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Der Fall Susanna F. : Such mich nicht

  • -Aktualisiert am

Einsame Bahntrasse, dichtes Gebüsch: Fundort der Leiche von Susanna F. am Stadtrand von Wiesbaden. Bild: dpa

Das Verbrechen an Susanna F. ist ein weiteres in der Reihe von Tötungsdelikten an Mädchen. Wieder ist der mutmaßliche Täter ein Flüchtling. Zu lange hat es gedauert, bis die Polizei den Fall ernst genommen hat. Eine Chronologie.

          Ein Kreuz mit Blumen. Kerzen. Briefe. Ein Engel aus Stein. So sieht er aus, der Ort, an dem die Leiche von Susanna F. gelegen hat, am Rande Wiesbadens im Stadtteil Erbenheim. Eine einsame Bahntrasse, dichtes Gebüsch, in der Nähe die Autobahn. Der Täter hatte das Mädchen hier abgelegt, in der Erde verscharrt und sie mit Reisig bedeckt. Er wollte, dass Susanna F. nie gefunden wird.

          Nun ist dieser Ort, der nicht einmal für die Anwohner eine besondere Bedeutung hatte, zur Trauerstätte geworden. Zwischen den Blumen liegt ein hübsches Foto der Schülerin. Wer auch immer es dort hingelegt hat, wollte, dass man sie so in Erinnerung behält.

          Der Fall Susanna F. – er könnte sich einreihen in die Serie der Verbrechen, bei denen ein Mädchen getötet wurde und der Täter ein Flüchtling war. Ali B., der am frühen Freitagmorgen im Irak verhaftet wurde, hat gegenüber dortigen Behörden die Tat gestanden. Am Samstag wurde er nach Deutschland ausgeliefert. Er flog in einer Lufthansa-Maschine, mit an Bord war auch der Präsident der Bundespolizei, Dieter Romann. Am Sonntag erwartet die Haftrichterin Ali B. in Wiesbaden.

          Jedes Detail zeigt: Hier stimmt etwas nicht

          Aber auch vorher schon waren sich Polizei und Staatsanwaltschaft ihrer Sache sicher. Sie zweifelten nicht daran, dass der 20 Jahre alte Iraker entweder allein oder aber mit einem 35 Jahre alten türkischen Bekannten die Schülerin erst vergewaltigt und dann getötet hat. Dieser Bekannte ist inzwischen wieder auf freiem Fuß, weil sich der dringende Tatverdacht gegen ihn nicht aufrechterhalten ließ. Er gilt aber immer noch als Beschuldigter.

          Der Fall der Vierzehnjährigen aus Mainz ist auch deshalb so schlimm, weil mit jedem Detail mehr offenbar wird, was in diesem Staat nicht stimmt. Wie kann es sein, dass die Polizei, nachdem die Mutter von Susanna F. ihre Tochter als vermisst meldete, wie selbstverständlich annahm, die Schülerin sei einfach von zu Hause weggelaufen?

          Es hieß, sie war das, was man eine Schulschwänzerin nennt. Seit Wochen soll sie regelmäßig dem Unterricht ferngeblieben sein. Aber sie war 14, da gebietet es allein schon das Alter, dass die Polizei mit einer Großfahndung tätig wird. Vor allem aber trügt das Gefühl einer Mutter in der Regel nie.

          Immer noch nicht glaubten die Behörden an ein Verbrechen

          Als sie der Polizei die Whatsapp-Nachricht zeigte, die sie einen Tag nach Susannas Verschwinden vom Handy ihrer Tochter bekam mit den Worten „Mama, ich komm nicht nach Haus. Ich bin mit meinem Freund in Paris. Such mich nicht – ich komm nach zwei oder drei Wochen. Bye“, da sagte Diana F. den Beamten, das seien nicht die Worte ihrer Tochter. Aber an ein Verbrechen glaubten die Ermittler auch da noch nicht. Dabei war Susanna zu diesem Zeitpunkt längst tot.

          Wiesbaden: Kerzen, eine Engelsfigur und persönliche Trauerbekundungen liegen in der Nähe des Leichenfundortes von Susanna F.

          Am 29. Mai bekam die Mutter dann den Anruf einer Bekannten. Die sagte, Susanna sei nicht mehr am Leben. Sie liege bei den Bahngleisen. Wieder ging Diana F. zur Polizei. Die schickte einen Hubschrauber über das Gebiet. Eine intensive Suche des nur schwer zugänglichen Geländes blieb aber aus. Möglicherweise hätte man die Leiche auf diese Weise damals schon gefunden.

          Und dann Ali B., der mutmaßliche Täter. Man hätte schon früher auf ihn kommen können, hätten die Ermittler schneller ihre Schlüsse aus den Puzzleteilen gezogen, die vor ihnen lagen. Ali B. und Susanna F. kannten sich. Sie, so heißt es nun, habe sich zu seinem Bruder hingezogen gefühlt. Sie habe sich sogar manchmal in der Flüchtlingsunterkunft aufgehalten. Sie hätten sich regelmäßig in der Wiesbadener Innenstadt getroffen, am Hauptbahnhof und an der Kirchgasse.

          Mehrere Male wird Ali B. gewalttätig

          Jenen Örtlichkeiten, an denen Susanna F. mit ihrer Clique „herumgehangen“ haben soll. Ali B. war als Gewalttäter bekannt. Im April 2017 soll er sich an einer Schlägerei beteiligt haben. Im Februar 2018 hatte ihn die Polizei wegen einer weiteren Körperverletzung im Blick. Im März 2018 greift B. nachts in der Wiesbadener Innenstadt eine Stadtpolizistin an. Er schlägt um sich, spuckt.

          Diesmal leitet die Polizei gegen ihn ein Ermittlungsverfahren ein. Nur wenige Tage später bedroht der Iraker nach Angaben der Polizei einen Mann mit einem Messer, zieht sein Opfer in ein Gebüsch und raubt es aus. Der gravierendste Verdacht wurde schließlich am 17. Mai bekannt. Die Polizei erfährt, dass „ein Ali“ aus dem Flüchtlingsheim, in dem er wohnte, ein elf Jahre altes Mädchen vergewaltigt haben soll.

          Der Fall wurde zur Kenntnis genommen, ausermittelt wurde er nicht. Es habe mehrere Männer namens Ali gegeben, die zu diesem Zeitpunkt in der Unterkunft gewohnt hätten, sagte die Polizei. Die Hinweise, dass es die Tat überhaupt gegeben habe, seien zu vage. Damit schien der Fall vorerst zu den Akten gelegt.

          Ob der Mann, den die Elfjährige beschrieben hat, Ali B. sein könnte, wird sich nur noch schwer klären lassen. Fest steht aber: Zu dem Zeitpunkt, als der Polizei die Vergewaltigung des elf Jahre alten Mädchens bekanntwurde, befand sich B. noch in Deutschland. Man hätte ihn befragen können.

          Am 3. Juni dann war er weg. Es war der Tag, an dem ein 13 Jahre alter Junge, ebenfalls aus der Flüchtlingsunterkunft, ein Polizeirevier aufsuchte und den Beamten erzählte, er wisse, dass es einen Mord gegeben hat. Dass das Opfer Susanna F. sei und ihr Mörder Ali B. Der Dreizehnjährige wusste sogar, wo die Leiche vergraben war. Die Angaben waren so konkret, dass die Polizei diesmal nicht zögerte.

          Sie schickte eine Hundertschaft in die Gemarkung „Unterm Kalkofen“, entdeckte die Leiche schließlich in einem Erdloch verscharrt unter Blättern und Ästen. Als sie in die Unterkunft fuhren, um Ali B. festzunehmen, fanden die Beamten nur noch leere Zimmer vor. Ein Mitbewohner erzählt, die Familie habe in der Nacht zum 2. Juni ihre Koffer gepackt. Das ganze Haus habe es mitbekommen. Eine Frau habe noch gefragt: „Wo wollt ihr denn hin, mitten in der Nacht?“ Die Mutter von Ali B. antwortete: „Nach Berlin. Da machen wir Urlaub.“

          Nicht kontrolliert

          Tatsächlich aber fuhren sie nach Düsseldorf. Sie hatten sich One-Way-Tickets besorgt, die sie bar bezahlten. Für die Eltern, Ali und seine fünf Geschwister. Woher sie so schnell das Geld für die Flüge hatten, ist eine vielleicht nicht sehr bedeutende, aber doch interessante Frage in diesem Fall. Sie setzten darauf, im Verbund nicht aufzufallen.

          Eine Familie auf Reisen. Dabei hätten die Beamten bei der Kontrolle stutzig werden können. Eine ganze Familie, die freiwillig in das Land zurückkehrt, das sie vor kurzem noch verlassen hatte, weil sie dort verfolgt werde, wie sie damals behauptete?

          Vor allem aber stimmten die Namen auf den Tickets nicht mit denen auf ihren Papieren überein, die sie damals bei ihrer Einreise für ihren Aufenthalt in Deutschland ausgehändigt bekommen haben. Die Bundespolizei kontrolliert üblicherweise nur die Papiere, nicht aber das Ticket. Die Lichtbilder stimmten überein.

          Die Politik steht unter Druck

          Die Familie konnte das Flugzeug besteigen. Am Freitagmorgen wurde Ali B. in der nahe der türkischen Grenze gelegenen nordirakischen Stadt Zakho von kurdischen Sicherheitskräften festgenommen. Diese hatten zuvor die Information erhalten, dass er einreisen wolle.

          Viele Fragen müssen nun beantwortet werden. Die Polizei hat ihr Vorgehen in den vergangenen Tagen schon verteidigt. Es sei nicht wahr, hieß es, dass die Ermittlungen zu schleppend gelaufen seien. Sie muss damit leben, dass das Bild zumindest in der Öffentlichkeit ein anderes ist.

          Die Politik wiederum steht unter Druck. In Hessen sind bald Landtagswahlen. Wie sehr dieser Fall vor allem die hessische CDU quält, war in den vergangenen Tagen aus jedem einzelnen Statement herauszuhören. Für die Familie von Susanna F. geht es nun um Gerechtigkeit. Auch wenn es die für die Hinterbliebenen niemals geben wird. Sollte Ali B., wovon nach seiner Auslieferung auszugehen ist, in Deutschland vor Gericht gestellt werden, besteht zumindest die Chance, dass er für diese Tat verurteilt wird. Mit dem Prozess würde das nächste Kapitel in diesem unfassbaren Fall eröffnet.

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