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Der Fall Oskar Gröning : Der lange Arm der Tat

Gröning ist kooperativ und redet

Über 50 Vorermittlungsverfahren wurden seitdem angestoßen. Walther, der sich nach seiner Pensionierung als Rechtsanwalt niederließ, ist seitdem unermüdlich im Einsatz. Gemeinsam mit dem Kölner Rechtsprofessor Cornelius Nestler, der schon im Verfahren gegen Demjanjuk die Nebenkläger vertrat, hat er unzählige Überlebende hinter sich versammelt, um in ihrem Namen die Justiz anzutreiben. Die Zeit läuft ihm davon, alle Beschuldigten sind längst im Greisenalter, erst im vergangenen Jahr starb in Philadelphia der frühere SS-Mann John Breyer an dem Tag, an dem ein amerikanisches Gericht seine Auslieferung verfügte.

Mit Gröning hat Walther nun einen Angeklagten, der sich tatsächlich dem Prozess stellt. Gröning ist kooperativ, und er redet. Für seinen Anwalt wäre es ein Leichtes, das Verfahren durch prozessuale Tricks immer wieder zu verzögern. Er tut es nicht. Und Gröning hatte in seiner ersten Erklärung beteuert, dass es auch für ihn außer Frage stehe, dass er sich moralisch schuldig gemacht habe. Doch auch dieses Verfahren steht auf Messers Schneide. In zwei Wochen wird Gröning 94 Jahre alt, das Verfahren strengt ihn sichtbar an, mehrmals schon konnte er wegen Erschöpfung und Krankheit nicht kommen.

Ein älterer Zuhörer, der dem Prozess in den hinteren Reihen folgt, stellt an einem dieser Verhandlungstage die Frage, was dieses Verfahren denn noch solle. Der Mann sei alt, ein kleiner Fisch nur, ohnehin. Die Großen habe man alle laufen lassen. Und was hätten außerdem die Aussagen der Zeugen mit den Vorwürfen gegen Oskar Gröning zu tun? „Keiner hat ihn dort überhaupt gesehen!“ Überhaupt, in Lüneburg wird viel über den Prozess gesprochen, beim Bäcker, im Café. Die meisten finden es gut, dass die Überlebenden hergekommen sind, um ihre Geschichten zu erzählen, viele waren schon in den Verhandlungen und sind berührt von dem, was sie hörten.

„Es gehört in diesen Prozess“

Auch das Gericht hatte ursprünglich vor, nur höchstens ein, zwei Zeugen zu hören. Walther und Nestler drangen darauf, so viele Überlebende und deren Angehörige wie möglich zu hören. „Die Menschen sollten in dem Prozess keine abstrakten Zahlen werden“, erklärt es Walther, als er nachmittags erschöpft in der Lobby des „Alten Kaufhauses“ sitzt, des Hotels, in dem die Zeugen untergebracht sind. Walther ist seit Wochen ununterbrochen im Einsatz, er hat unzählige Interviews gegeben, gerade die ausländische Presse interessiert sich für den früheren Richter, der das Gesicht dieses Prozesses geworden ist. „Das Gericht muss sich aber auch ein umfassendes Bild machen“, sagt er.

In der Strafzumessung, bei der Entscheidung über die Höhe der Strafe, seien schließlich auch die Folgen der Tat, auch die entfernten, entscheidend. Drei der Zeugen waren selbst nie in Auschwitz. Die Schwestern Elaine und Judith Kalman etwa berichteten darüber, wie es ist, die Kinder von Überlebenden zu sein, die ihre früheren Familien in den Gaskammern von Auschwitz verloren. Sie leben mit der Gewissheit, dass sie nur deshalb geboren wurden, weil die erste Frau ihres Vaters und ihre Halbschwester von den Nazis ermordet wurden. „Auch das sind die Folgen der Tat“, sagt Walter, „es gehört in diesen Prozess.“

Er und Nestler waren es auch, die die meisten Überlebenden in Ungarn, Israel, Kanada und den Vereinigten Staaten aufsuchten, um sie zu überreden, nach Lüneburg zu kommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Viele hätten auch abgelehnt, diese Strapazen noch einmal auf sich zu nehmen. „Die haben gesagt, dass sie sich das nicht mehr zutrauen. Oft haben auch schon die Kinder gesagt, dass sie ihren Eltern gar nicht von dem Prozess erzählen wollten. Das würde sie viel zu sehr aufwühlen.“

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