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Fall Tuğçe Albayrak : Unselige Nacht

Beweisvideo der Polizei: Der McDonald´s-Parkplatz in der Tatnacht Bild: Archiv

Am 15. November 2014 schlägt Sanel M. die Studentin Tuğçe Albayrak während eines Streits. Wenig später ist sie tot. Die Rekonstruktion einer folgenschweren Nacht.

          9 Min.

          Der 14. November 2014 ist der vorerst letzte Tag, den Sanel M. in Freiheit verbringt. Kein schlechter Tag. Er ist zusammen mit seinem Freund Amin S. unterwegs. Die beiden kennen sich schon lange aus Offenbach, richtig angefreundet haben sie sich aber erst auf der Schule, auf der M. nach einer bis dahin verkorksten Laufbahn schließlich seinen qualifizierten Hauptschulabschluss hinbekommen hat. Durchschnitt 2,9 – nicht ganz schlecht für einen, der noch nie Lust auf Lernen hatte. Im Sommer 2014 war das. Seither hat M. einige Bewerbungen abgeschickt, nicht von zu Hause aus, sondern vom Internetcafé. Das sagt auch schon etwas über sein Zuhause. Viel weiß man darüber nicht. Aber doch, dass sein Verhältnis zum Vater seit längerem belastet ist. Der Bauarbeiter soll die Mutter geschlagen haben, den Sohn auch. Und er soll einst gegen dessen Willen darauf bestanden haben, dass er aufs Gymnasium geschickt wurde.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Abgesehen von den Bewerbungen – bei Lidl, Rewe, bei der Post –, ist in der zweiten Jahreshälfte 2014 erst einmal nicht viel passiert in Sanel M.s Leben. Ab und an hat er mit Freunden gekickt, ein bisschen Fitness gemacht. Dazu eineinhalb Monate Urlaub im Sandschak, der Region in Serbien, aus der seine Familie stammt. Auf die Idee, er könnte sich mit einem Ferienjob selbst ein bisschen Geld verdienen, ist M. nicht gekommen – oder hat sie zumindest nicht verwirklicht. Wenn er etwas gebraucht hat, ging er zu den Eltern. So jedenfalls hat er es vor dem Landgericht Darmstadt dargelegt. Seit Ende April muss er sich dort wegen des Todes der Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak verantworten. Sie war nach einem Schlag des Angeklagten mit dem Kopf auf den Boden gestürzt und erlag später ihren schweren Gehirnverletzungen. Am Dienstag soll das Urteil verkündet werden.

          Der Vater von Amin S. hat am 14. November, dem Tag der Tat, Freigang. Gemeinsam holen ihn die beiden Freunde am Gefängnis ab. Zumindest für M. ist das nichts gänzlich Ungewohntes. In 14 Ermittlungsverfahren ist er schon als Beschuldigter geführt worden, im Strafregister gibt es vier Eintragungen: versuchter Diebstahl, gefährliche Körperverletzung, gemeinschaftliche räuberische Erpressung, gemeinschaftlicher versuchter Diebstahl in einem besonders schweren Fall. In der Polizeiakte steht: zunehmende Gewaltbereitschaft. M. gilt als hochgradig gefährdet, aber noch nicht als „Intensivtäter“.

          „Kein extremer Feiermensch“

          Abends wollen die Freunde S. und M. mit drei, vier anderen feiern. Angeblich machen sie das nicht oft, nur wenn einer Geburtstag hat. Heute ist das M., der Anfang November 18 Jahre alt geworden ist. Sie gehen ins „Scena“, eine der Diskotheken, die im Jargon des schillernden Offenbacher Nachtlebens „Jugo-Clubs“ genannt werden. Männer können dort mit Muskeln bezahlen, Frauen mit Miniröcken, die so kurz sind wie ihre Schuhe hoch. Ein Blick auf die Security-Leute reicht, um zu wissen: Man sollte hier den Ball flach halten.

          Auch Tuğçe Albayrak feiert am Abend des 14. November in einem Club dieser Art. Mit ihr im „Panta Rei“ sind gut zehn junge Frauen, teils enge Freundinnen, teils Bekannte, deren Wurzeln nicht, wie bei Albayrak, in der Türkei, sondern mehrheitlich im ehemaligen Jugoslawien liegen. Alle haben sich aufgebrezelt, auch sie feiern einen Geburtstag nach, den einer 20 Jahre alten Fremdsprachensekretärin, die im Prozess Karriere als „die Blondine“ gemacht hat. „Blond fällt mehr auf als schwarz“, sagte ein Zeuge vor Gericht.

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