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Gewalt in Brasilien : Das Massaker von Belém

  • -Aktualisiert am

Polizisten bei einem Einsatz in einem brasilianischen Slum: Jeder 229. Verhaftete wird von der Polizei getötet Bild: dapd

In der Stadt Belém wurden in einem Racheakt zehn Menschen erschossen. Der Fall zeigt einmal mehr, wie alltäglich Mord und Totschlag in Brasilien sind. Und dass weder Polizei noch Politik etwas dagegen unternehmen.

          Das „Massaker von Belém“ begann am Abend des 4.November um kurz nach halb acht Uhr abends. Wenige Minuten zuvor war der 43Jahre alte Polizist Antônio Marco da Silva Figueiredo, Angehöriger einer Spezialeinheit der militarisierten Polizei Brasiliens, in der Nähe seines Hauses im Stadtteil Guamá von mehreren Kugeln getroffen worden. Augenzeugen wollen drei Täter beobachtet haben. Der Polizist war nicht im Dienst, er trug Zivilkleidung und war in seinem Privatauto unterwegs. Er starb noch am Tatort.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Kurz darauf kursierten erste panische Kurzmitteilungen auf Twitter, Whatsapp und Facebook. Das am weitesten verbreitete Twitter-Hashtag lautete #ChacinaEmBelem (Massaker in Belém). Erschreckende Nachrichten und Bilder machten die Runde, von mehr als hundert Toten war die Rede. Aufnahmen von Dutzenden Leichen wurden verbreitet. Erst als der Morgen über Belém graute, legte sich die Panik, die vor allem die ärmeren Viertel der Hauptstadt des nordostbrasilianischen Bundesstaates Pará erfasst hatte. Viele Schulen und Geschäfte blieben tags darauf geschlossen.

          Die Zivilpolizei teilte am nächsten Morgen zunächst mit, entgegen der Meldungen von Massentötungen seien sechs Menschen erschossen worden; später wurde die Zahl auf zehn korrigiert. Bei den Getöteten handelte es sich um Halbwüchsige und Männer dunkler Hautfarbe im Alter zwischen 16 und 33 Jahren.

          Verfolgt werden nur die Bilderverbreiter

          Alle stammten aus der Nähe von Guamá, wo der Polizist erschossen worden war. In mindestens sechs Fällen müsse von Exekutionen ausgegangen werden, teilte die Polizei mit: Die Opfer seien jeweils von mehreren Kugeln getroffen worden, abgefeuert aus nächster Nähe. Augenzeugen hätten berichtet, die Täter seien auf Motorrädern angerückt und nach den Bluttaten geflüchtet. Die Täter hätten Gesichtsmasken oder Helme getragen.

          Die Ermittler der Zivilpolizei teilten mit, weder im Fall des Polizistenmordes noch in den Fällen der folgenden Exekutionen habe man bisher Verdächtige festnehmen können. Zu möglichen Vorstrafen der zehn Getöteten oder zu Ermittlungen wegen möglicher Rauschgiftdelikte gegen sie machte die Polizei keine Angaben.

          Ob Polizisten als Täter bei den offensichtlichen Rachemorden verdächtigt würden, wollten die Ermittler ebenfalls nicht sagen. Man werde aber in jedem Fall jene bestrafen, die über soziale Medien Falschmeldungen verbreitet und Panik verursacht hätten. So seien Fotos von Leichen des tragischen Feuers im Nachtclub „Kiss“ vom Januar 2013 in Santa Maria im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul mit mehr als 240 Toten verbreitet und als Aufnahmen von Opfern des „Massakers von Belém“ ausgegeben worden.

          In Belém sitzen die Waffen locker

          Doch es dürfte nicht alles frei erfunden gewesen sein, was die Bewohner der ärmlichen Außenviertel in jener blutigen Nacht über ihre Mobiltelefone verbreitet und erfahren haben. Nach dem Mord an dem Polizisten sei eine „Säuberung“ im Gang, hieß es. Man solle die Wohnung und das Haus nicht verlassen, andernfalls laufe man Gefahr, Opfer der Säuberungsaktion zu werden. Womöglich wären die nationalen Medien ohne die Übertreibungen in den sozialen Medien über das Massaker von Belém gar nicht auf den Polizistenmord und die mutmaßlichen Rachemorde aufmerksam geworden.

          Wie in vielen Großstädten im unterentwickelten Nordosten sitzen in Belém die Waffen bei Kriminellen und bei Polizisten locker. Die Stadt mit gut 1,4 Millionen Einwohnern nimmt einen traurigen Spitzenplatz in den Gewaltstatistiken Brasiliens ein. In Belém werden pro Jahr etwa 45 Morde auf 100.000 Einwohner verzeichnet; im Landesdurchschnitt sind es 25 Tötungsdelikte. Die Vergleichswerte für die Vereinigten Staaten und Deutschland sind jährlich 4,7 und 0,8Tötungsdelikte je 100.000 Einwohner.

          Jeder 229. Verhaftete wird erschossen

          Brasilien bekommt das Problem der grassierenden Gewaltkriminalität und der Brutalität der Polizei nicht in den Griff. Vor wenigen Tagen teilte das Innenministerium des Bundesstaates São Paulo mit, von Januar bis September 2014 seien 478 Menschen von der Polizei erschossen worden. Das sind fast doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres und der höchste Wert seit zehn Jahren.

          In den ersten neun Monaten dieses Jahres starben im Bundesstaat São Paulo zehn Polizisten im Dienst; das wiederum ist der niedrigste Wert seit zehn Jahren. Auf 229festgenommene Verdächtige kommt in São Paulo ein von Polizeikugeln getöteter Verdächtiger; in den Vereinigten Staaten, wo die Polizei auch nicht eben zurückhaltend ist, kommt ein Toter auf rund 31.600 Verhaftungen.

          Atila Roque von Amnesty International und Pedro Abramovay von der Open Society Foundation beklagen in der Zeitung „O Globo“ die „Banalität der Auslöschung“. In brasilianischen Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern ist Mord die Hauptursache bei Todesfällen von Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren.

          Es sind ja „nur“ Schwarze und Arme

          Jahr um Jahr verzeichnet Brasilien mehr als 56.000 Morde; das sind rund zehn Prozent aller nicht kriegsbedingten Tötungsdelikte eines Jahres in der ganzen Welt. In kaum zwei Jahrzehnten hat Brasilien mehr als eine Million Menschen bei Gewalttaten verloren. „Es ist die größte Tragödie unserer Geschichte seit der Sklaverei“, klagen die Autoren.

          Über Vorfälle wie jene von Belém wird allenfalls auf den hinteren Seiten der Zeitungen berichtet. In der politischen Debatte wird das Gewaltproblem so beiläufig erwähnt, als handele es sich um eine lästige Pflichtübung. Vor den Präsidenten- und Parlamentswahlen vom Oktober spielte das Thema kaum eine Rolle. „Die Geschichte wird uns nicht vergeben, dass wir uns mit einer Tragödie unaussprechlichen Ausmaßes abgefunden haben“, warnen Roque und Abramovay. „Und warum haben wir das? Machen wir uns nichts vor. Weil die, die sterben, meist schwarz, arm und unsichtbar sind.“

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