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Counterstrike : Lizenz zum anonymen Töten

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Während eines Counterstrike-Spiels kündigt ein Teilnehmer einen Amoklauf an und versetzt ein Bundesland in Aufregung. Wer als Spieler glaubt, daß er bei solchen Spielen im Netz anonym unterwegs ist, irrt sich.

          3 Min.

          Wer gerne Fußball spielt und eine Mannschaft sucht, muß in Parks bei anderen Gruppen fragen, ob er mitspielen darf. Sein Auftreten und Aussehen entscheiden über die Aufnahme ins Team. Computerspieler haben dieses Problem nicht. Sie kaufen sich zum Beispiel „Counterstrike“ im nächsten Laden. Für den Startschuß fehlt dann nur noch der Internetzugang. Fans von „Ego-Shootern“ spielen nicht mehr zu Hause vor ihrem Rechner gegen veranschaulichte Algorithmen. Sie kämpfen mit anderen Counterstrikern im Internet.

          Marco Dettweiler
          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frage, ob man mitspielen darf, erübrigt sich. Jedem Software-Paket liegt ein Sicherheitscode bei, der den Einstieg in den virtuellen Kampf garantiert. Mit Benutzername und Paßwort kann sich jeder immer wieder anmelden. Im Unterschied zum Freizeitsportler tritt der Computerspieler erst dann in Kommunikation mit seinen Mitspielern, wenn das Spiel bereits begonnen hat. Die Lizenz zum Töten hat er sich mit der Software gekauft. Und er bleibt anonym. Seinen Namen kann er frei erfinden, seine Aussehen wählt er nach vorgegebenen „Typen“ aus.

          Die meisten Spieler kommunizieren per Headset miteinander: Mit Kommandos per Kopfhörer und Mikrofon stimmen sich die Counterstriker bei ihren Aktionen ab. Der potentielle Amokläufer aus Baden-Württemberg hat diese Spielfunktion anscheinend genutzt, um Taten außerhalb der virtuellen Welt anzukündigen. Daß Spieler dabei anonym unterwegs sind - das ist eine Illusion. Die Polizei kann zurückverfolgen, wer hinter dem Benutzernamen in Wirklichkeit steckt.

          „Nickname“ statt Nachname

          Die meisten Teilnehmer werden sich nicht mit ihrem Vor- und Nachnamen anmelden, sondern mit einem fiktiven „Nickname“. Unter diesem Namen sind sie dann den anderen Spielern bekannt. Um überhaupt an einen Benutzernamen kommen zu können, braucht der Nutzer eine Mail-Adresse. Der Anbieter fordert den Neuling in einer Mail auf, die Daten zu bestätigen. Die Polizei kann vom Hersteller die Mail-Adresse verlangen, mit der sich ein Benutzer angemeldet hat - und dann wiederum den Verwalter der E-Mail-Adresse auffordern, die Daten des Nutzers zu übermitteln. Wer anonym bleiben will, kann zu illegalen Mitteln greifen, indem er bei der Anmeldung falsche Angaben zu Name, Adresse oder Alter macht.

          Die zweite Möglichkeit, einen scheinbar anonymen Surfer zu identifizieren, ist die Rückverfolgung der IP-Adresse. Eine IP-Adresse besteht aus vier Zahlenkolonnen, zum Beispiel 193.227.144.90. Wer im Internet unterwegs ist, weist sich mit dieser Nummer aus, wenn er Websites, Tauschbörsen oder Server besucht. Counterstriker wählen zum Beispiel einen Server aus einer Liste aus, bevor sie das Spiel im Netz starten. Auf einem Server sind eine bestimmte Anzahl von Teilnehmern angemeldet. Damit der Server die vernetzten Rechner koordinieren kann, braucht er von ihnen mindestens eine IP-Adresse. Aufgrund dieser „Hausnummer“ weist der Großrechner die Daten der PCs eindeutig zu.

          Wer „Counterstrike“ spielt, hat in der Regel eine Flatrate, sonst entstünden zu hohe Kosten für den Internetzugang. Der Kunde surft mit dem Pauschaltarif 24 Stunden lang mit der gleichen IP-Adresse im Netz. Dann trennt der Provider automatisch die Verbindung und vergibt eine neue Adresse. Somit wechselt jeder Internetnutzer täglich die Netz-Identität. Doch Provider wie T-Online oder Arcor können jeder gespeicherten IP-Adresse einen Kunden zuweisen. Wenn die Polizei nun einen verdächtigten Spieler mit seiner IP-Adresse ermittelt, kann sie über den Provider an die Kundendaten gelangen.

          Spur hinterlassen

          Auch der unbekannte Jugendliche aus Baden-Württemberg hat also eine Spur hinterlassen. Ermittler des zuständigen Landeskriminalamtes (LKA) suchen in ihrer Abteilung für anlaßunhabhängige Recherche nun nach Hinweisen, die den Absender entlarven könnten. „Die IP ist für die Polizei oft die einzige Möglichkeit, um nach Personen zu suchen, die im Internet Hinweise auf mögliche Straftaten angekündigt haben“, sagt LKA-Sprecher Ulrich Heffner. Der Weg von der IP-Adresse führt in der Regel zu einem Provider, der Namen, Adressen und eventuell auch Finanzdaten wie Bankverbindungen speichert. Im Zuge von Ermittlungen können diese mit der IP-Adresse verglichen werden. Weitaus schwieriger ist es jedoch, wenn sich der Unbekannte in einem Internet-Café eingewählt hat. Dort bleibt die digitale Anonymität gewahrt.

          Informatikerin Marit Hansen, die beim unabhängigem Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein auf elektronische Datenspuren spezialisiert ist, sagt, oft sei es sehr schwierig, den passenden Adressaten zu finden. Manchmal sei dies auch überhaupt nicht mehr möglich. Würden etwa Anonymisierungstools benutzt, werde die IP unbrauchbar. Im Netz gibt es kostenlose Anonymizer-Software, die sich als Proxyserver zwischen den Rechner des Nutzers und den angewählten Rechner schaltet. Dadurch kann die Spur nicht bis zur ursprünglichen Adresse zurückverfolgt werden. Und führt die Spur zu einem Internetcafé, bleibt oft nichts anderes mehr übrig, als den Computer auf herkömmliche Spuren wie Fingerabdrücke zu untersuchen oder herauszufinden, wer zu jenem Zeitpunkt den Rechner benutzt hat. Für die Polizei beginnt dann die eigentlich Arbeit. Der Computer wird dann zu einem normalen Tatort.

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