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Falsche Millionenerbin : Kein Robin Hood, sondern eine Betrügerin

  • Aktualisiert am

Sorokins ständig zur Schau getragenes schillerndes Selbstbewusstsein bildete sich auch in der eindrucksvollen Kleidung ab, die immer ein Signal gesendet hat. Bild: dpa

Als angebliche Millionenerbin hat sich eine junge Deutsche in großem Stil durch die New Yorker High Society geschnorrt. Den Fall umgibt auch die typische Häme gegen die gutgläubigen, oft superreichen Opfer.

          Wenn Reporter über einen Gerichtsprozess berichten, dann rücken sie normalerweise nicht unbedingt die herausragende Kleiderwahl der Angeklagten in den Mittelpunkt. Andererseits: Was war schon normal an der Verhandlung gegen die mutmaßliche Hochstaplerin Anna Sorokin? Das Netz ergötzt sich an ihren Gerichtsauftritten in Designerkleid und Handschellen. Netflix will ihr Schicksal verfilmen. Die amerikanische Justiz hat die Frau aus Eschweiler bei Aachen nun schuldig gesprochen: als Betrügerin.

          Da ist zuallererst der hohe Glamour-Faktor: Statt unter richtigem Namen soll die in Russland geborene und später in Eschweiler lebende Frau in Amerika eine Identität als „Anna Delvey“ erfunden haben. Über Jahre soll sie erzählt haben, eine Erbin mit deutschem Millionenvermögen im Rücken zu sein, die während ihrer Abenteuer mit superreichen Freunden angeblich immer nur mal gerade eben kein Geld dabei hat oder auf die nächste Überweisung von daheim wartet.

          Egal ob Restaurantbesuche, Hotelzimmer, Flüge oder extravagante Geschenke: Die Freunde sprangen verlässlich ein, so dass es am Ende vor Gericht um Erschlichenes im Wert von 275.000 Dollar (248.000 Euro) ging, die sich die 28-Jährige Deutsche in der New Yorker High Society erschlichen haben soll. Thema im Prozess war zudem, ob Delvey wirklich den edlen New Yorker Privatclub plante, für den sie Kredite in Höhe von insgesamt 22 Millionen Dollar eingesammelt hat.

          Zum Zweiten umgibt den Fall die typische Häme gegen die gutgläubigen, oft superreichen Opfer. Wie ein weiblicher Robin Hood für das Instagram-Zeitalter soll Sorokin nur von den Reichen und Schönen der New Yorker High Society genommen haben. Als das „New York Magazine“ im Mai 2018 ausgiebig den Fall aufrollte, war darin die Rede von 7000-Dollar-Übernachtungen mit Privatbutler in Marokko oder Strähnchen für 800 Dollar - eine Welt, für die sich das Mitgefühl vieler in Grenzen hält. Vor Gericht ging es an einer Stelle um eine Minibar-Rechnung von 675 Dollar. „Das sind verdammt viele M&Ms“, sagte Anklägerin Catherine McCaw dazu laut „Rolling Stone“ trocken.

          Dann ist da zum Dritten die Dreistigkeit, mit der die Deutsche und ihr Anwalt Todd Spodek vor Gericht auftraten. Er hat diese Woche – zum Ende der Verhandlung – argumentiert, dass sich Sorokin von Anfang an eigentlich nur habe Zeit kaufen wollen. Dass sie immer beabsichtigt habe, ihre astronomischen Schulden bald zurückzuzahlen. Sie sei dabei auch von einem „System befähigt worden, das Leute mit Geld oder dem Anschein von Geld begünstigt“, meinte Spodek.

          „Genauso wie Sinatra“

          Und überhaupt, letztlich sei sie ohnehin nur so vorgegangen, wie einst in „New York, New York“ besungen. „Sinatra hat in New York einen brandneuen Start hingelegt, genauso wie Miss Sorokin“, sagte er laut „New York Post“. Die Anklage stellte das anders dar und argumentierte erfolgreich, dass Sorokin über Monate hinweg nicht nur eine andere Identität angenommen, sondern ganz gezielt mehrfach gelogen und angebliche Überweisungen erfunden haben soll.

          Und schließlich ist da noch Sorokins ständig zur Schau getragenes schillerndes Selbstbewusstsein. Das bildete sich auch in der eindrucksvollen Kleidung ab, die immer auch ein Signal gesendet hat. Da war beispielsweise der Unschuld symbolisierende weiße Stoff am letzten Verhandlungstag. Da konnte es wohl nicht ausbleiben, dass jemand den Instagram-Account „annadelveycourtlooks“ mit Bildern ihrer Auftritte startete. Ihr Anwalt befürchtete, dass die üblichen braungrauen Overalls des berüchtigten Rikers-Gefängnisses im Norden New Yorks sie schuldig aussehen ließen, berichtete das Modemagazin „GQ“. Die über dem Knie endenden Kleider in Schlangenmuster und weißen Hemden zur schwarzen Capri-Hose stünden für ein Kalkül, das bei Männern, die im Anzug vor Gericht erscheinen, auch oft aufgehe.

          Das hat sich im Nachhinein nicht ausgezahlt. Der Schuldspruch steht fest. Das genaue Strafmaß soll am 9. Mai verkündet werden. Sorokin drohen laut der Zeitung „New York Times“ nun 15 Jahre Gefängnis.

          Die Nachricht, dass der Streamingdienst Netflix sich die Rechte an ihrem Fall gesichert hat, löste bei Sorokin eine eher unbescheidene Reaktion aus. Sie sprudelte aus dem Gefängnis heraus nur so von Besetzungsideen: Entweder Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence oder Shootingstar Margot Robbie könne sie sich gut in der Hauptrolle vorstellen. Eines ist nun klar: Der Film hat für sie kein Happy End.

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