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Prozess nach 30 Jahren : Wird der Tod von Claudia Otto nun aufgeklärt?

Verbarg sich lange: Der Angeklagte wird in den Gerichtssaal geführt. Bild: dpa

Jahrzehntelang blieb der Mord an Claudia Otto ­ungeklärt. Nach neuen DNA-Analysen wurde Detlef M. verhaftet. Er hat schon zwei andere Menschen umgebracht. Nun steht er in Bonn vor Gericht.

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          Detlef M. sieht in seiner braunen Freizeitjacke auf den ersten Blick aus, als würde er nur eben mal vorbeischauen im Saal 011 des Land­gerichts Bonn, ein Rentner, der sich mit Prozessbesuchen die Zeit vertreibt. Doch der 66 Jahre alte Mann kommt in Begleitung eines Justizbeamten – und er trägt Handschellen. Detlef M. hat wegen eines brutalen Doppelmords sowie Eigentums- und Drogendelikten schon mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht. Nun will die Staats­anwaltschaft ihm nachweisen, dass er auch der Mörder von Claudia Otto aus Lohmar bei Bonn ist.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die damals 23 Jahre alte Claudia wurde am 9. Mai 1987 im von ihren Eltern geführten Landhotel „Naafshäuschen“ mit Nylonstrümpfen gefesselt und dann mit einer Krawatte erdrosselt. Dann durchwühlte der Mörder die über der Gaststätte gelegene Wohnung der jungen Frau und stahl die Tageseinnahmen aus dem Tresor des Lokals – rund 6100 Mark. „Mein Mandant möchte erklären, dass er die angeklagte Tat nicht begangen hat“, ließ M. seinen Verteidiger zum Prozessauftakt vor zwei Wochen mitteilen. Detlef M. selbst schweigt eisern, verfolgt die Hauptverhandlung aufmerksam und ohne äußere Zeichen von Nervosität.

          Eines der aktuell spannendsten Cold-Case-Verfahren

          Dafür macht Strafverteidiger Uwe Krechel am Donnerstagmorgen einen umso aufgewühlteren Eindruck. „Heute ist der Tag der Tage“, trompetet der Anwalt. Zuvor hat er in einem langen Grundsatzappell an die Kammer über Zweifel, illegitime Plausibilitätserwägungen, Wissenschaftlichkeit, Gott und die Welt deutlich gemacht, dass er wenig bis gar nichts von den Argumenten der Anklage hält. Der Fall Claudia Otto ist eines der aktuell spannendsten Cold-Case-Verfahren, also ein Verfahren, das trotz intensiver, manchmal jahrzehntelanger Bemühungen bisher ergebnislos geblieben ist. Umso entscheidender ist dieser zweite Prozesstag. Gleich drei Gutachter hört die Kammer zur zen­tralen Frage, ob eine nach neusten technischen Möglichkeiten ausgewertete DNA-Probe ausreicht, um Detlef M. nach 35 Jahren als Mörder zu überführen.

          Es ist der vierte Anlauf, den die Ermittler gegen den Mann unternehmen. Der frühere Betonbauer war schon kurz nach dem Mord ins Visier von Polizei und Staatsanwaltschaft geraten, weil er wegen seines aufwendigen Lebensstils und seiner Spielsucht hohe Schulden hatte und im „Naafshäuschen“ Stammgast war. Wegen diverser Rauschgift- und Eigentumsdelikte hatte M. damals schon mehrere Jahre im Gefängnis verbracht und war der Polizei als skrupelloser Krimineller bekannt. Ausgerechnet im Bettchen seines Sohns hatte er Heroin im Wert von 140.000 Mark und 3,2 Kilogramm Haschisch versteckt.

          Mord an dem 15 Monate alten Patrick

          Doch 1987 konnte man M. im Fall Claudia Otto mit den verfügbaren kriminalistischen Mitteln nichts nachweisen, damals standen Faserspuren im Zentrum der Ermittlungen, an die systematische Auswertung von DNA-Spuren war damals noch nicht zu denken. Auch von Claudia Ottos Leichnam wurden per Klebefolien dutzende Faserspuren genommen. Keine führte zu Detlef M. Diese Folien sind nach Überzeugung der Anklage nun das entscheidende Beweisstück.

          Wenige Monate nach dem Tod der Wirtstochter zog der damals arbeitslose M. mit Frau und Kindern ins Sauerland. Woher die 180.000 Mark für das Haus kamen, das sie sich dort leisteten, blieb unklar. Kurze Zeit später, am 12. November 1988, drang M. in die abgelegene Villa der Unternehmerfamilie Padberg in Eslohe ein. Er wollte den 15 Monate alten Patrick entführen, um 1,2 Millionen Mark Lösegeld zu erpressen. Doch das Vorhaben lief aus dem Ruder, als es der Großmutter gelang, das Kind an Armen und Beinen zu packen. M. erdrosselte die Frau.

          Auch Patrick lebte nicht mehr lange. „Er war einfach nicht zu bändigen, er schrie dauernd im Auto“, gab M. später zu Protokoll. „Ich wollte nur, dass er endlich still ist.“ M. vergrub den Leichnam in einem Waldstück – und forderte dann von den aus einem Kurzurlaub zurückgeeilten Eltern in mehrfachen Telefonanrufen Lösegeld. Phonetik-Fachleute des Bundeskriminalamts waren sich bald sicher: Der Anrufer ist gebürtiger Rheinländer und 30, höchstens 40 Jahre alt. Die zuständigen Dortmunder Ermittler hatten gerade begonnen, die sauerländischen Einwohnermeldeämter nach Zugezogenen mit diesem Merkmal zu durchforsten, als von den Bonner Kollegen ein Hinweis auf ­Detlef M. und Akten unter anderem zum Fall Claudia Otto eingingen.

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