https://www.faz.net/-gum-rhgv

Concorde : Mythos mit platzenden Reifen

Die Unglücksstelle in Gonesse Bild: picture-alliance/ dpa

War die Katastrophe wirklich unvermeidlich? Ein französischer Untersuchungsrichter will herausfinden, wie es zum Absturz der Concorde in Paris kam. Bei seinen Recherchen ist er auf Versäumnisse und Unzulänglichkeiten gestoßen.

          5 Min.

          War die Katastrophe wirklich unvermeidlich? Diese Frage gerät fünf Jahre nach dem Absturz der Concorde kurz nach dem Start vom Pariser Flughafen Charles de Gaulle Roissy ins Zentrum der Ermittlungen, die der französische Untersuchungsrichter Christophe Regnard leitet. Bei dem schrecklichen Unfall des Überschallflugzeugs kamen 113 Menschen ums Leben: hundert deutsche Flugreisende auf dem Weg zu einer Karibik-Kreuzfahrt, neun Mitglieder der Air-France-Besatzung und vier Personen am Absturzort Gonesse.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Auf die Bestürzung und Trauer über die Flugkatastrophe folgten Zweifel an der Sicherheit der Concorde. Hatte der Hersteller des Überschallflugzeugs, das wie ein nationales Wahrzeichen bewundert wurde, tatsächlich alles unternommen, um einen Unfall wie jenen von Gonesse zu vermeiden? Ist die zuständige Flugaufsichtsbehörde, die Direction generale de l'aviation civile (DGAC), ihrer Kontrollpflicht nachgekommen? Untersuchungsrichter Christophe Regnard ist bei seinen Recherchen auf Versäumnisse und Unzulänglichkeiten gestoßen. Drei ehemalige leitende Mitarbeiter der DGAC und vier für das Concorde-Programm verantwortliche Angestellte des Herstellerunternehmens Aerospatiale (heute EADS) sind vorgeladen. Gegen den früheren Concorde-Chefingenieur Henri Perrier wurde Ende September Anklage wegen „fahrlässiger Tötung“ erhoben. Weitere Anklageerhebungen sind noch in dieser Woche zu erwarten, am Dienstag wurde ein weiterer Zeuge vernommen.

          Ausstellungsstück in Luftfahrtmuseen

          Zunächst hatte es ausgesehen, als sollte nur die amerikanische Fluggesellschaft Continental Airlines von der französischen Justiz zur Rechenschaft gezogen werden. Im März ist ein Strafverfahren gegen Continental als Rechtsperson eröffnet worden. Ein Mechaniker der Fluggesellschaft, der einer gerichtlichen Vorladung im Juni nicht gefolgt war, wird seither mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Doch das Continental-Verfahren könnte schon bald zum Nebenschauplatz werden. Continental wird zur Last gelegt, daß eines ihrer Flugzeuge, eine DC 10, ein 44 Zentimeter langes Titan-Teil auf jener Startbahn verloren hatte, von der die Concorde fünf Minuten später abheben sollte. Das Titan-Teil soll die fatale Kettenreaktion ausgelöst haben, die zum Absturz führte. Das wird in zwei voneinander unabhängigen Untersuchungsberichten festgehalten. Die linken Reifen des Concorde-Fahrwerks rollten bei einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Kilometern in der Stunde über das Metallstück und platzten bei dem Schock.

          Der „fliegende Bleistift”

          Die Reifenstücke prallten auf den Seitenflügel der Concorde und rissen ein Loch in den Kerosintank. Das auslaufende Kerosin fing Feuer; in Sekundenschnelle breiteten sich die Flammen aus und beschädigten die linken Triebwerke. Eine Minute und 17 Sekunden nach dem Start entschloß sich der Concorde-Mechaniker, eines der linken Triebwerke auszuschalten. Fünf Sekunden später richtete der Kontrollturm vergeblich eine letzte Nachricht an „Air France 4590“. Um 16.44 Uhr und 36 Sekunden, am 25. Juli 2000, stürzte die Concorde „Sierra Charlie“ in Gonesse ab. Für die französische Staatsführung war damit auch der Traum vom modernsten und schnellsten Flugzeug der Welt geplatzt. Wie schwer es fiel, sich von dem eleganten Flugzeug, in das Millionen aus der französischen - und britischen - Staatskasse geflossen waren, zu verabschieden, zeigte auch die Wiederaufnahme des Flugbetriebs nach dem Absturz. Erst im Oktober 2003 wurde der Flugbetrieb eingestellt - und die Concorde zum Ausstellungsstück in Luftfahrtmuseen.

          „Eine sehr schwere Entscheidung“

          Schon am 3. Oktober 1979 war es zu einem Concorde-Unfall gekommen, der heute von allen Flugfachleuten als Vorläufer der Katastrophe von Gonesse angesehen wird. Beim Start am Flughafen in Washington D. C. waren Reifen geplatzt und hatten ein Leck in die Treibstofftanks gerissen. Wie durch ein Wunder fing das auslaufende Kerosin nicht Feuer, und die Concorde konnte nach 26 Minuten Flug wieder in Washington landen. Der Unfall wurde damals zum Thema einer französischen Kabinettssitzung. Präsident Valery Giscard d'Estaing stellte die Frage, ob der Flugbetrieb mit der Concorde eingestellt werden müsse. „Das war eine sehr schwere Entscheidung, denn die Concorde stellte für die Franzosen etwas Bedeutsames dar“, sagt der Luftfahrt-Historiker Claude Alain Sarre. „Sie war kein Flugzeug mehr, sondern ein Mythos. Und für einen Staatsmann ist es sehr heikel, einen Mythos zu zerstören.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.