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Der Amoklauf : „Er war ein völlig normaler Schüler“

Schüler trauern am Mittwoch vor der Albertville-Realschule Bild: ddp

Im Waffenschrank seines Vaters fehlt am Mittwochmorgen eine Waffe. Tim K. erschießt mit ihr in den folgenden Stunden 15 Menschen. Eine einfache Erklärung hatte niemand. Es gibt offenbar Schüler, die eine doppelte Identität haben.

          6 Min.

          Polizisten mit Stahlhelmen und schusssicheren Westen bewachen die Stöckach-Schule in der Innenstadt von Winnenden. Mütter weinen, Väter schauen starr vor Angst auf den Schulhof. Eine Mutter zerrt ihre ängstlich blickenden Kinder aus der vermeintlichen Kampfzone. „Vielleicht ist er dort auf dem Dach“, ruft ein Mann. Ein etwa 25 Jahre alter Mann wird von Polizisten eines Sonderkommandos zu Boden geworfen. „Die Schüler der Klasse 1b dürfen die Schule jetzt verlassen“, sagt dann eine Stimme aus dem Lautsprecher. Noch weiß niemand, wo sich der Amokschütze aufhält, der nicht weit von hier, in der Albertville-Realschule, vor wenigen Minuten neun Schüler und drei Lehrerinnen erschossen hat und dann geflohen ist. Ist es nur ein einziger Täter? Hat er Komplizen? Greift er noch andere Schulen an? Hat er sich in Winnenden in einem der Fachwerkhäuser versteckt? Lebt er überhaupt noch? Stimmt es, dass am Mittwochmorgen ein Waffengeschäft ausgeraubt wurde?

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
          Philip Eppelsheim
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Winnenden ist eine Kleinstadt im Nordosten Stuttgarts. In den Schlagzeilen war die Stadt in den vergangenen Monaten nur, weil es Streit um ein Krankenhaus gab. Aber seit diesem Mittwoch, 9.33 Uhr, haftet an Winnenden der Begriff „Amoklauf“. 9.33 Uhr, das ist der Zeitpunkt, an dem bei der Polizei der Notruf eingeht. Vielleicht zehn Minuten zuvor hat ein 17 Jahre alter ehemaliger Realschüler, Tim K., den Schulraum 305 betreten. Er zögert nicht lange. In der Hand eine großkalibrige Pistole der Marke Beretta. Er schießt und trifft die ersten ehemaligen Mitschüler. Einige muss er, einige müssen ihn gekannt haben. Der schwarz gekleidete Auszubildende, der seinen Abschluss an der Albertville-Schule gemacht hat, geht noch in einen zweiten Klassenraum und schießt weiter. Neun jugendliche Schüler im Alter zwischen 14 und 15 Jahren und drei Lehrerinnen sterben. Eine Junglehrerin hat erst vor vier Wochen ihr Referendariat an der Albertville-Realschule begonnen. Albertville ist die Partnerstadt Winnendens (siehe: Winnenden: Eine mittelalterlich geprägte Stadt).

          Frühwarnsystem gegen Amoklauf

          Um 9.40 Uhr ist ein für solche Fälle geschultes Interventionsteam in der Schule. Seit 2006 ein 18 Jahre alter Gymnasiast aus Baden-Württemberg einen Amoklauf angekündigt hatte, ist ein Frühwarnsystem für solche Fälle eingerichtet worden, damit die Polizei so schnell wie möglich verständigt wird. Eine Investition, die in Winnenden offenbar funktioniert, denn die Polizei braucht noch nicht einmal zehn Minuten, bis sie an der Albertville-Schule ist. Um 10 Uhr beginnt eine Großfahndung. Tim K. muss irgendwo noch in der Stadt unterwegs sein. Beim Verlassen der Schule erschießt er einen Mitarbeiter eines Psychiatrie-Zentrums, das direkt neben der Schule liegt. Er kapert einen VW-Sharan und flüchtet in Richtung Ulm (siehe: Zur Fluchthilfe gezwungen: Der Amokläufer saß auf der Rückbank).

          Ein Polizeibeamter sichert ein Einschussloch in der Nähe des Autohauses
          Ein Polizeibeamter sichert ein Einschussloch in der Nähe des Autohauses : Bild: dpa

          Die Schule gehört zu einem von zwei großen Schulzentrum in Winnenden. Es sind die typischen Betonflachbauten, wie sie Ende der siebziger Jahre gebaut wurden. Zu dem Schulzentrum gehören noch das Lessing-Gymnasium, eine Haupt- und eine Förderschule: 700 Gymnasiasten, 300 Hauptschüler, 600 Realschüler und noch einmal etwa hundert Schüler in der Förderschule kommen täglich in das Schulzentrum zum Unterricht. Sie wohnen in der Stadt selbst, in Dörfern wie Leutenbach und Schwaikheim und eben auch in Siedlungen wie dem kleinen Ort Weiler zum Stein, in dem Tim K. gewohnt hat.

          Die Albertville-Schule könnte überall in Deutschland sein

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