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Der Fall Susanna F. : Such mich nicht

Diesmal leitet die Polizei gegen ihn ein Ermittlungsverfahren ein. Nur wenige Tage später bedroht der Iraker nach Angaben der Polizei einen Mann mit einem Messer, zieht sein Opfer in ein Gebüsch und raubt es aus. Der gravierendste Verdacht wurde schließlich am 17. Mai bekannt. Die Polizei erfährt, dass „ein Ali“ aus dem Flüchtlingsheim, in dem er wohnte, ein elf Jahre altes Mädchen vergewaltigt haben soll.

Der Fall wurde zur Kenntnis genommen, ausermittelt wurde er nicht. Es habe mehrere Männer namens Ali gegeben, die zu diesem Zeitpunkt in der Unterkunft gewohnt hätten, sagte die Polizei. Die Hinweise, dass es die Tat überhaupt gegeben habe, seien zu vage. Damit schien der Fall vorerst zu den Akten gelegt.

Ob der Mann, den die Elfjährige beschrieben hat, Ali B. sein könnte, wird sich nur noch schwer klären lassen. Fest steht aber: Zu dem Zeitpunkt, als der Polizei die Vergewaltigung des elf Jahre alten Mädchens bekanntwurde, befand sich B. noch in Deutschland. Man hätte ihn befragen können.

Am 3. Juni dann war er weg. Es war der Tag, an dem ein 13 Jahre alter Junge, ebenfalls aus der Flüchtlingsunterkunft, ein Polizeirevier aufsuchte und den Beamten erzählte, er wisse, dass es einen Mord gegeben hat. Dass das Opfer Susanna F. sei und ihr Mörder Ali B. Der Dreizehnjährige wusste sogar, wo die Leiche vergraben war. Die Angaben waren so konkret, dass die Polizei diesmal nicht zögerte.

Sie schickte eine Hundertschaft in die Gemarkung „Unterm Kalkofen“, entdeckte die Leiche schließlich in einem Erdloch verscharrt unter Blättern und Ästen. Als sie in die Unterkunft fuhren, um Ali B. festzunehmen, fanden die Beamten nur noch leere Zimmer vor. Ein Mitbewohner erzählt, die Familie habe in der Nacht zum 2. Juni ihre Koffer gepackt. Das ganze Haus habe es mitbekommen. Eine Frau habe noch gefragt: „Wo wollt ihr denn hin, mitten in der Nacht?“ Die Mutter von Ali B. antwortete: „Nach Berlin. Da machen wir Urlaub.“

Nicht kontrolliert

Tatsächlich aber fuhren sie nach Düsseldorf. Sie hatten sich One-Way-Tickets besorgt, die sie bar bezahlten. Für die Eltern, Ali und seine fünf Geschwister. Woher sie so schnell das Geld für die Flüge hatten, ist eine vielleicht nicht sehr bedeutende, aber doch interessante Frage in diesem Fall. Sie setzten darauf, im Verbund nicht aufzufallen.

Eine Familie auf Reisen. Dabei hätten die Beamten bei der Kontrolle stutzig werden können. Eine ganze Familie, die freiwillig in das Land zurückkehrt, das sie vor kurzem noch verlassen hatte, weil sie dort verfolgt werde, wie sie damals behauptete?

Vor allem aber stimmten die Namen auf den Tickets nicht mit denen auf ihren Papieren überein, die sie damals bei ihrer Einreise für ihren Aufenthalt in Deutschland ausgehändigt bekommen haben. Die Bundespolizei kontrolliert üblicherweise nur die Papiere, nicht aber das Ticket. Die Lichtbilder stimmten überein.

Die Politik steht unter Druck

Die Familie konnte das Flugzeug besteigen. Am Freitagmorgen wurde Ali B. in der nahe der türkischen Grenze gelegenen nordirakischen Stadt Zakho von kurdischen Sicherheitskräften festgenommen. Diese hatten zuvor die Information erhalten, dass er einreisen wolle.

Viele Fragen müssen nun beantwortet werden. Die Polizei hat ihr Vorgehen in den vergangenen Tagen schon verteidigt. Es sei nicht wahr, hieß es, dass die Ermittlungen zu schleppend gelaufen seien. Sie muss damit leben, dass das Bild zumindest in der Öffentlichkeit ein anderes ist.

Die Politik wiederum steht unter Druck. In Hessen sind bald Landtagswahlen. Wie sehr dieser Fall vor allem die hessische CDU quält, war in den vergangenen Tagen aus jedem einzelnen Statement herauszuhören. Für die Familie von Susanna F. geht es nun um Gerechtigkeit. Auch wenn es die für die Hinterbliebenen niemals geben wird. Sollte Ali B., wovon nach seiner Auslieferung auszugehen ist, in Deutschland vor Gericht gestellt werden, besteht zumindest die Chance, dass er für diese Tat verurteilt wird. Mit dem Prozess würde das nächste Kapitel in diesem unfassbaren Fall eröffnet.

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