https://www.faz.net/-gum-7ufxp

Autobahnschütze : Mit links lenken, mit rechts schießen

  • -Aktualisiert am

Fernfahrer Harry K. auf Rachetrip: Unzählige Male schoss er auf andere Lastwagen und Autos. Nur mit großem Glück kam niemand dabei ums Leben. Bild: Getty

Mehr als 700 Mal soll Harry K. von seinem Lastwagen aus auf Autos geschossen haben. Eine Frau entging nur knapp der Querschnittslähmung. Vor Gericht spricht der Angeklagte von „Denkzetteln“.

          8 Min.

          Petra B. erinnert sich nur noch an einen „unheimlichen Krach“ und daran, dass sie plötzlich schräg im Auto lag. Es ist der 10. November 2009, und sie ist mit ihrem Firmenwagen auf der Autobahn unterwegs, als ein Geschoss die Seitenscheibe durchschlägt und die damals 40 Jahre alte Geschäftsfrau im Nacken trifft. Das Auto prallt gegen die Mittelleitplanke, kommt zum Stehen.

          Einen Schmerz spürt B. erst, nachdem sie mit dem Handy den Notruf gewählt hat; zunächst glaubt sie, die Wunde an ihrem Hals stamme von Scherben der Scheibe. Im Krankenhaus entfernen die Ärzte in einer Notoperation zwei Metallteile; es sind Projektilsplitter. Nur um Millimeter, so wird man ihr erklären, habe der Schuss die Dornfortsätze ihrer Wirbelsäule verfehlt. Erst da begreift sie, was passiert ist. Sie hat Glück, dass sie nicht querschnittsgelähmt ist. „Die Tatsache, dass ich hier sitze, dass ich hierher gelaufen bin, ist ein kleines Wunder“, sagt Petra B.

          Der Mann, der sie fast in den Rollstuhl gebracht hätte, sitzt an diesem Spätsommertag rechts von ihr im Saal C017 des Landgerichts Würzburg. Als Harry K., fleischiges Gesicht, dunkle Haare, Schnauzer, weißes Poloshirt, breites Kreuz, im linken Ohr ein goldener Ohrring, am ersten Verhandlungstag den Gerichtssaal betreten hat, wirkte er fast überrascht, aber auch überfordert, als verstehe er gar nicht, warum diese vielen Menschen gekommen sind.

          Drei Stunden Anklageverlesung

          Zwischen 2008 und 2013 soll der Achtundfünfzigjährige mit der Pistole auf deutschen Autobahnen mehr als 700 Mal in Fahrtrichtung und in den Gegenverkehr gefeuert haben; dabei zielte er zumeist auf Autotransporter und Lastwagen. Nicht immer traf er auch. Der Fall von Petra B. ist der folgenschwerste Fall der jahrelangen Serie, bei der wie durch ein Wunder keiner zu Tode kam.

          Hunderte BKA-Ordner stehen in den Regalen hinter der Staatsanwaltschaft um Boris Raufeisen im Sitzungssaal: Dort sind 171 Fälle aufgelistet und abgeheftet. Die Staatsanwaltschaft verliest die Anklage im Sitzen. Später wird Raufeisen sagen, er habe noch nie eine Anklageschrift von dieser Länge vorgetragen. Rund drei Stunden später ist gerade einmal ein Viertel der Anklagepunkte verlesen. Um das Verfahren zu bewältigen, werden nicht alle Punkte vorgetragen.

          Fernfahrer Harry K. im Würzburger Landgericht: Mit 158 Kilogramm Körpergewicht den Schuss abgefangen
          Fernfahrer Harry K. im Würzburger Landgericht: Mit 158 Kilogramm Körpergewicht den Schuss abgefangen : Bild: dpa

          Die Fälle klingen ähnlich: andere Autobahn, andere Uhrzeit, anderer Autotransporter, doch gleicher Ablauf, gleiches Motiv. K. zeigt sich geständig, gibt den hundertfachen Beschuss zu, an Zeitpunkte und Orte könne er sich im Einzelnen nicht erinnern, es wäre auch verwunderlich. Die Staatsanwaltschaft legt ihm unter anderem fünffach versuchten Mord zur Last; diesen Vorwurf aber bestreitet K. vehement: Er habe nie auf Menschen gezielt.

          Täter erfährt aus der Zeitschrift von seinen Taten

          Den Fall von Petra B. glaubt die Kriminalpolizei anhand der nach der Festnahme ausgewerteten Lkw-Mautdaten rekonstruieren zu können. Es ist kurz vor 17 Uhr, als Harry K. an der Anschlussstelle Nürnberg-Nord an jenem Tag auf die Autobahn 3 Richtung Westen fährt. Auch an diesem Tag, bei einer seiner vielen Fahrten durch Deutschland und das benachbarte Ausland, regt er sich über die Fahrweise der anderen Lastwagenfahrer auf - so sehr, dass er in das leere Airbagfach oder in das Kühlfach neben dem Fahrersitz greift, seine Waffe hervorholt. Und schießt.

          Weitere Themen

          Eine versehrte Stadt

          Trier nach der Amokfahrt : Eine versehrte Stadt

          Nach der Amokfahrt liegt Stille über Trier. Die Menschen suchen nach Gründen für die Tat eines Mannes, der fünf Menschen getötet hat. Der Verdächtige macht bei der Polizei „wechselnde und in Teilen nicht nachvollziehbare Angaben“.

          Topmeldungen

          Hinter Glas: Ministerpräsident Reiner Haseloff am Dienstag im Landtag

          Krach wegen Rundfunkbeitrag : Die CDU sitzt in der Klemme

          Der Magdeburger Streit über den Rundfunkbeitrag wächst sich zu einem politischen Beben aus, das nicht nur das Kenia-Bündnis in Sachsen-Anhalt zerstören könnte. Auch der Koalitionsfrieden in Berlin ist in Gefahr.

          EU-Aufbaufonds : Ungarn und Polen drohen leer auszugehen

          Die EU-Kommission bereitet nach F.A.Z.-Informationen in Absprache mit den anderen Ländern vor, den Aufbaufonds ohne Polen und Ungarn in Kraft zu setzen. Sie hat mehrere Möglichkeiten.
          Stefan Löfven, Ministerpräsident von Schweden, auf einer Pressekonferenz in Stockholm am 31. März

          Schwarze-Peter-Spiel : Wer ist schuld an den vielen toten Schweden?

          Die zweite Corona-Welle trifft Schweden mit voller Wucht. Auf der Suche nach den Verantwortlichen geraten die Regionen ebenso in den Fokus wie die Gesundheitsbehörde und die Regierung in Stockholm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.