhaftet worden waren.

          Diese „dritte Generation“ verübte zehn Morde. Mindestens bei fünf davon war Grams mit von der Partie, wie sich unter anderem aus den Feststellungen des Oberlandesgerichts Frankfurt im Hogefeld-Strafverfahren ergibt.

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