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Bruder von Sophia L. : „Man hat uns als Nervensägen gesehen“

Fundort der Frauenleiche in Spanien Bild: dpa

Seit Freitag steht fest, dass die vermisste Studentin Sophia tot ist. Bei der Suche nach ihr fühlte sich ihr Bruder Andreas Lösche von der Polizei lange alleine gelassen. Im Interview erhebt er schwere Vorwürfe.

          Herr Lösche, Ihre Schwester ist am Donnerstag vor zweieinhalb Wochen an einer Tankstelle bei Leipzig in einen Lastwagen gestiegen, um nach Bayern zu trampen. An diesem Freitag hat die Polizei bestätigt, dass ihre Leiche in Nordspanien gefunden wurde. Wann haben Sie sich zum ersten Mal Sorgen gemacht?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Mein Vater hat sich sofort Sorgen gemacht, als Sophia am Donnerstagabend nicht zur vereinbarten Zeit in Amberg ankam. Um 7.45 Uhr am nächsten Morgen wollte er sie bei der 110 als vermisst melden. Er wurde aber abgewimmelt, er solle sich gegen Mittag an das Polizeirevier Amberg wenden.

          Sie haben angefangen, auf eigene Faust nach ihr zu suchen. Wie lief das ab?

          Wir wussten alle sofort, was los war, ihre Familie, ihre Freunde. So sind von Leipzig und Berlin über Bamberg und Amberg viele aktiv geworden, nachdem sich der Eindruck verfestigte, dass die Polizei der Sache zwar ein Aktenzeichen gegeben hatte, mehr aber anfangs auch nicht. Mehr als 80 Leute waren unterwegs, sind Raststätten und Parkplätze an der Autobahn zwischen Leipzig und Nürnberg abgefahren und haben Suchplakate aufgehängt. Die Cousine von Sophia hat die Polizei überredet, sich die Videos der Überwachungskamera von dem Autohof anzuschauen, in dem Sophia gestartet war. So kamen wir auf die Spedition.

          Wie haben Sie den Lastwagenfahrer ausfindig gemacht, der später in Spanien festgenommen wurde und heute als dringend verdächtig gilt, Ihre Schwester umgebracht zu haben?

          Zwei aus dem Leipziger Team haben einfach die Spedition in Marokko angerufen mit Hilfe eines Arabisch sprechenden Freundes. Das war Montagmittag. Wir waren die Ersten, die sich dort gemeldet hatten, was uns dann doch einigermaßen verwundert hat. Der Fahrer sagte, er habe Sophia an einer Autobahnausfahrt rausgelassen. Wir hatten Zweifel an seinen Aussagen, diese erhärteten sich nach einem weiteren Anruf meinerseits bei der Spedition.

          Wann haben Sie der Polizei von dem Lkw-Fahrer berichtet?

          Natürlich umgehend. Wir hatten nicht den Eindruck, dass man dem Fahrer schon auf der Spur war. Zwischen der Polizei in Sachsen und Bayern hatte man da gerade erst die Zuständigkeiten geklärt.

          Wie lief sonst die Zusammenarbeit mit der Polizei?

          Von Montagvormittag an mit Bayern hervorragend, mit Leipzig leider ganz schlecht, dort hat man uns eher als „Nervensägen“ gesehen.

          Was hat die Polizei in Ihren Augen falsch gemacht?

          Es hätten sofort die Alarmglocken läuten sollen, denn der Fall war eindeutig. Die Leipziger mussten erst stundenlang bekniet werden, bis sie sich an die Raststätte bemüht haben, um die Videoaufzeichnungen zu sichten. Das war 40 Stunden nach Sophias Verschwinden. Als man dann Fahrer, Lkw und Kennzeichen kannte, ist exakt überhaupt nichts unternommen worden. Die Behandlung der Angehörigen und der Freunde durch die Leipziger Polizei lässt bis zum heutigen Tag jedwede Empathie und jedes Mitgefühl vermissen. In Bayern hingegen kommunizieren wir seit Montag vor einer Woche mit tollen Beamten.

          Sie haben während Ihrer Suche Hassmails bekommen, weil der verdächtige Lkw-Fahrer aus Marokko kommt und Ihre Schwester sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte.  Warum haben Sie sich dazu entschieden, dem öffentlich entgegenzutreten? Oft wird es ja dadurch noch schlimmer.

          Weil Sophia das auch so gemacht hätte. Sie würde unter keinen Umständen wollen, dass auf ihre Kosten rassistische Hetze betrieben wird. Nachdem wir uns öffentlich gewehrt hatten, wurde es besser. Zudem haben fast alle Online-Medien die Kommentarfunktionen deaktiviert, das war unsere eigentliche Intention. Es wird eine juristische Aufarbeitung geben, das hat uns die Staatsanwaltschaft in Bamberg bereits wissen lassen.

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