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Der Fall Oskar Gröning : Der lange Arm der Tat

Er ließ seine Hand los und rettete ihm damit das Leben

Bill Glieds Vater muss das geahnt haben, auch wenn er die Regeln von Auschwitz nicht kennen konnte. Bill Glied ist einer der Jüngeren unter den Zeugen, er war dreizehneinhalb, als er mit seiner Familie aus Ungarn nach Auschwitz kam. Jetzt sitzt er in der Mitte des Saales, und seine brüchige Stimme will so gar nicht zu der würdevollen Anmut passen, die der frühere Bauunternehmer aus Toronto mit den weißen, leicht gelockten Haaren und dem dunklen Jackett mit seinen bald 85 Jahren ausstrahlt. Glied erzählt, wie er im Frühjahr 1944, vor 71 Jahren, plötzlich aus seinem Leben gerissen wurde. Die ungarische Polizei kam zu ihnen in ihr Haus und brachte sie zu einer Sammelstelle. Von dort ging es weiter, drei Tage und Nächte in einem völlig überfüllten Viehwaggon, ohne Wasser, ohne etwas zu essen und ohne Licht. Und dann die Ankunft an diesem eigenartigen Ort Auschwitz, von dem man nichts wusste.

Die Türen wurden aufgerissen. „Ich erinnere mich an einen wunderschönen Frühlingsmorgen, der Himmel war klar und blau“, erzählt Bill Glied. Doch dann waren da diese Menschen, die gestreifte Pyjamas und runde Mützen trugen und laute Hektik verbreiteten. „Raus, raus, raus“, hätten sie gerufen. Das Gepäck sollten die Neuankömmlinge in den Waggons lassen. „Aber stellt sicher, dass ein Name an jedem Koffer ist“, sagten die Männer in den Pyjamas. Aufstellen in Fünferreihen, langsames Vorrücken, bis sie vor einem großen SS-Mann standen, der sie kurz musterte. Dann diese kleine, unscheinbare Handbewegung des großen SS-Mannes, rechts oder links, Gas oder Leben, aber das wussten sie in diesem Moment noch nicht. „Ich konnte mich nicht von meiner Mutter und meiner Schwester verabschieden, sie sind einfach aus meinem Leben verschwunden“, erzählt Glied und stockt.

Sein Vater habe seine Hand losgelassen, vielleicht ahnte er etwas. „Ich habe ihn in diesem Moment dafür gehasst, ich war 13 Jahre alt und wollte seine Hand halten.“ Aber heute, sagt Glied, wisse er, dass ihm sein Vater damit das Leben gerettet hatte. „Denn wer an der Hand der Eltern ging, war ein Kind - und wurde in die Gaskammern geschickt.“ Einen Moment herrscht Stille im Saal, so ist das nach jedem der insgesamt 13 Berichte der Zeugen. Dann hebt der Vorsitzende Richter Franz Kompisch an und bedankt sich für die Aussage und dafür, dass die Zeugen den langen Weg auf sich genommen haben. Der Angeklagte, Oskar Gröning, sitzt dann meist noch tiefer versunken in seinem Stuhl und blickt entrückt ins Leere. Nur er weiß, welche Bilder sich vor seinen Augen abspielen.

„Auschwitz machte mir Angst“

Gröning selbst hatte schon am ersten Tag eine lange Erklärung abgegeben. Mit fester Stimme hatte er seine Geschichte erzählt, wie er sich im Oktober 1940 habe einziehen lassen, „obwohl mein Jahrgang noch gar nicht an der Reihe war“. Er habe zur SS gewollt, weil die so eine „schneidige Truppe“ gewesen sei. Wegen seiner Banklehre sei er zur Besoldungsstelle der SS beim Konzentrationslager Dachau gekommen, bis er im Herbst 1942 nach Berlin bestellt wurde. In einem holzgetäfelten Konferenzsaal warteten dann plötzlich mehrere ranghohe SS-Männer. Die Holztäfelung und die Dienstgrade hätten ihn sehr beeindruckt. Ein Sturmbannführer habe ihm gesagt: „Sie bekommen eine Aufgabe, die noch wichtiger ist für den Endsieg als die Front.“ Aber es werde nicht immer „angenehm“ sein. Kurz darauf kam er nach anderthalb Tagen Bahnfahrt in einem Ort namens Oswiciem an.

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