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Gefahr Cybergrooming : Täter im Kinderzimmer

Spätestens mit dem Siegeszug des Smartphones auch für Kinder jedoch hätten Fremde Zugang zu einem vermeintlich geschützten Raum. 98 Prozent der Kinder, die dazu gebracht würden, vor laufender Kamera sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen, seien jünger als 13 Jahre. 96 Prozent dieser Kinder seien allein zu Hause. Und dieser sogenannte Livestream-Missbrauch nehme massiv zu.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik hilft wenig, um eine Vorstellung vom Ausmaß der Übergriffe zu bekommen. Zwar ist die Zahl der Anzeigen wegen Cybergrooming in Deutschland von 1754 Fällen im Jahr 2019 auf 2632 im vergangenen Jahr gestiegen. Aber fast so viele Fälle hat das tschechische Experiment in zehn Tagen hervorgebracht. Fachleute rechnen mit einem erheblichen Dunkelfeld. Innocence in Danger schätzt, dass fast jeder zweite Jugendliche früher oder später im Netz sexuell belästigt wird. Die Einschränkungen der Corona-Zeit, durch die sich Kinder und Erwachsene noch mehr als sonst im digitalen Raum aufhalten mussten, könnte die Zahl der Übergriffe noch erhöht haben.

Mit echten Kinderfotos und neuen Selfies der volljährigen Schauspielerinnen entstanden im Internet Profile von angeblich zwölfjährigen Mädchen.
Mit echten Kinderfotos und neuen Selfies der volljährigen Schauspielerinnen entstanden im Internet Profile von angeblich zwölfjährigen Mädchen. : Bild: Hypermerket Film/Milan Jaros

Es gibt eine Menge, was man an dem tschechischen Filmexperiment aussetzen könnte, auch ohne sich über die deutsche Synchronfassung aufzuregen, die an vielen Stellen plakativ und gekünstelt wirkt. Thomas-Gabriel Rüdiger zum Beispiel moniert, dass kein Junge dabei gewesen sei, weil er weiß: „Es sind nicht nur Mädchen.“ Der Kriminologe von der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg hat sich in seiner Dissertation mit Cybergrooming befasst. Außerdem nimmt Rüdiger Anstoß daran, dass das Filmteam einen der Täter vor laufender Kamera zur Rede stellte. Cybergrooming ist in Deutschland strafbar, der entsprechende Paragraf ist erst vergangenes Jahr verschärft worden. Schon der Versuch, aus sexuellem Interesse heraus im Netz Kontakt zu einem Kind aufzubauen, ist ein Fall für die Polizei. Jedes Vorgehen, das schlimmstenfalls zur Selbstjustiz einlade, dient laut Rüdiger allein dem Showeffekt.

Trotzdem lobt auch der Polizeiwissenschaftler: „Der Film zeigt sehr eindringlich, wie normal sexuelle Übergriffe auf Kinder im Netz sind.“ Zudem mache er überdeutlich, wie wenig Angst die Täter vor Strafverfolgung hätten. Rüdiger wünscht sich deshalb so etwas wie Polizeistreifen im Internet und mehr „Scheinkindoperationen“, bei denen die Ermittler ähnlich wie die Dokumentarfilmer mit Fake-Identitäten Täter aufspürten. Als Kriminologe unterscheidet er zwischen hypersexualisierten Tätern auf der einen Seite, die – wie im Film – sehr schnell und drastisch zur Sache kämen und manchmal Dutzende Opfer in aller Herren Ländern hätten. Auf der anderen Seite gebe es „Intimitätstäter“, die Kinder mit viel Aufwand und Geduld in missbräuchliche Beziehungen hineinmanipulierten und am Ende auf Treffen und Übergriffe in der analogen Welt hinarbeiteten. Dabei sei nur ein kleiner Teil der Täter pädophil, also von der sexuellen Neigung her auf Kinder ausgerichtet.

Welche Plattformen, Spiele und sozialen Netzwerke Rüdiger indessen für besonders gefährlich hält, äußert er nicht, um Eltern nicht fälschlicherweise in Sicherheit zu wiegen. Lieber warnt er: „In jedem Programm, das eine onlinebasierte Kommunikation ermöglicht, sind sexuelle Übergriffe möglich.“

Und die Kinder?

Julia von Weiler fällt in der Arbeit mit Jugendlichen auf, wie abgebrüht mitunter schon 13-Jährige darüber sprechen, dass fremde Männer ihnen Fotos schicken, die sie eigentlich eklig und beängstigend finden. In der digitalen Welt, sagt die Präventionsexpertin, fehle es an Warnzeichen, wann eine Situation ins Schlüpfrige abgleite oder man sich unwohl fühle. Wer manipuliert werde, schalte den Bildschirm ohnehin nicht aus. Sobald es jedoch zu einer Sexualisierung des Kontakts komme, schämten Kinder sich typischerweise, gäben sich selbst die Schuld – und schwiegen. Damit Betroffene sich überhaupt mitteilen könnten, müssten Eltern deshalb klar signalisieren, dass die Verantwortung allein bei den Tätern liege. Von Weiler glaubt nicht, dass jedes Opfer von Cybergrooming langfristig therapeutische Hilfe benötige. Aber natürlich könnten sich verstörende Erfahrungen auf den Selbstwert auswirken, auf das Sicherheitsgefühl, auf die sexuelle Entwicklung, denn: „Der Grad der Traumatisierung ist überhaupt nicht zu unterscheiden von analoger sexueller Gewalt.“

Der Dokumentarfilm ist digital verfügbar unter www.gefangenimnetz.de. Der Kauf jedes Tickets ermöglicht es je einer Schulklasse, die gekürzte und um Tipps ergänzte Schulversion (Altersfreigabe zwölf Jahre) zu sehen.

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