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Der Fall Oskar Gröning : Der lange Arm der Tat

Eine Auseinandersetzung der Justiz mit sich selbst

In Lüneburg haben sie Hotelzimmer gemietet, einen Bus gechartert. Am ersten Prozesstag sorgte Walther persönlich dafür, dass auch jeder der angereisten ausländischen Journalisten einen Kopfhörer bekam, um den Übersetzungen zu folgen. Abends essen sie gemeinsam mit den Überlebenden und ihren Familien, die teilweise mit nach Deutschland gekommen sind. „Diese Menschen wissen das zu schätzen“, berichtet Walter. „Überhaupt sind sie alle sehr angetan davon, was sie hier sehen, von dem Aufwand, den das Gericht betreibt, und dem Interesse, das ihnen entgegengebracht wird.“ Eugene Lebovitz etwa, ein Rentner aus Florida, der mit 15 nach Auschwitz kam. In seinem Hotelzimmer blitzt hinter ihm die Ilmenau im Abendlicht. Der Fluss erinnere ihn an seine Heimatstadt Uschhorod, sagt er. „Dieses Hotel macht aus irgendeinem Grund einen enormen Aufwand, damit wir uns hier zu Hause fühlen.“ Er lächelt spitzbübisch. „Ich werde über diese Stadt und ihre Leute reden, ich bin wirklich beeindruckt über die Art des Empfangs.“

Doch dieser Lüneburger Prozess ist vor allem auch eine Auseinandersetzung der deutschen Justiz mit sich selbst und der verschleppten Aufarbeitung des NS-Unrechts. Neben dem früheren Richter Walther und dem Rechtsprofessor Nestler ist auch ein pensionierter Staatsanwalt in ihrer Nebenkläger-Gruppe. Günther Feld war der einzige in Deutschland, der Anfang der neunziger Jahre einen von Grönings Kameraden aus der Gefangeneneigentumsverwaltung vor Gericht gebracht hatte. Feld klagte Heinrich Kühnemann, Grönings Stubennachbar in Auschwitz, schon damals auch genau wegen des Vorwurfes an, der jetzt Gröning zur Last gelegt wird: Beihilfe zum Mord durch den Dienst an der Rampe. Gröning war in dem Verfahren 1991 als Zeuge geladen.

Doch Kühnemann wurde herzkrank und lehnte jede Behandlung ab, obwohl sie von Ärzten für unbedenklich gehalten wurde. Nach einem Jahr Verhandlung musste das Gericht das Verfahren einstellen. Der damalige Richter war so erbost, dass er in seinem Einstellungsbeschluss auf 37 Seiten ausführte, warum Kühnemann hätte schuldig gesprochen werden müssen. Dieser Richter, Dirk Struß, mittlerweile selbst pensioniert, sitzt am Dienstag ebenfalls im Lüneburger Gerichtssaal. Er soll darüber berichten, was Gröning damals als Zeuge über seine Rolle in Auschwitz gesagt hatte. Vor sich liegen hatte er einen vergilbten Leitz-Ordner mit seinen Unterlagen von damals. Er habe ihn aufgehoben, sagt er, weil er es für möglich gehalten habe, dass ihn doch noch einmal jemand danach frage. „Ich hätte Gröning auch gewünscht, dass er dieses Verfahren vor 25 Jahren hätte hinter sich bringen können“, sagt der frühere Staatsanwalt Feld dazu. „Für alle Beteiligten wäre das sicher besser gewesen.“

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