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Alltag im Jugendgericht : Anschiss am laufenden Band

Bild: Thomas Fuchs

Sigrid Christ ist seit 20 Jahren Jugendrichterin. Ihre Fälle liefern keinen Stoff für die Abendnachrichten: Halbstarke, denen noch keiner gesagt hat, dass sich Schwarzfahren nicht gehört und Kiffen dumm machen kann. Eine Geschichte vom alltäglichen Wahnsinn.

          8 Min.

          Es gibt einen Gedanken, der sich breitmacht, wenn man der Jugendrichterin ein paar Wochen lang durch die dunklen Flure des Amtsgerichts folgt, einen Gedanken, gegen den man sich wehren möchte: Und jetzt spricht ihn dieser Bolivianer im Gerichtssaal aus. Er ist ein abgerissener Kerl, aber unter den vielen abgerissenen Kerlen, die hier ein und aus gehen, das Opfer. Im Morgengrauen torkelte er besoffen über die Straße und begegnete einer Gruppe junger Männer. Einer hielt ihm ein Messer an die Kehle, die anderen erleichterten ihn um seinen Geldbeutel und um seine Lederjacke. Nun sitzt er drei jungen Männern gegenüber, und die Richterin fragt, ob er einen von ihnen wiedererkennt. Er blickt auf die drei Freunde, die aussehen wie das Klischee von kriminellen Jugendlichen, arabische Typen, schlank, aber wegen regelmäßigen Krafttrainings nicht schmächtig, Frisuren, wie sie Fußballer gerade tragen. Er schaut eine Weile und denkt nach, und schließlich sagt er: „Da müssen Sie mich entschuldigen, die sehen sich alle so ähnlich, mit dem gleichen Haarschnitt und so, ich kann die nicht auseinanderhalten.“

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die, das sind junge Männer, denen man nachts nicht auf der Straße begegnen möchte. Bei Sigrid Christ, Jugendrichterin am Amtsgericht in Frankfurt, gehören sie zum täglichen Geschäft. Ausgesucht hat sich Christ das nicht. Sie wurde dort eingeteilt, wo sie gerade gebraucht wurde, und als es plötzlich hieß „Jugendsachen“, fragte sie: Warum ausgerechnet ich? Nun macht sie den Job, seit zwanzig Jahren.

          Die Fälle, die Sigrid Christ verhandelt, schaffen es üblicherweise nicht in die Abendnachrichten, meist nicht einmal in die Lokalzeitung. Wenn es um Mord und Totschlag geht, wenn Fernsehteams ihre Kameras vor dem Gerichtsgebäude aufbauen und Talkshows die ganz großen Fragen nach nichtintegrierbaren Ausländern und Jugendlichen stellen, dann sind Christs Kollegen vom Landgericht ein paar Häuser weiter zuständig. Zu Christ kommen die kleinen Fische. Der alltägliche Wahnsinn.

          400 Fälle verhandelt Sigrid Christ im Jahr. Dienstags, wenn Einzelrichtertag ist, sind es manchmal sechs hintereinander. Christ sitzt dann ab 10 Uhr in Saal 16, einer Kammer ohne Pomp, mehr Amtsstube als Saal. Draußen warten die Leute darauf, dass sie aufgerufen werden.

          Die Angeklagten kommen wie am Fließband

          Der erste Angeklagte an diesem Morgen ist fünfzehn, hat italienische Wurzeln, kommt ohne Eltern. Er trägt einen Schlabberpulli, das Haar steht ihm in fettigen Strähnen vom Kopf. Die Schule für Lernhilfe hat er zuletzt nur unregelmäßig besucht, in diesem Jahr will er aber den Hauptschulabschluss machen. Er wurde fünfmal beim Schwarzfahren erwischt, sollte Sozialstunden ableisten, hat das aber nicht gemacht.

          „Warum müssen wir uns schon wieder sehen?“

          „Weil ich die Stunden nicht gemacht hab.“

          „Und warum nicht?“

          „Keine Zeit.“

          „Warum haben Sie denn so viel Stress?“

          „Ich geh zur Schule und tu arbeiten.“

          Die Staatsanwältin will wissen, warum er nicht zumindest Bescheid gegeben hat, dass er es nicht schafft. Er zuckt mit den Schultern und spielt mit seinen Händen. Christ erhöht die Zahl der Arbeitsstunden. Zum Abschied sagt sie: „Wenn Sie dieses Mal die Stunden nicht machen, dann müssen Sie in Arrest.“

          Der Junge verlässt den Saal, und herein kommt ein Mädchen mit dunkler Haut und aufbrausendem Temperament. Es wohnt mal bei der Mutter, mal bei der Tante, nirgends klappt es auf Dauer. Es ist wiederholt schwarzgefahren, sollte deshalb Gespräche mit dem Verein für Jugendhilfe führen und sich wegen seiner Schulden beraten lassen. Aber auch das Mädchen hat seine Auflagen nicht erfüllt.

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