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Bushido freigesprochen : „Alle Schuhe befanden sich an unseren Füßen“

  • -Aktualisiert am

Der Rapper Bushido 2014 im Amtsgericht in Berlin neben seinem Anwalt Stefan Conen. Er soll ein Jahr zuvor einen Fan mit einem Schuh geschlagen haben. Bild: dpa

Nach nicht einmal einer Stunde wird Rapper Bushido vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen. „Ich glaube Ihnen kein Wort“, sagt der Richter den angeblichen Zeugen. Ein Dramolett vor Gericht - als wäre es geprobt.

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          Wenn Anis Mohamed Youssef Ferchichi nicht im Musikgeschäft tätig wäre, sondern, sagen wir, ein Herrenoberbekleidungsgeschäft betriebe, wäre das Verfahren gegen ihn und seinen Nachbarn wohl eines von vielen geblieben, die vor dem Amtsgericht Tiergarten Tag für Tag stattfinden. Routine eben. Weil aber Ferchichi, der auch unter dem Namen Bushido bekannt ist, als Angeklagter vor Gericht stand – die Anklage warf ihm vor, gemeinsam mit seinem Nachbarn Fadi El H. einen Fan geschlagen zu haben –, wurde der Prozess gleich zwei Mal in einen größeren Saal verlegt, um niemanden aus dem üppigen Presse- und dem sichtbar weniger üppigen Fantross abweisen zu müssen.

          Als die beiden Herren nach nicht einmal einer Stunde als Freigesprochene den ehrwürdigen Saal 500 verließen, stürzten einige auf den Sprecher des Gerichts zu: „Muss denn so ein Quatsch zur Hauptverhandlung kommen?“. Ja, sagte Tobias Kähne, keinesfalls wolle sich das Gericht dem Verdacht aussetzen, irgendeinen „Promi-Bonus“ zu geben.

          Wie üblich verlas zunächst der Staatsanwalt die Anklage: gefährliche Körperverletzung. Nachbar El H. habe einem der Jungen, die vor Ferchichis Tür herumlungerten, eine Ohrfeige verpasst, Ferchichi habe ihn mit einem Schuh geschlagen. Ob sie sich dazu äußern wollten, fragte der Richter. „Ich würde mich äußern“, erwiderte Ferchichi im geschwollen Ton der Berliner, die fein sprechen wollen, und sein Nachbar ließ sich, schwer verständlich, aber offensichtlich ähnlich ein.

          Anis Mohamed Youssef Ferchichi
          Anis Mohamed Youssef Ferchichi : Bild: dpa

          Ferchichi schilderte den Hergang des Geschehens: Am Spätnachmittag des 19. Mai 2013 hätten einige Jugendliche immer wieder bei ihm geklingelt und sich nicht abweisen lassen. So sei er schließlich zu ihnen hinaus gegangen, habe seinem Nachbarn El H. signalisiert, doch dazu zu kommen, und habe die Jungen, die sich ihm schon häufig rüpelhaft bemerkbar gemacht hätten, gebeten, ihn doch endlich in Ruhe zu lassen. Bis auf das vermeintliche Opfer seien alle in ein Auto gesprungen und davongefahren; dieser Jugendliche habe zu seiner Überraschung zu El H. gesagt: „Was willst du Hund?“ und habe sich dem bulligen El H. genähert. Daraufhin habe sein Nachbar dem Jungen einen Schubs gegeben, er sei gestolpert und hingefallen, als er zum Schlag gegen El H. – dieser ist 45 Jahre alt und hat jahrelang als Türsteher gearbeitet, weiß also Ferchichis Ansicht nach recht genau, „wie man deeskaliert“ – ausgeholt habe. Dann habe man den Jungen „vom Boden aufgehoben“ und festgehalten und die Polizei verständigt. Der Junge habe gebeten, nicht die Polizei zu rufen, denn er habe „Sachen am Laufen“, und habe schließlich gedroht, falls die Polizei komme, werde er ihn, Ferchichi, anzeigen.

          Ob er das vermeintliche Opfer, das inzwischen wegen der „anderen Sachen“ drei Monate im Gefängnis verbracht hat, mit dem Schuh geschlagen habe? Oh nein, erwiderte Ferchichi, „ich hatte ein Paar Schuhe an den Füßen, die ganze Zeit, alle Schuhe befanden sich an unseren Füßen“. Der Junge, von Kopf bis Fuß in Markensportkleidung, wurde als Zeuge aufgerufen, und brabbelte, man habe „viel Scheiße erzählt“. Weiter wolle er nichts sagen – er war belehrt worden, dass man zwar vor Gericht und auch sonst im Leben die Wahrheit sagen, sich selbst aber nicht belasten muss. So hielten es auch die anderen Jungen. Als die aber aussagten, hörten sie vom Richter: „Ich glaube Ihnen kein Wort“. Das „Verhalten der Jugendlichen“, so der Richter nach dem Freispruch, „zieht einem die Schuhe aus“.

          Wenn Ferchichi nicht Musikunternehmer, sondern wahlkämpfender Politiker wäre, könnte man  vermuten, das Dramolett vor Gericht müsste inszeniert gewesen sein.

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