https://www.faz.net/-gum-rhgv

Concorde : Mythos mit platzenden Reifen

Der damalige französische Transportminister Joel Le Theul wandte sich direkt an den Chefingenieur Michel Bourgeois, der für die Flugbehörde BEA den Unfall in Washington analysiert hatte. Die französischen Journalisten Bernard Vaillot und Ludovic Fossard haben den inzwischen pensionierten Bourgeois für die im zweiten französischen Fernsehen France 2 ausgestrahlte Sendung „Envoye special“ befragt. Bourgeois erinnerte sich, daß seine Rolle nicht einfach war: „Man hat mich gefragt, ob sich so etwas wiederholen kann. Ich habe gesagt, ein Reifen kann immer platzen, das kann passieren. Es ist unwahrscheinlich, aber möglich.“ Im Namen der Flugbehörde BEA habe er damals empfohlen, die Reifen zu verstärken sowie die Tanks besser vor äußeren Schocks zu schützen. Aber die BEA-Empfehlungen wurden offensichtlich nicht befolgt. Erst nach dem Absturz der Concorde, also mehr als 20 Jahre nach der BEA-Empfehlung, wurden die Treibstofftanks durch eine spezielle Beschichtung verstärkt. „Die Concorde war das einzige Linienflugzeug“, sagt Bourgeois, „bei dem Fahrgestell, Treibstofftanks und das Getriebe so nah beieinander lagen.“

Eine abwartenden Passivität

Eine weitere Schwachstelle der Concorde - die Reifen - war dem Hersteller Aerospatiale ebenfalls seit Ende der siebziger Jahre bekannt. In 24 Betriebsjahren wurden 70 Pannen durch geplatzte Reifen registriert, von denen 67 „signifikante Schäden“ bewirkten. Im Vergleich zu einem Flugzeug des Typs Airbus war das Risiko einer Reifenexplosion bei der Concorde 66 Mal höher. 1981 hatte der französische Reifenhersteller Michelin einen den besonderen Anforderungen der Concorde besser gewachsenen Reifentyp konzipiert und Aerospatiale angeboten. Doch die Entwicklungskosten in Höhe von umgerechnet zwei Millionen Euro führten bei Aerospatiale dazu, das Michelin-Angebot zurückzuweisen. Der Anwalt der Nebenkläger, der Familie des verunglückten Concorde-Piloten Christian Marty, will herausgefunden haben, warum nicht weiter in eine verbesserte Sicherheit bei der Concorde investiert wurde. „Wie erklärt sich, daß auf bekannte Schwächen der Concorde nicht reagiert wurde?

In ihrem jüngsten Bericht sprechen die Fachleute von einer abwartenden Passivität. Warum? Weil sich niemand mehr für die Concorde interessierte“, sagt Anwalt Roland Rappaport. „Wenn man ein Flugzeug entwickelt, dann nicht, um 16 Modelle davon zu bauen. Aber von der Concorde wurden nur 16 Maschinen gebaut. Die Entwicklungskosten waren sehr hoch. Doch schon bald war klar, daß die Concorde ein Ausnahmemodell bleiben würde. Deshalb interessierte man sich nicht mehr für die Concorde. Man interessierte sich für den Airbus.“

Verwirrende Augenzeugenberichte

Bernard Vaillant und Ludovic Fossard sind bei ihrer Recherche für das französische Fernsehen auf zumindest verwirrende Augenzeugenberichte der Feuerwehrmänner gestoßen, die während des Concorde-Unglücks ihren Dienst am Pariser Flughafen versahen. Einer der Feuerwehrmänner berichtete den Journalisten, daß die Concorde schon Feuer gefangen hatte, bevor die Reifen in Kontakt mit dem Metallstück gerieten. War die Unglücks-Concorde nicht flugtauglich? Zwei ehemalige Concorde-Piloten stellen sich diese Frage. „Das Flugzeug hätte nicht in Dienst genommen werden dürfen. Aber der kommerzielle Druck war so stark, und es war die letzte Concorde, die zur Verfügung stand“, sagte Pilot Jean-Marie Chauve. Der Unglücksmaschine fehlte nach den jüngsten Erkenntnissen der Ermittler ein Verbindungsstück am linken Fahrwerk. Im offiziellen Unfallbericht der BEA wird das Fehlen des Teils als „schwerer Fehler“ der Air-France-Wartung hervorgehoben.

Die ehemaligen Piloten halten diesen Mißstand für eine der Unfallursachen, zu dem erschwerend hinzukam, daß die Concorde beim Unglücksflug überladen war. Die Concorde sei von Anbeginn des Starts geringfügig nach links abgedriftet. „Das hat viele Dinge bewirken können. Zum Beispiel, daß die Reifen schon überstrapaziert waren, bevor sie auf das Metallstück stießen“, sagte der ehemalige Concorde-Chefmechaniker Michel Suaud. Die vielbeachtete Fernsehreportage hat in Frankreich zu einer Debatte über die Ausnahmestellung der Concorde geführt, die offenbar auf Kosten der Sicherheit ging. Die französische Justiz wird darüber zu befinden haben, wie weit sich vom Staat dominierte Unternehmen wie Aerospatiale und Air France sowie die staatliche Flugaufsichtsbehörde DGAC Fahrlässigkeit vorwerfen lassen müssen.

Weitere Themen

Wie riecht ein USB-Stick?

Datenträgerspürhunde : Wie riecht ein USB-Stick?

Auch als Reaktion auf den Missbrauchsfall in Lügde setzt die Polizei nun Datenträgerspürhunde ein. Im Zeitalter der Digitalisierung wird das Schnüffeln nach Datenträgern bei der Aufklärung von Kriminalfällen immer wichtiger.

Topmeldungen

Zögern in Wolfsburg: VW dürfte doch kein neues Werk in der Türkei bauen.

F.A.Z. exklusiv : Bulgarien lockt VW mit mehr Geld

Wegen der türkischen Offensive in Syrien legt VW Pläne für ein Werk nahe der Metropole Izmir auf Eis. Nun hofft Sofia, doch noch das Rennen um die begehrte Milliardeninvestition zu machen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.