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Der Fall Oskar Gröning : Der lange Arm der Tat

Dort wurde ihm eine Baracke zugewiesen. Schon in den ersten Tagen habe er von den Kameraden erfahren, welchem Zweck das Lager diente. Er war erschrocken, „Auschwitz machte mir Angst“. Doch er kam - wieder wegen seiner Banklehre - zur Gefangeneneigentumsverwaltung. Er musste nur das Geld zählen und verbuchen, das die Deportierten bei sich führten. An der Rampe, wo die ankommenden Juden für die Gaskammern „selektiert“ wurden, sei er nur für die Bewachung des Gepäcks zuständig gewesen - in Auschwitz, das ist Gröning wichtig, herrschten Diebstahl und Korruption. Also musste er, Oskar Gröning, Angehöriger der Gefangeneneigentumsverwaltung, darauf aufpassen, dass nichts gestohlen wurde. Was mit den Menschen geschah, denen die Koffer gehörten und die von der Rampe in langen Kolonnen in die Gaskammern geführt wurden, das betraf nicht seinen „Arbeitsbereich“.

Die Staatsanwaltschaft Hannover stützt ihre Anklage darauf, Gröning habe, indem er für die Verladung des Gepäcks der Deportierten und die Räumung der Rampe sorgte, einen Beitrag zum Funktionieren der Vernichtungsmaschinerie geleistet. Wäre die Rampe nicht vom Gepäck geräumt worden, hätte nicht der nächste Zug einfahren können. Staatsanwalt Jens Lehmann hat die Anklage auf die Zeit im Frühsommer 1944 beschränkt, als in der sogenannten Ungarn-Aktion innerhalb weniger Wochen etwa 437 000 ungarische Juden nach Auschwitz gebracht wurden, von denen mehr als 300 000 direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden. In dieser Zeit, in der die Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren lief, musste alles akkurat funktionieren. Gröning selbst sagt, er habe während dieser Zeit nur dreimal an der Rampe ausgeholfen; die zwei Historiker, die in dem Verfahren als Sachverständige aussagen, bezweifeln das.

Der Fall Demjanjuk war ein Zufall

Dass der Prozess gegen dieses „kleine Rädchen“ (so Gröning selbst über seine Rolle) überhaupt zustande kam, ist vor allem einem Mann zu verdanken, der in der langen Reihe der Nebenklägeranwälte ganz vorne sitzt. Thomas Walther, Jahrgang 1943, war selbst viele Jahre Richter und Staatsanwalt in der bayrischen Justiz. Kurz vor seiner Pensionierung ließ er sich zur Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen nach Ludwigsburg versetzen. Er wollte eben noch mal etwas Neues probieren. Doch bald musste er feststellen, dass keine Verfahren mehr in Gang kamen, obwohl in Ludwigsburg so viele Informationen über NS-Verbrechen und deren Täter lagen.

Das Interesse am Gröning-Prozess ist groß, das Gericht musste einen weiteren Saal anmieten, um dem Andrang Herr zu werden.

Die deutsche Justiz hatte sich nach einer kurzen Welle großer Prozesse in den sechziger Jahren darauf zurückgezogen, nur noch solche Täter zu verfolgen, denen eigene „Exzesstaten“ nachgewiesen werden konnten. Richter und Staatsanwälte stützten sich auf eine mehrdeutige Formulierung des Bundesgerichtshofs zum großen Frankfurter Auschwitzprozess. So konnten Tausende SS-Männer, die in Auschwitz gemeinsam Hunderttausende Menschen ermordet hatten, unbehelligt von ihrer Vergangenheit ein bürgerliches Leben führen. Nur 43 von ihnen wurden von der bundesdeutschen Justiz verurteilt.

Walther stieß damals durch Zufall auf den Namen John Demjanjuk und versuchte es einfach. Erfolgreich. 2011 wurde Demjanjuk vom Landgericht München wegen Beihilfe zum Mord durch seine Tätigkeit im Vernichtungslager Sobibor zu drei Jahren Haft verurteilt. Kurz darauf starb Demjanjuk, bevor das Urteil rechtskräftig werden konnte. Doch eins hatte Walther erreicht: Die deutsche Justiz war aufgerüttelt, und es wurde wieder über die Frage diskutiert, warum man eigentlich wegen Beihilfe verurteilt werde, wenn man bei einem Bankraub vor der Tür Schmiere steht, nicht aber, wenn man an der Rampe in Auschwitz steht und daran mitwirkt, dass täglich Tausende Menschen in die Gaskammern geschickt werden.

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