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Der Mafiajäger : „Ich bleibe, um den Toten einen Sinn zu geben“

Mafiajäger Roberto Scarpinato Bild: dpa

Deutschland sei prädestiniert, zum Ruhe- und zum Aktionsraum der Mafia zu werden, sagt Roberto Scarpinato. Der Chefankläger in Palermo hält die bestehende Gesetzgebung für zu schwach. Nur mit Wanzen und Mikrokameras sei es möglich, der Mafia wirksam entgegenzutreten.

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          Verabredung in einem Ristorante am Kölner Wallrafplatz. Das passt. Bei „Campi“, wo sich vor gut zwei Monaten die örtliche Initiative der Kampagne „Mafia? Nein danke!“ vorgestellt hat. Das passt erst recht. Denn der Mann, der hier ziemlich genau eine Stunde zu spät kommt, ist einer der legendären Mafiajäger Italiens: Roberto Scarpinato, Leitender Oberstaatsanwalt der Direzione Distrettuale Antimafia di Palermo, Chefankläger im Prozess gegen Giulio Andreotti und einer der am besten bewachten Personen des Landes.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Giovanni Falcone und Paolo Borsellino waren seine Lehrer. Als sie 1992 ermordet wurden, spürte er den Zwang zu bleiben: „Nicht aus Rache, sondern um all diesem Schmerz, diesen Toten einen Sinn zu geben.“ Schon damals stand er, der drei Jahre zuvor aus Rom in seine sizilianische Heimat zurückgekehrt war, unter Personenschutz: Seit 1989 führt er ein Nicht-Leben, um zu überleben.

          Seit 1989 führt er ein Nicht-Leben, um zu überleben

          Am Vortag hatten ihn sechs Carabinieri, davon vier mit Maschenpistolen bewaffnet, im gepanzerten Dienstwagen an den Flughafen von Palermo eskortiert, von wo er mit der Fotografin Letizia Battaglia, einer Anti-Mafia-Aktivistin mit der Kamera, zur Tagung über organisierte Kriminalität gereist ist, veranstaltet in Bensberg von der Karl-Arnold-Stiftung und dem Bund Deutscher Kriminalbeamter. Zum „Campi“ wird der Staatsanwalt von Kriminalbeamten gebracht. „Signor Scarpinato legt Wert darauf, dass er polizeilich begleitet wird“, sagt ein Kommissar.

          Der Vorschlag, zuerst in den Dom zu gehen, ist damit noch naheliegender, denn das Wahrzeichen der Stadt ist ihr sicherster Ort. Die Domplatte, die sich an diesem späten Vormittag wie eine italienische Piazza belebt, ließ sich aber schon lässiger überqueren. Scarpinato, ein introvertierter Mittfünfziger mit grauem Bart, zurückgekämmten langen Haaren und melancholischen Augen, trägt einen tief ins Gesicht gezogenen Hut und einen langen Mantel. Erst aus allernächster Nähe ist er zu erkennen.

          Der Staatsanwalt ist zum ersten Mal in Köln

          Der Staatsanwalt aus Palermo ist zum ersten Mal in Köln, nur einmal ist er bisher in Deutschland gewesen, in München. „Warum ist der Dom so dunkel?“ Dass das alles der Smog angerichtet haben soll, kennt er aus Italien nicht. Im Chorumgang schaut er sich jede Kapelle an. Er will wissen, warum der Kardinal das neue Fenster von Gerhard Richter missbilligt. Ihn hier en passant zu seiner Arbeit zu befragen, verbietet der Respekt, und auch anschließend im Museum Ludwig, das seinen Wunsch, sich am liebsten „pittura“, Malerei, anzusehen, ausgiebig erfüllt, erscheint es rücksichtslos.

          Zu sehr ist die Erleichterung Scarpinatos spürbar, für ein, zwei Stunden aus dem gepanzerten Leben herauszutreten. Wann hat er das letzte Mal ein Museum besucht? „Die Möglichkeit dazu habe ich immer nur, wenn ich im Ausland bin.“ Scarpinato durchstreift die Räume wie ein Flaneur, als wolle er in der kurzen Zeit möglichst viel Kunst möglichst intensiv aufsaugen. Nur vor einem Bild setzt er sich auf eine der Polsterbänke. „Café Greco“ von Renato Guttuso. Der Sizilianer trifft den Sizilianer.

          Es könnte ihn immer ein Schuss treffen

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