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Kindstötung : Der Mordprozess in Neuruppin wird noch rätselhafter

  • -Aktualisiert am

Die Angeklagte Erna F. mit ihrem Anwalt Bild: dpa

Wer hat abermals Anzeige gegen Erna F. gestellt und die alten Akten angefordert? Der Prozess um die Tötung des kleinen Marios wirft weiterhin Fragen auf.

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          Der Mordprozess gegen Erna F., die inzwischen alte Dame, die vor 42 Jahren in Schwedt ihren kleinen Sohn umgebracht haben soll, tritt auf der Stelle. Am Dienstag hörte die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Neuruppin abermals ihre beiden Töchter als Zeuginnen. Doch sie trugen nichts zur Klärung bei. Die Vernehmung der Jüngeren, die Zahnärztin in Göttingen ist, wo inzwischen auch die Mutter lebt, dauerte nur wenige Minuten: Nein, sie habe nicht beim Brandenburger Generalstaatsanwalt Einsicht in die alten DDR-Ermittlungsakten von 1974 beantragt und wisse von keiner anderen Person, die das getan haben könnte.

          Die geladenen Damen F. sind gutaussehende Frauen, die ersichtlich Wert auf gutes Aussehen legen. Die Zahnärztin Martina, groß und schlank und blond, kam in Schwarz-Weiß zum Gericht. Ihre ältere Schwester, die in Brandenburg geblieben ist, erschien im marineblauen Kostüm mit kurzem Faltenrock, schwarzen Strümpfen und schwarzer Tasche, totenbleich im Gesicht. Ihr Vorname ist Carmen. Sie leugnet, die Anzeige gegen ihre Mutter erstattet zu haben, auf der dieser Mordprozess basiert, oder Einsicht in die Ermittlungsakte zum Fall F. beantragt zu haben.

          Samt und sonders „erfahrene Mordermittler“

          Der Vorsitzende Richter, ein Vorbild an Geduld und Freundlichkeit, arbeitet sich an ihr ab. Er hält ihr einen Brief an die Mutter aus dem Jahr 2013 vor, in dem Carmen alles Mögliche berichtet, das sie von einem Polizeibeamten erfahren haben will: „Die alten Akten wurden wohl gefunden.“

          Doch der Kripo-Beamte, der sie seinerzeit lange zu dem Fall vernommen hat, ist im Saal. Auch er wird abermals als Zeuge gehört. Er war der Ermittlungsführer, als der Fall nach der anonymen Anzeige 2009 wieder aufgenommen wurde. Er schließt aus, dass außer ihm ein anderer Polizist ein dreistündiges Gespräch mit Erna F. zum Fall geführt hat. Seine Kollegen seien samt und sonders „erfahrene Mordermittler“, keiner wäre auf eigene Faust und ohne Wissen der Kollegen zu einer Zeugin gefahren, hätte ohne Unterlagen stundenlang mit ihr den Fall erörtert, ohne ein Protokoll anzufertigen und sie unterschreiben zu lassen.

          Akte nicht auffindbar

          Am Morgen des 5. November 1974 wurde der damals acht Jahre alte Mario tot in der Wohnung von Erna F. aufgefunden, in der sie und auch die beiden Töchter, die zwölf Jahre alte Carmen und die kleine Martina, geschlafen hatten. Gegen Erna F. wurde ermittelt, die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt. In der DDR verjährte Mord nach 25 Jahren. Weil jedoch laut Einigungsvertrag Morde nicht verjähren, die am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, noch nicht verjährt waren, wurden die Ermittlungen nach der Anzeige 2009 wieder aufgenommen. Damals wie heute leugnete Erna F., ihren Sohn mit Gas getötet zu haben.

          Aus der alten Akte der DDR-Ermittlungsbehörden zum Tod des kleinen Mario ist außer dem Obduktionsbericht der Humboldt-Universität nichts überliefert. Darin wird ein Kohlenmonoxidgehalt von 73 Prozent in Marios Blut festgestellt. Eine Oberstaatsanwältin, die beim Brandenburger Generalstaatsanwalt arbeitet, meldete sich kürzlich zwar mit der Erzählung, sie habe einen Antrag auf Akteneinsicht von einer Person mit legitimen Interesse an dem Fall bekommen, habe die Akte angefordert und auch Kopien daraus an diese Person geschickt. Doch die Akte ist nicht aufzufinden, und auch der Briefwechsel mit der Person ist nicht in den Akten.

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