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Der Amoklauf : „Er war ein völlig normaler Schüler“

Roland Dörr, der Leiter des städtischen Schulamtes, steht fassungslos in der Sporthalle der Schule. „Mir ist nicht bekannt, dass diese Schule in irgendeiner Form auffällig war. Es gab die üblichen Gewaltpräventionsprogramme. Von Warnungen weiß ich nichts“, sagt er und schiebt noch einmal ein „Nein, wirklich nicht“ hinterher. Die Schülerklientel sei auch nicht besonders auffällig, der Ausländeranteil sei durchschnittlich, die soziale Mischung sei normal. Die Albertville-Schule könnte überall in Deutschland sein. Hin und wieder gibt es Meldungen über jugendliche Rechtsextremisten im Rems-Murr-Kreis, aber einen Zusammenhang zu dieser Tat wäre mehr als konstruiert.

Winnenden ist zu dieser Stunde eine belagerte Stadt, eine Stadt, in der gefahndet wird, Straßensperren errichtet werden, in der Autos kontrolliert werden, in der jeder besser den Kopf einzieht. Hubschrauber ziehen ihre Kreise, vor der Stadthalle steht eine Hundertschaft. Bis zum Mittag rücken immer noch neue Hundertschaften, Mannschaftswagen, Notarztwagen an. Die Albertville-Schule ist weiträumig abgeriegelt. Es ist 11.45 Uhr. Es herrscht noch immer große Unsicherheit über den flüchtigen Täter, Motive oder Mitwisser. Eine Gymnasiastin, die ihre Schule schon verlassen durfte, wird von einem Radioreporter nach ihren Erlebnissen gefragt: „Wir saßen seit 10 Uhr in der Schule fest, ich habe mich gefühlt wie im Film, aber einem schlechten“, sagt sie.

Drei Stunden Ungewissheit

Fast drei Stunden soll die Flucht von Tim K. dann dauern, drei Stunden Ungewissheit, ob es in der Innenstadt der kleinen schwäbischen Stadt vielleicht auch noch zu einem Schusswechsel kommt. Eine Pressekonferenz ist für 12.30 Uhr angekündigt, dann heißt es, es werde vermutlich 13 Uhr. Das Handy-Netz in Winnenden bricht zusammen, so dass auch Polizisten mit Leuchtwesten, auf denen „Presse“ steht, nicht wissen, wie die Fahndung vorankommt. Sie können nur die Zahl der toten Schüler und Lehrer bestätigen.

Es ist kurz nach zwölf Uhr, als Tim K. in einem Gewerbegebiet von Wendlingen am Neckar nahe der Autobahn 8 auf zwei Polizisten schießt und anschließend sich selbst tötet. Den gekidnappten Autofahrer hatte er aussteigen lassen, er war einfach selbst weiter gefahren. Auf der Bundesstraße 313 neben der Auffahrt zur Autobahn 8 hielt er. Tim K. lief über das Gelände eines Entsorgungsbetriebs zu einer Niederlassung des VW-Autohauses Hahn. Das Autohaus liegt neben einem Billardclub, nahe eines UPS-Lagers und einer DPD-Niederlassung. Tim K. erschießt einen Verkäufer und einen Kunden des Autohauses (siehe: Der zweite Tatort: Mitten im Verkaufsgespräch schießt der Attentäter). Dann folgt der Schusswechsel mit der Polizei. Dann ist der Amoklauf zuende.

„Er hat dem Verkäufer eine Waffe an den Kopf gehalten“

Stunden später hat die Polizei das Gelände abgesperrt. Einheiten suchen auf den Parkplätzen der Speditionsfirmen nach Patronenhülsen und anderen Spuren. Die Schaufensterscheibe des Autohauses ist von acht Einschüssen durchlöchert. Weiße Kreidekreise sind von der Spurensicherung auf den Straßenasphalt gezeichnet worden, mit gelben Spuren ist ein viereckiger Bereich gekennzeichnet. Hier soll ein Streifenwagen auf Tim K. gestoßen sein, der eröffnete das Feuer.

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