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Brunner-Prozess : Zeuge: „Ich habe den Hintern nicht hochgekriegt“

Der wegen Mordes angeklagte Sebastian L. im Gespräch mit seinem Anwalt Bild: APN

Kalt und beängstigend soll der Blick des Angeklagten gewesen sein, bevor er auf Dominik Brunner losging. Ein Zeuge ahnte, dass eine schlimme Schlägerei bevorstand - und blieb untätig. Heute bedauert er das.

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          Erstmals hat an diesem Mittwoch ein Zeuge im Prozess um den gewaltsamen Tod des Managers Dominik Brunner bedauert, nicht eingegriffen zu haben. Wie ein menschliches Schutzschild sei ihm Dominik Brunner vorgekommen, sagt Wolfgang A. vor Gericht. Der 47 Jahre alte Mann saß am 12. September 2009 in der S-Bahn 7, in der auch Brunner saß. Aus dem Fenster habe er beobachten können, wie Brunner auf dem Bahngleis schützend vor den Kindern gestanden habe, die verängstigt wirkten. Abwartend habe er dort gestanden, konzentriert: in Verteidigungsstellung, im Ausfallschritt, auf der Stelle tänzelnd. Links neben Brunner habe er zwei Jugendliche gesehen. Genau erinnere er sich an den Blick des einen jungen Mannes: „Kalt und angsteinflößend, voller Verachtung“. Er, der Größere der beiden, habe dann ein Schlüsselband aus der Tasche gezogen und die Schlüssel zwischen die Finger gelegt. „Mir war klar, dass eine wüste Schlägerei unmittelbar bevorsteht. Ich habe mir schon Gesichtsverletzungen vorgestellt.“ Dann fuhr die S-Bahn ab.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Warum sind Sie denn nicht aufgestanden, wenn das Ganze so gefährlich aussah?“, fragt ihn der Verteidiger. Und Wolfgang A. wird als erster Zeuge aussagen, dass es ein Fehler war, nicht einzugreifen: „Ich habe mir oft überlegt, ob ich nicht hätte aussteigen sollen. Ich habe mir damals gesagt, nur um mich zu beruhigen, die beiden Jungen hinter ihm, die werden ihm schon helfen. Aber eigentlich wusste ich genau, dass die nichts ausrichten werden.“ Er habe „den Hintern nicht hochgekriegt“.

          Das Gericht ficht diese Wankelmütigkeit nicht an

          Mit seinen Aussagen vor Gericht fügt er dem Bild von Dominik Brunner am Mittwoch eine weitere Facette hinzu, das sich die öffentliche Meinung mal so, mal so zusammensetzt. Wenn der S-Bahn-Fahrer aussagt, Brunner habe zuerst zugeschlagen, es sei eine „normale“ Situation gewesen, ist Brunner schnell derjenige, der alles falsch gemacht hat. Wenn Wolfgang A. aussagt, er habe abwartend gewirkt, dann ist man wieder in der Nähe des Bildes, das die Brunner-Wahrnehmung unmittelbar nach der Tat prägte.

          „Ein Schlüsselband aus der Tasche gezogen und die Schlüssel zwischen die Finger gelegt”

          Das Gericht ficht diese Wankelmütigkeit nicht an - widersprüchliche Aussagen sind Arbeitsalltag im Strafverfahren. Um das Aussageverhalten indes besser einschätzen zu können, sind an diesem Mittwoch die Polizisten als Zeugen geladen, die Marcel L. - einen der Schüler, die Brunner schützte - direkt nach dem Vorfall vernahmen. Am Donnerstag hatte Marcel L. vor Gericht ausgesagt, dass Brunner zuerst geschlagen habe und dass er sich nicht erklären könne, warum er auf die beiden Angeklagten zugegangen sei.

          „Du Spack, dann ruf doch die verdammten Bullen!“

          Doch am 12. September 2009, etwa drei Stunden nach der Tat, hatte er das Geschehen noch anders dargestellt. Ein Polizeikommissar sagt aus, Marcel L. habe damals gesagt, die beiden Angeklagten hätten die Schüler auch in der S-Bahn bedroht. Brunner habe daraufhin angekündigt, die Polizei zu rufen. Einer der Angeklagten sagte demnach: „Du Spack, dann ruf doch die verdammten Bullen!“ Als die S-Bahn hielt, stieg Brunner mit den Kindern aus, die beiden Angeklagten kamen hinterher. Dort hätten sie gesagt: „Den verhauen wir jetzt.“ Brunner zog dann seinen Rucksack aus, warf die Jacke weg. Da hätten die beiden schon mit erhobenen Fäusten vor ihm gestanden. Doch Brunner sei schneller gewesen und habe den einen Angreifer ins Gesicht geschlagen. Dieser sei dann richtig wütend geworden und habe den Schlüssel aus der Tasche gezogen. „Dann fing er an auf Brunner einzuboxen, in massivster Weise.

          Beide hätten ihm Faustschläge und Tritte beigebracht, etwa 20 Schläge. Marcel L. habe noch versucht, Sebastian L. wegzuziehen. Zum Schluß habe einer noch einmal massiv getreten, von oben nach unten. „Wohin gingen die Tritte?“ - „Überwiegend auf Kopf und Oberkörper.“ Bei der Polizei wurde er damals auch gefragt, wer denn der Aggressivere von Beiden gewesen sei? „Die haben sich beide nichts genommen“, sagte Marcel L. damals aus.

          „Ein ganz lieber Mensch“

          Eine Freundin von Sebastian L. sagte am Mittwoch dazu, dass Sebastian „ein ganz lieber Mensch sei“. „Der würde niemals bewusst einem Menschen weh tun.“ Er sei noch ein „Kind im Kopf“. Zuvor schilderte sie, wie sie, Sebastian und andere Freunde die Tage verbringen. Pläne habe man nie groß gehabt. Eigentlich wollte man immer nur „Spass haben“. Was denn da so dazugehört habe, fragt die Staatsanwältin. „Keine Ahnung, Gras eben, auch Alkohol.“

          Auch ein frühere Freundin von Markus S., die ihn seit fünf Jahren kennt, sagt am Mittwoch unter Tränen vor Gericht, dass sie sich die Tat nicht erklären könne. Kinder habe er gerne gehabt, auch schon übers Heiraten gesprochen. Wütend sei er geworden, wenn sie ihm verbot, zu kiffen. Oder wenn jemand seinen großen Bruder beleidigte. „War er schnell aus der Fassung zu bringen?“- „Ja, er war sehr unsicher.“

          Sie hätten sich öfter nach ihrer Arbeit im Park getroffen. Markus S. sei ja von der Schule geflogen. Nach ihren Angaben ist er auch mal einen Monat lang zum Kung Fu gegangen. Berufspläne? „Er wollte Rapper werden. Das hat er gut gekonnt.“

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