https://www.faz.net/-gum-155yv

Der Amoklauf : „Er war ein völlig normaler Schüler“

„Wir suchen nach Munition“, sagt einer der Beamten, die im Regen die Wertstraße entlanglaufen. Unter jedes Fahrzeug schauen sie, jeden Lastwagen mustern sie. Tim K. sei hier überall rumgelaufen, habe um sich geschossen. Ein Mann von UPS saß während der Tat in seinem Büro. Er hörte draußen die Schüsse. „Die Polizei hatte sich hinter den parkenden Fahrzeugen verschanzt und immer wieder geschossen.“ UPS lasse seine Fahrzeugflotte in dem VW-Autohaus warten, sagt der Mann. Er habe gerade mit dem Werkstattmeister gesprochen. Tim K. soll in das Autohaus gekommen sein. „Er hat dem Verkäufer eine Waffe an den Kopf gehalten und einen Fahrzeugschlüssel verlangt.“ Der Verkäufer habe den Schlüssel holen wollen, es sei zu einer Auseinandersetzung gekommen. Dann habe der Siebzehnjährige den Verkäufer und einen Kunden erschossen. „Anschließend ist er wieder raus. Da ist ja noch ein Renaulthändler.“

Sie rauchen schweigend, schauen auf das Autohaus

Was genau Tim K. aber in dem Gewerbegebiet wollte, ist unklar. Die Polizisten äußern sich dazu nicht. Auch die Menschen, die hier arbeiten, haben keine Erklärung. „Vielleicht waren alle anderen Wege abgesperrt. Ein Fahrer hat uns fünfzehn Minuten, bevor hier alles losging, angerufen und gesagt, der Täter sei mit einem Wagen unterwegs. Dass er hierher kommt, konnte ja niemand ahnen.“

Als Tim K. das VW-Autohaus verlässt, eröffnet er vor dem Gebäude sofort das Feuer auf einen Streifenwagen, verletzt dabei die beiden Beamten schwer. Zwei Stunden nachdem die Schüsse im Autohaus fielen, stehen die Mitarbeiter des Autohauses vor der DPD-Niederlassung. Sie rauchen schweigend, schauen auf das Autohaus. Sie wollen, können nichts sagen. Wenig später verschwinden sie mit einigen Sanitätern in der Niederlassung. Der Mann von UPS schüttelt den Kopf. „Hätte das denn alles sein müssen?“

Die einfache Erklärung gibt es heute nicht

Nach Erklärungen suchen an diesem Tag auch die Politiker. Günther Oettinger, der baden-württembergische Ministerpräsident, ist gegen 10 Uhr unterrichtet worden, er ist zu einer Besprechung in Mainz. Ein Hubschrauber bringt ihn nach Winnenden, Kultusminister Rau, Innenminister Rech (beide CDU), der Landespolizeipräsident und Justizminister Goll (FDP) versammeln sich in einer Turnhalle der Schule zur Pressekonferenz. „Das Ausmaß dieses Amoklaufs“, sagt Oettinger, „ist allenfalls mit dem zu vergleichen, was in Erfurt passiert ist.“ Die Schule sei einer der wichtigsten Orte der Gesellschaft, es sei eine „grauenvolle und in keiner Form erklärbare Tat“, sagt Oettinger. Innenminister Rech spricht, sichtlich mitgenommen von den Ereignissen des Vormittags, von einem „dramatischen Tatablauf“. Und dann sagt Kultusminister Rau einen Satz, der die Tragödie zusammenfasst: „Was heute hier passiert ist, ist die größte Katastrophe, die einer Schule passieren kann.“

Rau gibt Auskunft über Herkunft und Leben des Amokläufers: „Der Täter war ein völlig normaler Schüler. Er ist in seiner Schulzeit nie irgendwie auffällig gewesen.“ Die einfache Erklärung, die von den Medien verlangt wird und die vielleicht auch die Polizei und die Politiker geben möchten, gibt es an diesem Tag nicht. Tim Ks. Elternhaus soll wirtschaftlich geordnet gewesen sein, die Eltern sollen Wert auf gute Kleidung und größere Autos gelegt haben. Der Vater soll einen Waffenschrank mit zahlreichen Waffen besessen haben. Rau schaut in die Runde der Journalisten, die nach einer Antwort suchen: „Es gibt offenbar Schüler, die eine doppelte Identität haben, von der wir nichts wissen.“ Ein Junge aus Tim K.'s Nachbarschaft berichtet allerdings, Tim K. sei in den letzten Jahren „ziemlich eigen“ geworden, habe Luftdruckwaffen in seinem Zimmer gehabt. Ein anderer gibt an, Tim K. habe unzählige Horrorfilme besessen (siehe: Augenzeugen berichten: „Er hatte Tausende Horrorvideos“).

Was auch immer Tim K. zur Tat getrieben hat, bleibt rätselhaft. Gewiss ist nur, dass im Waffenschrank seines Vaters, als die Polizei das Elternhaus aufsuchte, eine Waffe und Munition fehlten.

Weitere Themen

Topmeldungen


              Bild der Zerstörung: Blick in eine  Stolberger Innenstadt-Straße kurz nach dem Hochwasser

Nach dem Hochwasser : Fast vor dem Nichts

Autos weggespült, Geschäfte zerstört, Werkstätten vermatscht: Die Folgen der Flut in Westdeutschland bedrohen auch viele berufliche Existenzen. Ein Besuch im nordrhein-westfälischen Stolberg.
In Jakutien: Freiwillige Helfer versuchen, einen Waldbrand zu löschen.

Waldbrände in Sibirien : Schwelende Gefahr

In Sibirien brennen die Wälder, die betroffene Fläche ist fast so groß wie Schleswig-Holstein – doch oft werden die Flammen erst gar nicht bekämpft. Anwohner wandten sich mit einer Petition an Präsident Wladimir Putin.
Erstmals dabei: Der peruanische Skateboarder Angelo Caro.

Premieren in Tokio : Das sind die fünf neuen Olympia-Sportarten

Aus 28 werden auf einmal 33: Bei den Olympischen Spielen in Tokio sind in diesem Jahr fünf neue Sportarten dabei – nicht alle werden olympisch bleiben. Ein Überblick über die Premieren in Japan.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.