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Europol-Chefin im Gespräch : „Kriminelle sind leider sehr flexibel“

Die Belgierin Catherine De Bolle ist seit 2018 Exekutivdirektorin von Europol. Bild: Europol

Europol beobachtet genau, wie das organisierte Verbrechen auf die Corona-Krise reagiert. Ein Gespräch mit Exekutivdirektorin Catherine De Bolle über Drogenhändler, Pädophile und Terroristen.

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          Frau De Bolle, die meisten Grenzen in Europa sind dicht, in vielen Ländern gelten Kontakt- oder Ausgangssperren. Hat das auch Auswirkungen auf Europol und den Kampf gegen das internationale Verbrechen?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ja, das wirkt sich natürlich auch auf Europol aus. Wir haben gleich zu Beginn der Krise einen Stab gebildet, der noch immer alle zwei Wochen zusammenkommt, um zu besprechen, was wir einerseits für die Sicherheit unserer Mitarbeiter tun können. Und andererseits, wie wir die EU-Mitgliedstaaten weiterhin unterstützen können. Diese Krise ist beispiellos. Aber aus früheren Krisen wissen wir, dass kriminelle Organisationen leider sehr flexibel sind und alle Möglichkeiten für sich nutzen, die sie in einer Krise sehen. Wir haben deshalb entschieden, uns auf die „Corona-Kriminalität“ zu fokussieren und genau zu beobachten, was in der Welt des organisierten Verbrechens gerade passiert.

          Was verstehen Sie unter „Corona-Kriminalität“?

          In einer ersten Phase unmittelbar nach Beginn der Krise gab es eine große Zunahme von Cybercrime und Produktpiraterie. Viele Menschen arbeiten von zu Hause, alle spüren eine latente Bedrohung durch die Krise, manche haben Angst. Und da treffen sie auch irrationale Entscheidungen, klicken vielleicht auf einen Link, was sie unter normalen Bedingungen nicht täten. Kriminelle nutzen diese Möglichkeiten, diese Schwächen. Außerdem gab es eine riesige Nachfrage etwa nach Schutzhandschuhen und Masken. Die Fälschungsindustrie boomt regelrecht – und ist dem Virus immer auf den Fersen. Die ersten Fälle hatten wir in Italien. Dann breitete sich das Virus nach Spanien, Belgien und in andere Länder aus. Die Kriminellen beobachten die Situation genau und bringen ihre gefälschten Produkte dort auf den Markt, wo die Nachfrage gerade am höchsten ist.

          Sind das Kriminelle, die vorher auch schon in diesen Feldern aktiv waren, oder sind das Um- und Neueinsteiger, die von der Krise profitieren wollen?

          Die Cyber-Angriffe werden überwiegend von denselben kriminellen Gruppen ausgeübt wie schon zuvor. Wir können beobachten, dass sie aktiv Mitarbeiter anwerben, um ihren Gewinn noch zu steigern. Viele Angriffe mit Schadsoftware laufen jetzt schneller ab. Aber es gibt auch Möchtegern-Cyber-Kriminelle, die vorher in anderen Feldern aktiv waren, zum Beispiel Rauschgifte. Die haben weder die Erfahrung noch die Fähigkeiten, so dass im Moment auch mehr Phishing-Angriffe fehlschlagen.

          Wie reagieren die traditionellen Gruppen der organisierten Kriminalität, deren Hauptgeschäftsfelder wie Schutzgelderpressung, Rauschgifthandel und Prostitution ja möglicherweise auch von der Krise betroffen sind?

          Auch die passen sich an, immer in der Logik von Nachfrage und Angebot. Wir sehen, dass kriminelle Organisationen sehr flexibel sind. Sie agieren nach dem Geschäftsmodell „Verbrechen als Service“ und suchen Spezialisten für ihre Netzwerke, um sich in den neuen Feldern entwickeln zu können.

          Wie haben sich all die Beschränkungen auf den Rauschgifthandel ausgewirkt, das wohl profitabelste Geschäft der organisierten Kriminalität?

          Zunächst sind die Preise ein bisschen gestiegen, jetzt aber sinken sie wieder. Selbst wenn der Export, zum Beispiel von Kokain aus Südamerika, nicht mehr auf dem gleichen Niveau sein sollte wie vor der Krise, sind in der Europäischen Union noch sehr viele Drogen verfügbar. Auch synthetische Drogen.

          Sie erwarten also keine Knappheit auf dem Rauschgiftmarkt?

          Nein, in den ersten Monaten nicht.

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