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Gefahr Cybergrooming : Täter im Kinderzimmer

So weit, so heil, die Teeniewelt – aber wehe, es meldet sich ein Fremder im Chat: Szene von den Dreharbeiten zu „Gefangen im Netz“ Bild: Hypermerket Film/Milan Jaros

Drei Schauspielerinnen, zehn Tage im Netz – und 2458 fremde Männer mit eindeutigen Absichten: Ein tschechisches Filmexperiment zeigt die Gefahren von Cybergrooming auf.

          5 Min.

          Der Dokumentarfilm „Gefangen im Netz“ startet mit einer Triggerwarnung. Freigegeben ist er erst für Zuschauer von 16 Jahren an. Trotzdem schickt er die Botschaft voraus, dass sein Inhalt verstören könnte, und das ist gut, weil sein Inhalt tatsächlich verstörend ist. Ein Kind hingegen, ganz gleich wie jung, das Plattformen wie MovieStarPlanet oder TikTok nutzt, das am Computer Fortnite zockt, einfach ein Smartphone besitzt oder sonst wie im Netz unterwegs ist, wird von Cybergrooming – sexueller Manipulation über das Internet – einfach überrascht. Überfallartig. Aus dem Nichts.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Drei Schauspielerinnen, zehn Tage, ein Experiment. Die tschechischen Regisseure Barbora Chalupová und Vít Klusák haben in einem Studio drei Kinderzimmer nachbauen lassen. Farbenfrohe Möbel und Wände, Kuscheltiere und ein gewisser Hang zu Ordnung und Überdekoration: So wohnen viele Mädchen in der Frühphase der Pubertät.

          Keine fünf Minuten war die Schauspielerin online - da hatte sie 16 Kontaktanfragen von fremden Männern.
          Keine fünf Minuten war die Schauspielerin online - da hatte sie 16 Kontaktanfragen von fremden Männern. : Bild: Hypermerket Film/Milan Jaros

          Die Schauspielerinnen sind beim Casting ausgewählt worden, weil sie locker für zwölf durchgehen könnten, obwohl sie erwachsen sind. Jetzt tragen sie Zöpfchen und Haarreifen zu wild gemusterten Leggins und flauschigen Hausschuhen. Die Maske hat ihnen einen frischen Teint auf die Gesichter geschminkt. So weit, so heil, die Teeniewelt.

          Mit echten Kinderfotos und dem ein oder anderen neuen Selfie entstehen im Internet drei erfundene Profile: Niki, Týnka, Mishka. Es dauert keine fünf Minuten, da sind die ersten 16 Kontaktanfragen da: alles unbekannte erwachsene Männer. Der metallische Klingelton von Skype wird zum beunruhigenden Soundtrack des Experiments.

          Für die Schauspielerinnen gelten klare Verhaltensregeln. Sie dürfen keinen Kontakt initiieren, sondern nur reagieren. Sie flirten nicht, provozieren nicht, und sie betonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass sie erst zwölf Jahre alt seien. Für ihre Chatpartner ist das offenbar keine Hürde:

          „Wenn das zwischen uns ein Geheimnis ist.“

          „Ich versuche, nicht darüber nachzudenken.“

          „Warum sollte das ein Problem sein?“

          „Ist doch egal. Ich war doch auch mal zwölf.“

          Was dann passiert, ist schwer zu ertragen. Die Kamera filmt mit, wie aus Buchstaben Chats entstehen und sich im Videoanruf Gespräche entwickeln. In den meisten Fällen braucht es nur wenige Sätze, schon werden die Männer explizit. Hattest du schon Sex mit einem Jungen? Berührst du dich selbst?

          Ein Mann zieht sich aus, bis er splitterfasernackt vor der Kamera steht, neben sich einen Schreibtischdrehstuhl mit Schmetterlingsbezug. Er bettelt die Schauspielerin an: „Kannst du mir nicht wenigstens mal deine Brüste zeigen?“

          Einem anderen entgegnet eine Schauspielerin auf dieselbe Bitte, sie würde ihm lieber etwas auf dem E-Piano vorspielen, ob er sich vielleicht etwas wünschen wolle, und der Mann sagt tatsächlich: „Was von Bach.“ Als die Schauspielerin daraufhin den Schreibtisch verlässt, sagt der Mann: „Du hast ein bezauberndes Popöchen“, und als sie fertig ist, lobt er: „Du spielst wirklich gut.“ Aber während sie spielt, schwenkt die Kamera zur Filmcrew, die ein Stück entfernt im Studio vor ihren Monitoren sitzt und jeden Schritt der Begegnung konzentriert verfolgt.

          „Holt der sich da einen runter?“, fragt der Regisseur. Antwort: „Ich glaube ja.“ Die Dokumentarfilmer Barbora Chalupová und Vít Klusák.
          „Holt der sich da einen runter?“, fragt der Regisseur. Antwort: „Ich glaube ja.“ Die Dokumentarfilmer Barbora Chalupová und Vít Klusák. : Bild: Hypermerket Film/Milan Jaros

          „Holt der sich da einen runter?“, fragt der Regisseur fassungslos. Eine Kollegin antwortet: „Ich glaube ja.“

          Ein dritter Mann dreht seine Handykamera gleich nach wenigen Sekunden nach unten und filmt sich beim Onanieren. Dabei wendet die Schauspielerin ein, sie habe sich nur unterhalten wollen.

          Drei Schauspielerinnen, zehn Tage, jeweils zwölf Stunden täglich online. Als das Experiment vorbei ist, haben die Filmemacher 2458 Kontaktversuche protokolliert von Männern, die eindeutig sexuelle Absichten verfolgten. Die vermeintlichen Zwölfjährigen wurden mit Geld gelockt, erpresst und bedroht.

          Passiert das in deutschen Kinderzimmern auch?

          Julia von Weiler bricht am Telefon in lautes Lachen aus über eine so naive Frage. „Das ist ein globales Problem“, sagt die Geschäftsführerin der Kinderschutzorganisation Innocence in Danger, die früher als andere vor sexuellen Gefahren im Internet warnte. „Das ist etwas, das Mädchen und Jungen jeden Tag passiert. Aber wir reden nicht darüber und lassen sie damit allein.“ Noch immer unterschätzten Eltern die Bedrohung: „Wir denken, unsere Kinder sind zu Hause. Das ist erst mal ein Gefühl der Sicherheit, das man hat.“

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