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Cosby-Prozess : Erst betäubt, dann missbraucht

  • -Aktualisiert am

Äußern will er sich in dem Verfahren nicht: der angeklagte Schauspieler Bill Cosby Bild: AP

Beim Prozess gegen Bill Cosby bestätigt eine Zeugin das methodische Vorgehen des Komikers. Es sind abstoßende Details, die bereits am ersten Verhandlungstag zur Sprache kommen.

          Viel Zeit ließen Bill Cosbys Ankläger den Geschworenen nicht. Schon kurz nach den Eröffnungsplädoyers am Montag bat die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Kristen Feden die 50 Jahre alte Kelly Johnson in den Zeugenstand. Unter Tränen beschrieb die frühere Assistentin der Talentagentur William Morris, wie Cosby sie im Jahr 1996 in einen Bungalow des Hotels Bel-Air in Los Angeles einlud, ihr eine weiße Tablette gab und sie sexuell missbrauchte. Als Johnson benebelt auf dem Bett aufwachte, spürte sie den Entertainer hinter sich. „Mein Kleid war von unten hochgeschoben, das Top war heruntergezogen. Meine Brüste waren entblößt“, sagte Johnson aus. „Er zwang mich, seinen Penis anzufassen.“ Cosby, der am ersten Prozesstag ohne seine Ehefrau Camille im Gerichtssaal in Norristown bei Philadelphia erschien, verfolgte Johnsons Schilderungen aufmerksam, aber unbewegt. Bei einem Schuldspruch erwarten den Träger der Freiheitsmedaille des Präsidenten, der höchsten amerikanischen Auszeichnung für Zivilisten, bis zu zehn Jahre Haft.

          Die Anklägerin Feden hatte den Neunundsiebzigjährigen in ihrem Eröffnungsplädoyer als Sexualstraftäter beschrieben, der jahrzehntelang Einfluss und Prominenz nutzte, um Frauen zu nahe zu kommen. Wie bei Johnson habe er sich auch das Vertrauen der früheren Sportmanagerin Andrea Constand als vermeintlich väterlicher Mentor erschlichen. Wegen des mutmaßlichen Missbrauchs der Vierundvierzigjährigen steht Cosby vor Gericht. Laut Anklage soll der frühere Hauptdarsteller der Familienserie „The Cosby Show“ Constand im Januar 2004 in seiner Villa in Elkins Park bei Philadelphia betäubt und belästigt haben. Wie die Anklägerin Feden den Geschworenen sagte, gab der Entertainer seinem mutmaßlichen Opfer drei Tabletten, die es benebelten und bewegungsunfähig machten. Anschließend penetrierte Cosby Constand angeblich mit den Fingern. Zudem soll er die Hand der wehrlosen Frau genommen haben, um mit ihr zu masturbieren. „Dieser Fall dreht sich darum, ob Frau Constand in der Lage war, den Handlungen zuzustimmen. Die Antwort lautet nein“, fasste die Juristin zusammen. Andrea Constand war zwei Monate nach dem angeblichen Übergriff wieder zu ihren Eltern nach Kanada gezogen. Ihre Mutter Gianna, die mit Cosby wiederholt über die Nacht in Elkins Park sprach, steht jetzt ebenfalls auf der Zeugenliste.

          Die Anschuldigungen von fast 60 Frauen sind verjährt

          Die Staatsanwaltschaft des Bezirks Montgomery entschloss sich zu einer Anklage wegen sexueller Nötigung, als im Jahr 2015 Dutzende Frauen mit Vorwürfen gegen Cosby an die Öffentlichkeit gingen. Der Comedian Hannibal Buress hatte „America’s Dad“, wie Cosby genannt wird, damals bei einem Auftritt als Vergewaltiger beschimpft. Ein Video der Anschuldigungen, das auf der Internetseite der Zeitschrift „Philadelphia“ erschien, veranlasste amerikanische Medien zu neuen Recherchen. Nachdem Constand 2005 mit ihrer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft des Bezirks Montgomery auf taube Ohren gestoßen war und sich zu einer Zivilklage gegen den Entertainer entschloss, entdeckten auch die Justizbehörden in Pennsylvania plötzlich ausreichende Hinweise für die Eröffnung eines Strafprozesses. Die Anschuldigungen der übrigen fast 60 Frauen sind verjährt.

          Da Cosby bei Constands erfolgreichem Zivilverfahren vor zehn Jahren zugab, sich in den siebziger Jahren das Sedativum Quaalude beschafft zu haben, um Frauen zu betäuben, setzt die Anklägerin Feden auf die frühere Selbstbezichtigung des Emmy-Preisträgers. Auf weitere Zeuginnen muss die Staatsanwältin aber verzichten. Der Vorsitzende Richter Steven O’Neill hatte vor einigen Monaten angekündigt, neben Constand nur Johnson als mutmaßliches Opfer zu hören. Zur Darstellung der „Methode Cosby“ schien Johnsons Aussage am Montag aber auszureichen. „Hier geht es um eine schon früher praktizierte Technik, eine junge, vertrauensvolle Frau zu betäuben, um sich selbst sexuell zu befriedigen, ohne dass die Frau widersprechen kann“, ließ Feden die Jury wissen.

          Cosbys Anwälte Angela Agrusa und Brian McMonagle versuchten dagegen, die mutmaßlichen Opfer als willige Eroberungen darzustellen. „Wir tranken Cognac und Brandy vor dem Kamin“, zitierte McMonagle aus Constands Aussage aus dem Jahr 2005. Der Jurist verwies zudem auf Telefonanrufe nach Constands Treffen in Cosbys Villa. Nach dem vermeintlichen Missbrauch habe es 72 Anrufe gegeben. „Sie rief ihn an. 53 Mal“, sagte Cosbys Anwalt den Geschworenen. Die Zeugin Johnson zeichnete McMonagle in ähnlich düsteren Farben. Während einer früheren Beziehung mit dem britischen Reggae-Sänger Maxi Priest soll die damalige Schauspielschülerin zu Rauschgift gegriffen haben. Angeblich nahm Johnson auch immer wieder Geld von Cosby. „Falsche Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe sind ein Angriff auf die Unschuld eines Menschen und kein Ablenkungsmanöver“, wetterte der Jurist – und versicherte, während der kommenden zwei Prozesswochen sämtliche Ungereimtheiten in Constands und Johnsons Darstellung aufzudecken.

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